Das Fiasko der Umweltschutzorganisationen beim Altpapier

„Die Verantwortung für Nachhaltigkeit wird auf die […] Konsumenten übertragen.“
Werner Boote, The Green Lie – Die grüne Lüge

Neoliberale Ideologie

Ich halte das ganze Denkmodell, das hinter den Kampagnen der Umweltschutzverbände für Recyclingpapier und für das Siegel des Blauen Engels steckt, für falsch. Dieses falsche Denkmodell sieht ungefähr so aus:

Wir sollten Frischfaserpapier nicht verbieten. Das wäre ein Eingriff in den freien Markt. Die freie Entscheidung der Verbraucher ist unantastbar. Alles andere wäre Planwirtschaft und DDR und das wollen wir auf keinen Fall. Deshalb überlassen wir dem aufgeklärten und mündigen Bürger die freie Entscheidung. Wenn der Bürger nur alle wichtigen Informationen über Recyclingpapier hat, wird er die richtige Kaufentscheidung treffen und freiwillig und ohne jede staatliche Gängelung Recyclingpapier kaufen. Die überwältigende Nachfrage nach Recyclingpapier wird automatisch dazu führen, dass die Papierindustrie die Herstellung von Frischfaserpapier freiwillig einstellt.

Das ist lupenreine neoliberale Ideologie, aber jeder Funktionär der Umweltverbände wird diesen Vorwurf entrüstet zurückweisen und heftig bestreiten, dass er ein verkleideter Neoliberaler ist.1 Dabei wird es die üblichen Sprechblasen nur so hageln:

Freier Markt für die Holz- und Papierindustrie! … Ein Verbot von Primärfaserpapier ist staatliche Bevormundung. … Ökodiktatur … Der Staat darf nicht in die Holz- und Papierwirtschaft eingreifen! … Das verstößt gegen die freie Marktwirtschaft! … Das verbietet die EU-Kommission! … Der Gerichtshof der EU wird … Es verletzt die Menschenwürde, wenn der Staat den Menschen vorschreibt, Altpapier zu benutzen! … Ein Verbot von Nicht-Recyclingpapier gefährdet Arbeitsplätze! … Freiheit der Kaufentscheidung … Der Markt ist intelligent und wird für das richtige Ergebnis sorgen. … Freier Markt ist praktizierter Umweltschutz! … usw. usf.

Friedrich August von Hayek würde sich freuen! Und so werden alle Umweltschutzverbände Forderungen nach einem gesetzlichen Verbot von Frischfaserpapier scheuen wie die Arbeitgeber die Gewerkschaften.

Um Gottes willen keine Verbote! … Das ist politisch nicht durchsetzbar! … Das geht doch nicht! … Wie soll man denn … ? Das führt doch nur dazu, dass … Und was sollen die Leute von uns denken?

Vielleicht werden die radikalsten Verbandsmitglieder irgendwann für Warnhinweise auf den Verpackungen eintreten:

Aber die Mont-Pèlerin-Gesellschaft und andere neoliberale Thinktanks brauchen sich gar keine Sorgen machen. Ideen nach staatlicher Regulierung des Marktes würgen die Umweltschutzverbände schon ganz von alleine ab.

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  1. zum Neoliberalismus siehe z. B. die beiden Klassiker Philip Mirowski, Untote leben länger – Warum der Neoliberalismus nach der Krise noch stärker ist, Berlin 2015 und Sebastian Müller, Der Anbruch des Neoliberalismus – Westdeutschlands wirtschaftspolitischer Wandel in den 1970er Jahren, Wien 22017 []