Online-Umfrage – Teil 2

Fassen wir zunächst die Ergebnisse des ersten Teils der Online-Umfrage zusammen: Friedemann Schäfer bedankt sich für die Bilder und meint. „Ein schöner, uriger Wald […]“ Griesbart stimmt zu:“ein schönes Waldbild aufgrund seines ‚wilden‘ Charakters“. Auch Cornelius Meyer-Stork meint: „Ja, es ist ein schöner Wald, wo eine Wanderung Freude macht.“ Das findet auch Heiner Keller: „Unbewirtschaftete Forste sind immer wohltuend für Spaziergänge und Ruhe.“

Auch über die wirtschaftliche Vernachlässigung des Waldes sind sich die Teilnehmer an der Umfrage einig: Michael Held stellt kurz und knapp fest: „keine Nutzung erkennbar“. Griesbart vermutet einen „faulen Förster“ und diagnostiziert völlig zu Recht eine „mangelnde Durchforstungspflege“. Die Folge beschreibt er fachmännisch und sehr präzise: „Ein ungepflegter mittelalter Buchenbestand (mit bedrängten Mischbaumarten) mit schlechten Wuchsformen, mangelnder Kronenentwicklung, hohen Stammzahlen und vergleichsweise hohen Totholzanteilen.“ Cornelius Meyer-Stork pflichtet bei: „Der Wald ist offensichtlich schon länger nur sehr extensiv bewirtschaftet worden und in letzter Zeit kaum noch.“ Ebenso Heiner Keller: „Keine Holzschläge mehr seit vielleicht 50 Jahren.“

Auch über die Zeit davor, also über die Nutzungsgeschichte des Waldes, stellen die Umfrageteilnehmer sehr nützliche Vermutungen an. Schäfer fragt: „Ein durchgewachsener Niederwald?“ Auch Held ist sich nicht ganz sicher: „evtl. frühere Mittelwaldnutzung“. Keller aber ist sich sicher und hat Recht: „Die Bilder zeigen einen Forst mit deutlichen Spuren der früher üblichen Holzproduktion (vor allem Brennholz): Niederwald mit regelmäßigem Kahlschlag alle 10 – 20 Jahre, eventuell einzelne Bäume länger stehen gelassen.“ Richtig – und zwar die am Rande des Weges.

Keller spekuliert auch über „die Gründe des Nutzungsverzichts“ und gibt zu bedenken: „Eine Nutzung mit dieser geringen Erschließung rechnet sich finanziell auf jeden Fall nicht.“ Hinzu kommt die „schlechte Qualität der Bäume“. Auch Meyer-Stork sieht das so: „Der wirtschaftliche Wert ist eher gering.“

Über den naturschutzfachlichen Wert gehen die Meinungen dann aber auseinander: Artmann-Graf ist ganz skeptisch: Nicht nur für die Forstwirtschaft, sondern „auch für die Natur wäre sowohl der Begriff ‚wertvoll‘ wie auch der Begriff ‚wertlos‘ übertrieben. Gut geeignet ist der Begriff ‚minderwertig‘.“ Dem widerspricht Meyer-Stork: „Der Naturschutzwert ist höher [als der wirtschaftliche Wert], wenngleich der Wald auch nicht so sehr alt ist.“ Auch Keller gibt das geringe Alter zu bedenken: „Bis aber die Natur aus diesem Wirtschaftswald wieder einen Urwald gemacht hat, dauert es ungefähr 10 Baumgenerationen (deutlich über 1000 Jahre) […].“ Nur Held ist sich sicher: „hoher naturschutzfachlicher Wert“.

Und genau bei diesem naturschutzfachlichen Wert, dem Wert dieses Waldes für den Naturschutz, setzt meine neue Frage für den zweiten Teil der Online-Umfrage ein: Was glauben Sie: Wie bewerten Experten den naturschutzfachlichen Wert dieses Waldes?

Ich würde dies nicht fragen, wenn mir eine solche Expertenmeinung nicht vorliegen würde. Denn der Wald ist ein FFH-Gebiet – Herr Held hat also Recht mit seiner Vermutung, dass es Landeswald ist – und für FFH-Gebiete gibt es hochoffizielle Bewertungen. Diese heißen in der Amtssprache: „Erhaltungszustandsbewertung“ oder „Bewertung des Erhaltungszustands des Lebensraumtyps (LRT)“. In unserem Fall ist der LRT1siehe Lexikon der Fachbegriffe ein Hainsimsen-Buchenwald. Für die Bewertung der Experten gibt es verbindliche Kriterien und sie stehen in dieser Tabelle:

Stellen Sie sich vor, Sie sind Experte: Zu welchem Urteil kommen Sie?

Übrigens – ich versichere Ihnen eines: Wenn Sie an der Umfrage teilnehmen, gehören Sie zu den ganz wenigen Menschen in Deutschland, die sich jemals die Mühe gemacht haben, in ihrer Freizeit den Erhaltungszustand eines LRTs zu bewerten.2siehe auch die Meinung von Herrn Stroscher vom LANUV im Artikel Der Fehlerzähler und das LANUV Damit beschäftigen sich sonst ausschließlich bezahlte Experten und Beamte der Umweltämter. Und Förster, in deren Revier das FFH-Gebiet liegt. Ich wage die kühne Behauptung, dass dies sonst niemanden interessiert.3siehe auch Maßnahmenplan: Unverständlich für Laien

Hinweise:
1.

In einem dritten Teil der Online-Umfrage werde ich Ihnen dann das Urteil des offiziellen Experten präsentieren und Sie um Ihre Meinung dazu bitten.
2.
Für die Beurteilung benötigen Sie den BHD der Bäume. Deshalb finden Sie auf den Fotos der nächsten Seite des öfteren einen Zollstock.

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2 Gedanken zu „Online-Umfrage – Teil 2

  1. Bei den Kriterien der Erhaltungszustandsbewertung handelt es sich um eine forstwirtschaftlich geprägte Krücke. Es werden nur Bäume berücksichtigt. Als „hervorragend“ wird ein „Zustand“ bewertet, der in dieser Einheitlichkeit für die Natur kaum von Bedeutung ist. „Das Typisieren ist eine Methode, um aus Vorurteilen Tatsachen zu machen“, wurde um 1970 den Zoologiestudenten an der Universität Zürich (Prof. Hans Burla) nachdrücklich und nachhaltig vermittelt.
    Die „Anwendung“ der Bewertung ergibt wahrscheinlich einen „mittel bis schlechten“ Zustand.
    Die Bewertung ändert nichts an der Tatsache: Nur der Verzicht auf forstwirtschaftliche Nutzung (inklusive Verzicht auf „Aufwertungsmassnahmen“) auf grosser Fläche und während Jahrhunderten führt zu einem standorttypischen Waldlebensraum (Hainsimsen-Buchenwald) mit typischer Ausstattung an Strukturen, Lebewesen, dem unterirdischen „Internet“ der Bäume und Pilze, die im Gesamtkontext in der Lage sind, sich weiter zu entwickeln und sich ohne das Zutun der Menschen, der Förster und der Experten sich selbständig und kontinuierlich neuen Gegebenheiten anzupassen.

  2. Den Erhaltungszustand eines Waldbestandes anhand von Fotos und eines Formulars am PC aus zu bewerten ist wahrscheinlich sogar für fußkranke Behördenmitarbeiter ein No-Go.Für die Einschätzung von Lebensraum-typischen Arteninventar und Störanzeigern sollte man schon in der Vegetationszeit die Aufnahme ausführen.
    Tatsächlich ist die Bewertung von Lebensraumtypen ebenso wie die von „Potentiell natürlicher Vegetation“ statisch, eine Krücke für Statistiker und letztlich antiquiert.
    Allein durch die wissenschaftlich diskutierten Veränderung der klimatischen Bedingungen (Erwärmung, Extremwetterereignisse, Klimawandel etc.) wird es zu evidenten Artenveränderungen/Verschiebungen allein in der Flora kommen.
    Wenn die Beziehung Mensch-Wald zukunftsfähig sein soll, hilft nicht die romantische Betrachtung „alter“ und wohl möglich „unangetasteter“ Wälder, sondern der Blick nach vorne, hin zu „produktiven“, Bestandes-bildenden und resilienten Wäldern, die CO2 speichern, Waldfunktionen (Erosionsschutz, Wasserspeicher,…) übernehmen, Baustoffe liefern und der Erholung dienen.
    Das werden keine Waldbestände in Nationalparken sein.

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