Pessimistisches zum Advent – Bankrotterklärung Nr. 1 – Albrecht Müller

Die BBIWS, deren Mitglied ich bin, hat am 1. Dezember eine Petition gestartet: Wälder sind keine Holzfabriken – es reicht!!! Wir Bürger fordern ein neues Bundeswaldgesetz! Nach 10 Tagen haben 23.000 Menschen unterschrieben. Viele Mitglieder der BBIWS sind frohen Mutes, optimistisch und glauben an den Erfolg der Petition. Ich nicht.

Ich bin pessimistisch und vom Misserfolg der Petition überzeugt. Vor fünf Jahren sammelte die Online-Petition „Raus mit Markus Lanz aus meinem Rundfunkbeitrag!“ in nur 14 Tagen 230.000 Unterschriften. Bewirkt hat die Petition nichts. Überhaupt nichts. Markus Lanz moderiert immer noch seine Talkshow.

Markus Lanz

Es gibt weitere prominente Beispiele dafür, dass sich in Deutschland nichts ändert und Kritik völlig wirkungslos ist. Und das behaupte nicht ich; das behaupten die Akteure selbst, wenn man nur genau genug zuhört. Drei berühmte, aber nichtsdestotrotz völlig erfolglose Kritiker werde ich in den nächsten Tagen vorstellen. Heute beginne ich mit Albrecht Müller und einer der berühmtesten kritischen Webseiten in Deutschland: den NachDenkSeiten.

Am 30. November feierten die NachDenkSeiten ihr 15jähriges Jubiläum. Und ich war von Anfang an als Leser dabei. Gleich der erste Artikel von Albrecht Müller richtete sich gegen die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM):

„Das war Zufall, aber schlüssig. Denn die Gründung der INSM, dieser neoliberalen Propagandaorganisation der Metallarbeitgeber, war der Anstoß für die NachDenkSeiten-Idee. Auf der Suche nach Mitteln zur Gegenwehr kam mir Anfang 2001 der Gedanke, das Internet für eine kritische Begleitung des Geschehens zu nutzen.“1

Und genau das machen die NachDenkSeiten seit nun 15 Jahren: Sie „begleiten“ das Geschehen und den Siegeszug des Neoliberalismus. Die neoliberale Propaganda wirkt. Die NachDenkSeiten nicht. Verhindern konnten sie nichts. Gar nichts.

„Von Anfang an und bis heute ist das Hauptziel unserer Arbeit klar: Wir wollen aufklären, wir wollen vor allem Irreführung und Manipulationen sichtbar machen.“

Albrecht Müller beschreibt das „Hauptziel“: „aufklären“ und „sichtbar machen“. Seit 15 Jahren wird „kritisch hinterfragt“. Jeden Tag. Ergebnis: Null.

„Wir haben gerade in den letzten Jahren Vorschläge gemacht, wie diese Welt, wie unser Land zum Besseren verändert werden könnte und müsste.“

Keiner wurde von der Politik angenommen.

Albrecht Müller bei den Pleisweiler Gesprächen am 30. Juli 2017

Und dann kommt der Abschnitt, wo man ganz genau hinhören muss:

„[W]ir sehen eine gewisse Aufklärungsmüdigkeit. Wir haben sogar Verständnis dafür, dass viele Menschen keine Lust mehr haben, kritisch nachzudenken, weil sich eh nichts bewege, so ihr Eindruck.“

Müller hat Unrecht: Es ist nicht mein subjektiver „Eindruck“, dass sich nichts bewegt. Es bewegt sich tatsächlich nichts.

„Sie [= viele Menschen] arrangieren sich mit den Verhältnissen. Auch das können wir in gewisser Weise verstehen. Aber wir wollen das nicht mitmachen und bitten Sie darum, mit uns zusammen nicht den Frieden mit den bestehenden Verhältnissen zu schließen.“

Wie sieht das aus, wenn man sich nicht „arrangiert“? Was macht man, wenn man nicht „mitmacht“? Gegen wen führt man Krieg, wenn man nicht „Frieden schließt“? Was soll ich tun? Die Antwort bleibt Albrecht Müller schuldig. An einem Gesprächskreis teilnehmen? Ein Buch kaufen? Fördermitglied der NachDenkSeiten werden? Bei den nächsten Wahlen Die Linke wählen? In Ramstein mit 1.500 Personen gegen den Drohnenkrieg demonstrieren?2

Am Ende wird es ganz peinlich: Müllers Artikel endet mit dem Aufruf zur Jahresspende. Alle kritischen Webseiten wollen zum Jahresende eine Spende oder gleich eine Mitgliedschaft: nicht nur die NachDenkSeiten, auch KenFM, Rubikon, Makroskop, Greenpeace, BUND, NABU usw. usf.:

„Aufklärung wird immer dringlicher. Auch deshalb bitten wir um Ihre Jahresspende für die NachDenkSeiten.“

Müller ahnt, wie hochnotpeinlich dieser Spendenaufruf ist, denn:

„Manchmal fragen wir uns, ob die Aufklärungsarbeit noch Sinn macht. Die Gegenkräfte sind einfach wahnsinnig mächtig, medial mächtig, nicht an Argumenten und Fakten.“

Müller hat Unrecht: Die Gegenkräfte sind nicht nur „medial mächtig“. Sie sind real mächtig. Und sie schaffen „Fakten“. Aber er stellt die richtige Frage: Ist Aufklärungsarbeit sinnlos? Selbst traut er sich die Antwort gar nicht zu. Er schiebt einen Leser vor:

„Zunächst möchte ich mich […] für Ihre […] wirksame Arbeit bedanken! Ohne die Nachdenkseiten würde ich persönlich wesentlich uninformierter und naiver auf die politischen Vorgänge in unserem Land als auch weltweit schauen […]“

Die Wirkung ist, dass man schaut. Man schaut zu. Man ist zwar informiert: Aber man bleibt Zuschauer. Immer.

„[I]ch denke, dass es einige hunderttausend Menschen gibt, die von sich dasselbe sagen können.”

Einige hunderttausend. Mehr werden es nicht. Seit 15 Jahren. Das reicht nicht.

Schluss

Ich schreibe dies ohne jede Häme. Politisch bin ich genauso erfolglos wie die NachDenkSeiten.

  1. Hervorhebung von F.-J. A. []
  2. siehe Offener Brief an die NachDenkSeiten []