Offener Brief an Dr. Susanne Winter


Es war nicht nur Peter Wohlleben, dessen Bücher für mich eine wertvolle Hilfe waren. Es war auch die Forstwissenschaftlerin Dr. Susanne Winter1, die von Anfang an ganz wichtig war für mich. Ihre Doktorarbeit mit dem Titel „Ermittlung von Struktur-Indikatoren zur Abschätzung des Einflusses forstlicher Bewirtschaftung auf die Biozönosen von Tiefland-Buchenwäldern“ zählt zu dem Besten, was ich zum Thema Naturschutz im Buchenwald gelesen habe. Ich war so fasziniert, dass ich damals umgehend die Heiligen Hallen und den Faulen Ort besucht habe – zwei Wälder, die in ihrer Dissertation und auch bei ihren weiteren Forschungen eine ganz wichtige Rolle spielten und spielen.

Dr. Winter auf einem Workshop des Forum Umwelt und Entwicklung in der Nordwestdeutschen Forstlichen Versuchsanstalt im November 2014

Jetzt habe ich Dr. Winter einen Offenen Brief geschrieben. Es geht um Mikrohabitate und Unklarheiten, auf die ich bei der Lektüre ihres letzten Buches „Praxishandbuch – Naturschutz im Buchenwald“ gestoßen bin.

Sehr geehrte Frau Dr. Winter!
Im November 2014 habe ich Sie einmal auf einem Workshop des Forums Umwelt und Entwicklung in Göttingen persönlich kennengelernt und erinnere mich gerne an einen informativen Abend in geselliger Runde. In diesem Brief wende ich mich an Sie als die Hauptautorin des Buches „Praxishandbuch – Naturschutz im Buchenwald“. Ich nutze Ihr Buch häufig, wenn ich Artikel für meine Webseite schreibe, die sich mit Naturschutz im Wald beschäftigt. Erst kürzlich habe ich zwei ausführliche Artikel über Mikrohabitate geschrieben. Ich bin Mitglied der Bundesbürgerinitiative Waldschutz (BBIWS) und glaube, dass Bürgerinitiativen viel von Ihrem Buch und der Beschäftigung mit Mikrohabitaten profitieren können.
Allerdings sind mit bei der Lektüre des Buches mehrere Dinge unklar geblieben und ich würde mich freuen, wenn Sie mir helfen würden:


1. Frage: Empfehlungen für die Anzahl der 16 Mikrohabitate
Im Praxishandbuch beschreiben Sie 16 Mikrohabitate am lebenden Baum, sprechen aber nur für 7 konkrete Empfehlungen aus, z. B. für Zunderschwammbäume (S. 78, mind. 2 pro ha, mehr als 4 pro ha). Wie sehen denn Ihre konkreten Empfehlungen für die restlichen 9 Mikrohabitate aus?


2. Frage: Empfehlungen für die Gesamtzahl an Mikrohabitaten
Sie sprechen davon, „eine hohe Anzahl von Mikrohabitaten anzustreben.“ Für naturnah bewirtschaftete Flächen nennen Sie 50, für Naturschutzgebiete 70 pro ha. Wie vertragen sich diese Zahlen mit Ergebnissen des Jahres 2008, die Sie im Aufsatz „Mikrohabitate und Phasenkartierung …“ (LWF aktuell 63/2008) veröffentlicht haben: Wirtschaftswälder haben 70 Mikrohabitate pro ha, alte Naturwaldreservate aber mehr als das 3-fache: 250 pro ha. Was ist denn jetzt Ihrer Meinung nach erstrebenswert: 70 oder 250?


3. Frage: Anzahl von Mulmhöhlen
In Ihrer Publikation „Microhabitats in lowland beech forests as monitoring tool for nature conservation“, Forest Ecology and Management, 255 (2008) 1251 – 1261 ist es klar, wo die meisten Mulmhöhlen stehen und wie viele es sind:

m15 cavity with mould
managed 0,99
naturally managed or recently unmanaged 1,7
reference 14,05

Im Praxishandbuch ist das nun nur 7 Jahre später alles nicht mehr wahr:
Kapitel Höhlen mit Mulmkörper (S. 104)
naturnah bewirtschaftet 2012: 1 – 2,5
Referenzflächen kurzfristig ungenutzt 2012: bis zu 8 (!)
Referenzflächen langfristig ungenutzt 2012: 3 (!)

Gibt es eine Erklärung für diese erheblichen Unterschiede?

Für eine Antwort – gerne auch telefonisch – bis Ende Februar wäre ich Ihnen sehr dankbar! Ich veröffentliche diesen Brief auf meiner Webseite und möchte sehr gerne auch Ihre Antwort mit Ihrem Einverständnis veröffentlichen.

Mit freundlichen Grüßen
gez. Franz-Josef Adrian

Antwort von Dr. Susanne Winter

Schon am 28. Januar 2019 erhalte ich Antwort:

Sehr geehrter Herr Adrian,
meine Antwort habe ich in die word-Datei Ihres Briefes eingearbeitet.

Frage 1: Empfehlungen für die Anzahl der 16 Mikrohabitate

[siehe oben]

Meine Hinweise zu Frage 1: Es gibt vier Mikrohabitate (kursiv) ohne Empfehlung im Praxishandbuch: Baumschwämme, weitere pilzbesiedelte Bäume, Risse/Spalten und Schürfstellen:

  1. Zunderschwamm: Empfehlung vorhanden
  2. Baumschwämme: keine Empfehlung, da von 1,8 Bäumen mit Baumschwamm / ha, die nur in unbewirtschafteten Flächen nachgewiesen wurden, keine wissenschaftliche Empfehlung für den Wirtschaftswald abgeleitet werden kann.
  3. Weitere pilzbesiedelte Bäume: keine Empfehlung, da es eine Sammelgruppe pilzbesiedelter Bäume mit ganz unterschiedlichen biodiversitätsrelevanten Pilzarten ist – hier ist der Hinweis, dass Bäume mit Baumpilzen weitestgehend erhalten werden sollen, wichtig!
  4. Kronenbruch: Empfehlung vorhanden
  5. Stammbruch am lebenden Baum und Ersatzkronenbäume: Empfehlung vorhanden
  6. Zwieselabbruch: Empfehlung vorhanden
  7. Blitzrinnen: Empfehlung, diese Bäume generell zu erhalten, vorhanden
  8. Risse und Spalten: Anzahl von 4 Bäumen pro ha wird genannt – da diese Struktur aber sehr temporär ist, sich schnell bildet und durch das Abfallen von Rindenteilen auch schnell wieder vergeht, ist hier die Nennung eines Schwellenwertes eher nicht zielführend.
  9. Schürfstellen: Erhalt von alten, vitalitätsmindernden Schürfstellen ist angegeben. Frische Schürfstellen sind in Wirtschaftswäldern häufiger als in unbewirtschafteten Wäldern
  10. Höhlen, allgemein: Empfehlung für ihren von der Anzahl unabhängigen Erhalt ist gegeben.
  11. Specht- und Asthöhlen: Empfehlung wie zu 10.
  12. Ausgehöhlte Stämme: Empfehlung wie zu 10.
  13. Mulmkörper: Empfehlung vorhanden
  14. Höhlenetagen: Empfehlung vorhanden
  15. Rindentaschen ohne Mulm: Empfehlung vorhanden
  16. Mulmtaschen: Empfehlung vorhanden
  17. Kletterpflanzenbäume: Empfehlung vorhanden
  18. Wassertöpfe: keine Empfehlung, da in unserer Untersuchung im Wirtschaftswald häufiger als im Referenzwald.
  19. Krebsbildungen und Maserknollen: Erhalt ohne Schwellenwert empfohlen
  20. Horstbäume: genereller Erhalt notwendig und beschrieben

Frage 2: Empfehlungen für die Gesamtzahl an Mikrohabitaten

[siehe oben]

Meine Antwort zu Frage 2: Da Bäume entnommen werden, kann der Wirtschaftswald  nicht so mikrohabitatreich sein wie ein langfristig unbewirtschafteter Wald. Die Angaben sind aber die unteren Schwellenwerte und dürfen natürlich gerne überschritten werden. Aus Biodiversitätssicht ist eine sehr hohe Anzahl von verschiedenen Mikrohabitattypen mit unterschiedlichen zeitlichen Ausprägungen förderlich, da die Nischenvielfalt und -kontinuität mit der Anzahl meist steigt.

Frage 3: Anzahl von Mulmhöhlen

[siehe oben]

Meine Antwort zu Frage 3:

Sehr gut bemerkt. Die Datengrundlage der Publikation von 2008 bezieht sich auf die Mikrohabitate der lebenden und toten stehenden Bäume. Da der Wirtschafter in erster Linie lebende Bäume bewirtschaftet und hier den Hebel für Erhalt und Förderung/Entwicklung von Mikrohabitaten in Händen hält, beziehen sich die Daten des Praxishandbuches nur auf die Mikrohabitate der lebenden Bäume.

Zum Diagramm S. 105: In den Wirtschaftswälder entstehen schon allein deshalb unterschiedliche Zahlen, da in Winter/Möller 2008 Mittelwerte für alle bewirtschafteten Flächen gegeben werden und im Praxishandbuch zwischen naturnah und anders bewirtschaftet unterschieden wird. Bei W9 ist es so, dass manche Bäume mit Mulmhöhle abgestorben sind und sich deshalb die Anzahl an lebenden Bäumen reduziert hat.

In den kurzfristig unbewirtschafteten Flächen haben sich innerhalb von etwas mehr als 10 Jahren (Daten von 2000/2002 (veröffentlicht 2008) und 2011/2012) sehr viele Mulmhöhlen entwickelt. In den Referenzflächen (langfristiger unbewirtschaftet) zeigen die Daten eine große Dynamik. Bei r1 Serrahn konnten bei der Wiederholung wenige nachgewiesen werden, in den Heiligen Hallen (r2) sind sie mehr geworden und im Faulen Ort (r3) gibt keine Mulmhöhlen an lebenden Bäumen (hier nicht gezeigt, aber zur Info >7 Mulmhöhlen / ha an Hochstümpfen).

Mit besten Grüßen
gez. Susanne Winter
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Dr. habil Susanne Winter

PQ and PhD Susanne Winter
Programmleitung Wald
Forest Policy Director
WWF Deutschland
Reinhardtstr. 18
10117 Berlin

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  1. Dr. Winter ist z. Z. Programmleiterin Wald des WWF. []