Warum gibt es keinen öffentlichkeitswirksamen Protest gegen die Forstwirtschaft?

Hartmann über den Kampf gegen die Studiengebühren

Am 30. Juli 2017 war Hartmann Gast beim Pleisweiler Gespräch der Nachdenkseiten in der Nonnensuselhalle in Pleisweiler-Oberhofen. Er referierte über das Thema „Reichtum und Eliten“. Ein wichtiges Thema am Ende des Vortrags und in der anschließenden Diskussion war die Frage, wie man in der Politik etwas erreicht:

„Wenn sich oben ′was bewegen soll, geht das nach meiner Erfahrung – und die reicht jetzt lange zurück – nur durch öffentlichen Druck. […] Öffentlicher Druck ist das einzige, wo man politisch ′was mit bewirken kann […].“1

Hartmann erläuterte seine Position an einem Beispiel aus seinem eigenen Leben, dem Kampf gegen Studiengebühren:2

„Ich bin wegen Studiengebühren mehrere Jahre die Republik rauf und runter. Ich hab‘ mit x Wissenschaftsministern, Hochschulrektoren diskutiert, weil es so wenige Wissenschaftler gab, die dagegen waren und das auch öffentlich bekundet haben und hab‘ immer gedacht, naja gut o. k., du gewinnst jede Diskussion, ich kann mich noch an Freiburg erinnern mit Frankenberger, da war die ganze Stadthalle mit 1.400 Studis voll, war ’ne schöne Diskussion, argumentativ war das immer relativ einfach, aber: sie haben es ja trotzdem beschlossen. Und dann hat die hessische Landesregierung unter Roland Koch ’nen gravierenden taktischen Fehler gemacht und heute sind sie weg.“

In der nachfolgenden Diskussion kommt Hartmann noch einmal auf die Studiengebühren zu sprechen:3

„Ich mach ’s mal am Beispiel Studiengebühren, weil das das letzte erfolgreiche Erlebnis war. Also wie gesagt, ich bin durch die Republik gefahren und habe mich bemüht, die Argumentation der Befürworter auseinander zu pflücken. […]  Nun, ich hab‘ im Nachhinein gemerkt – mir begegnen ja manche von diesen Studierenden – die sind jetzt alle im Beruf – bei verschiedenen Anlässen: Wenn man überzeugende Argumente hat, die für die Leute neu sind, fangen die an nachzudenken. Und das Zweite ist – das ist immer die Voraussetzung: sie müssen massiv betroffen sein. Ohne massive Betroffenheit haben Sie keine Chance. Sie können aber die Voraussetzungen legen. Und das war bei den Studiengebühren so, die Voraussetzungen hab‘ ich durch jahrelange Auftritte gelegt, die persönliche Betroffenheit war erst da, als in Hessen Koch gesagt hat, 500 € pro Semester überschreiten wir, wir nehmen für Master- / Promotionsstudiengänge 1.500. Und ich hab‘ das bei unseren Ingenieurstudis gesehen; 500 € waren für die 80 im Monat – das ging irgendwie. 1.500 waren 250 im Monat, das ging nicht mehr. Und dieselben, die noch ’nen Monat vorher ‚Naja o. k., ist nicht schön, aber geht!‘ [gesagt haben], waren auf einmal auf der Straße zu Tausenden.“

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  1. Pleisweiler Gespräch mit Prof. Michael Hartmann, Start um 1:07:52 []
  2. Pleisweiler Gespräch mit Prof. Michael Hartmann, Start um 1:08:05, Hervorhebungen von F.-J. A. []
  3. Pleisweiler Gespräch mit Prof. Michael Hartmann – Diskussion, Start um 2:07, Hervorhebungen von F.-J. A. []

7 Gedanken zu „Warum gibt es keinen öffentlichkeitswirksamen Protest gegen die Forstwirtschaft?

  1. Danke für den Artikel.
    Ja, massive Betroffenheit ist sicherlich eine Voraussetzung, wie Sie wunderbar darstellen.
    Hiermit zusammen hängen zwei Tatsachen, die ich kurz hinzufügen möchte: Einerseits erfolgen die Eingriffe in die Wälder jeweils sehr regional und andererseits auch noch eher „abgelegen“ – halt abseits der normalen Aufenthaltsorte der meisten Menschen.
    Erst wenn es ausreichend regionale Initiativen gibt, kann m.E. auf lange Sicht auch breitenwirksam etwas geschehen.
    Und ähnlich wie bei der Massentierhaltung, die versteckt in den Ställen erfolgt, des Schredderns der meisten männlichen Legehennen-Kücken und den „normalen“ Praktiken in den Schlachthäusern gibt es eine Entrüstung erst dann, wenn diese Praktiken öffentlich werden.
    Daher ist eine bundesweite Initiative, wie Sie sich aktuell vielleicht gerade zusammenfindet, die Voraussetzung, damit beide Tatsachen (Regionalität und Abgelegenheit) weniger schwerwiegend der Bildung einer größeren Bewegung im Wege stehen.
    Erst wenn auf überregionaler Basis Informationen zwischen zahlreichen Initiativen ausgetauscht werden können, ist eine erste Basis für eine informierte Bewegung gelegt.
    Aus eigener Erfahrung weiß ich, wie schwer es für fachfremde „massiv Betroffene“ ist, Informationen zu diesem Thema „kompakt“ zu erhalten. Nur wenn es leicht zugängliche Informationen und ggf. Ansprechpersonen für Betroffene gibt, können diese die Eingriffe einordnen, hinterfragen und ggf. weitergehend aktiv werden. Ansonsten bleiben die Betroffenen allzu oft „dumme Laien“ gegenüber den Landesforsten und es benötigt eine große Menge an Frustenergie, Zeiteinsatz und Hartnäckigkeit, um in dieser Lage überhaupt etwas zu bewirken — ganz abgesehen von einer Protestbewegung, die über die gefällten Bäume vor der eigenen Haustür hinausgeht.

  2. Massive Betroffenheit ist das eine, aber die Art des Gegners das andere. Proteste gegen die Fällung von drei Bäumen in einer Kommune sind oft erfolgreich, denn es hängt eine politische Entscheidung dran und die Politiker bangen um Wählerstimmen oder positiv formuliert, sind die Vertreter der Anwohner, die die Bäume behalten wollen. Erfolg fördert Nachahmer. Ist der Gegner aber eine Behörde, egal ob Forstbehörde oder Landwirtschaftskammer, fehlt dem Protest der Hebel. Die Behörde bleibt, auch wenn die politischen Mehrheiten sich ändern. Allenfalls gibt es ein paar neue Erlasse oder Angestellte. Letztere werden von den alten Beamten schnell eingenordet und bis die Erlasse an der Basis (Förster) angekommen sind, ist schon wieder Wahl. (Bsp.: Unser LWK-Förster zitierte immer aus dem alten LWaldG, sein Chef musste ihn drauf aufmerksam machen, dass es vor einigen Jahren geändert wurde.) Außerdem gibt es Landesbehörden, an denen beißt sich die Politik die Zähne aus, sie sind fest in Lobbyhand. Da hilft es nicht, wenn sie den Bürgerwillen ernst nimmt und Reformziele hat, zu zäh ist der Verwaltungsapparat, zu festgefahren die Ansichten. Die ändern sich höchstens in dem Tempo, in dem der Wald wächst.

  3. Warum protestieren die Menschen gegen die vermeintlichen Fehler der Forstwirtschaft nicht? Liegt es nur daran, dass sie „nicht massiv“ betroffen sind? Oder liegt es vielleicht auch daran, dass die meisten Menschen im Großen und Ganzen mit der Behandlung der Wälder in Deutschland durch die Förster ganz zufrieden sind?
    Ebenso wie es ernstzunehmende Argumente für Studiengebühren gibt, so gibt es auch ernstzunehmende Argumente, warum die jetzige Mainstream-Forstwirtschaft insgesamt gar nicht so schlecht ist. Das bedeutet nicht, dass nirgendwo Fehler gemacht werden, aber Fehler kommen bei hunderttausenden unterschiedlichen Waldbesitzern und Waldbewirtschaftern zwangsläufig vor. Die entscheidende Frage ist jedoch, ob diese Fehler symptomatisch für das gesamte forstliche Bewirtschaftungssystem sind.
    Die menschlichen Bedürfnisse und Wünsche variieren stark. Dementsprechend sind auch die Vorstellungen von einer optimalen Art der Waldbewirtschaftung sehr unterschiedlich. Eine allein objektiv richtige Form der Waldbewirtschaftung gibt es nicht und kann es gar nicht geben, denn jede Bewirtschaftung ist zielorientiert. Wer aber seine eigenen Zielvorstellungen absolut setzt, der ist vermutlich etwas denkfaul, im schlimmsten Fall ein Dogmatiker.

    Wir sollten die schweigende Mehrheit nicht pauschal verurteilen.

  4. Die schweigende Mehrheit wird hier ja nicht verurteilt, aber kritisiert. Gewiss sind es in der Forstwirtschaft schleichende Prozesse, viele davon sogar fast unsichtbar, wie die massive Bodenverdichtung, deren Folgen etwa bei Überschwemmungen dann nicht mehr den Forstmaschinen zugeschrieben werden, weil auch das Befahren über viele Jahre verteilt erfolgt ist.

    Wenn „die Forstwirtschaft“ damit zufrieden ist, dass sie „gar nicht so schlecht “ ist (und viele Selbstbelobigungen der Branche und Interessengruppen belegen dies ja), dann ist ihr Anspruch doch bestenfalls mittelmäßig. Anstatt die Mängel gezielt abzustellen (Fehler passieren dann immer noch aber eben viel weniger), wird derzeit eher nach Rechtfertigungen für eine intensive Holznutzung gesucht (z.B. „Klimaschutz“) und klare Regeln für das eigene Handeln (Gute Fachliche Praxis) werden rundweg abgelehnt. Dabei wäre gerade der Bodenschutz angesichts mangelnder Frostwinter eine wichtige und nicht kostenfreie Aufgabe.

    Wie es die neu gegründete Initiative auf Bundesebene zeigt, ist wieder mehr Beißen anstelle von Bellen angesagt. Dialoge und Diskurse erfüllen einen wichtigen Zweck, aber ohne mehr Biss wird es nicht reichen.

  5. Die Antwort auf Ihre Frage ist aus meiner Sicht ziemlich desillusionierend, aber klar:
    Kein Wissen-kein Interesse- KEINE EMOTIONEN!
    Der Wald muss liefern: Brennholz für den heimischen Kamin (fällt das weg oder wird’s zu teuer, brechen auch bei gestandenen Mannsbildern Emotionen aus!), Beeren, Pilze, Wildbret, gute Luft, Ruhe (nicht so wichtig, denn heutzutage joggt man mit Stöpseln in den Ohren durch die „Botanik“). Dass die aufgelichteten, löcherigen Forste nun den Lärm einer weit entfernten Straße durchlassen, fällt so kaum auf…
    Solange diese „Bedingungen“ erfüllt sind, stört allenfalls der von Forstmaschinen zerfurchte „Wanderweg“. Ob jetzt 10, 100 oder 1000 Bäume auf dem Hektar wachsen, Douglasien oder Fichten (wer kennt schon den Unterschied?…), jüngere oder ältere Bäume, ist von eher geringem Interesse. Peinlich wird’s höchstens , wenn man mal austreten muss und bekümmert feststellt, dass die eigene Hüftbreite den Stammdurchmesser der kümmerlichen Bäumchen bei weitem übertrifft…..
    Die Zeitung mit dem großen „B“ und den Riesenlettern hätte vielleicht das Potenzial, bei der Bevölkerung Emotionen zu schüren- klappt ja offensichtlich auch prima bei der Hetze gegen den Wolf. (Dann wäre es zur Abwechslung mal für eine gute Sache!)

  6. Die Menschen sind einfach desinteressiert und dumm! Das Auto, der Großbild-Fernseher oder das Samartphone sind ihnen wichtiger als eine heile Umwelt. Wenn ich mit meinen Hunden durch die Felder spazieren gehe, sehe (und höre) ich immer weniger Feldlerchen und gar keine Rebhühner mehr, aber ich kann häufig die chemischen Spritzmittel riechen. Es gibt kaum mehr Schmetterlinge. Im Wald werden alte Buchenwälder abgeschlachtet und die Flächen dann mit Nadelhölzern bepflanzt. Bei einem Waldspaziergang habe ich gesehen, wie das Holz dann in Container gepackt wurde. Der LKW-Fahrer sagte mir, die Buchen gingen nach China. Wie kann das sein? Wieso opfern wir unsere Wälder für eine kapitalistische Diktatur?
    Die Menschen haben die Ehrfucht vor der Natur verloren. Wenn sich das nicht ändert, wird die Menschheit untergehen. Das ist meine feste Überzeugung.

  7. Der dt. Urvater des Naturschutzes Philipp L. Martin klagte 1871 : Es würden “alle Naturproducte nicht nach ihrem wirklichen Werth für uns, sondern stets nach ihrem Geldwerth überhaupt berechnet“ und: Nur die “egoistische und rücksichtslose Bewirthschaftung“ trage die Schuld an der enormen Verarmung der Natur.

    Eine andere Ursache ist das Shifting Baseline Syndrom (SBS): Fehlende frühere Referenzpunkte und die mangelnde menschliche Vorstellungskraft über historische Biodiversität im Vergleich zu heute, dazu fehlende praktische Erkenntnismöglichkeiten über viele negative Begleiterscheinungen der modernen Forstwirtschaft, dazu keine breiten Naturerfahrungsmöglichkeiten in der Kindheit, dazu fehlende Vergleichsmöglichkeiten am Wohnort und viel zu abstrakte Schulpädagogik über Populationsökologie in Verbindung mit Zersiedlung + industrieller Landwirtschaft im Hinblick auf Verinselungsproblematik (auch Lehrer sind „Opfer“ von SBS), etc. – führt zu immer lückenhafterem Grundverständnis zu Themen wie Wald, Wiese, Wasser (trotz Fortschritten in der Forschung!) beim (immer unkritischeren) Laien.
    Dass der Siegeszug des Smartphones uns nicht ungefragt überlebenswichtige Themen dazu auftischt, befördert noch das SBS, egal was Oma und Opa uns zur guten alten Zeit unermüdlich schildern. Wir können sie nicht mehr voll verstehen!

    Dazu noch die nie endende Uneinigkeit der Fachleute und der Umweltverbände über die richtige Grenzziehung zwischen Ausnutzung unserer essentiellen Lebensressourcen und Nichtnutzung von Sekundärwildnis/ Wildnis in der nationalen und in der globalen Perspektive. Ausgerechnet Verstädterung als Voraussetzung für stabile Wertschöpfungsketten abseits der vom Primärsektor abhängigen Industrie befördert auch erst Naturschutz als wichtig erkanntes Lebensthema der Bürger! Denn Verstädterung ist ein Katalysator für verringerten Einfluss der Land- und Forstwirtschaft in Kommunalpolitik und in regionalen Naturschutzgruppen! Ist aber alles naturfern, reist der Deutsche zur Natur (und liebt sie auch in der Ferne häufig zu Tode!), CO2-Belastung all inclusive! Wir laufen jeder erkannten Degradation der Wälder davon, um dafür intakte Wälder zu degradieren!

    Außerdem fehlen im Hinblick des ökonomielastigen Missbrauchs der doppelten Garantenstellung öff. Forstämter für das geschundene Rechtssubjekt Wald zitierfähige Präzedenzurteile von nationaler Bedeutung (Legitimationsprinzip aus §152 StPO und dem Grundgesetz). „Was die Forstämter im Wald machen, muss wohl legal sein (sonst würden die das doch nicht wagen,oder?).“
    Gibt es Präzedenzfälle, kann man nämlich zu jedem Thema öffentlichen Protest wirksam erzeugen! Dazu Dieter Hildebrandt:
    „Es nützt nichts, das Recht auf seiner Seite zu haben. Man muss auch mit der Justiz rechnen!“

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