Massive Schälschäden im Wiegental

Telefonat mit Jan Martin Dee

Am 19. August 2016 führe ich ein langes Telefonat mit Jan Martin Dee, dem Besitzer des Wiegentals.1 Dee ist ein sympathischer Gesprächspartner. Er hört zu, weicht nicht aus und hat merklich Freude am Austausch von Argumenten.

Dee bestätigt die Anzahl von 200 Stück Rotwild in der Hohen Schrecke. Ja, 60 – 70 würden im Jahr geschossen. Diese Zahlen seien richtig. Aber damit schöpfe man nicht einmal den Zuwachs ab. Der Bestand wachse weiter. Das Kalbgewicht gehe zurück. Die Bestände überaltern, weil nur die dummen jungen Tiere geschossen werden. Zu viel Wild schade selbstverständlich dem Wald. Bestände von 400 Stück seien nicht möglich. Die Schälschäden dürften z. B. nicht auf den Buchenwald auf der anderen Talseite übergreifen.

Hochsitz direkt am Wiegental

Viele Dinge müssten sich ändern, um die Schäden zu begrenzen. Es reiche nicht, wenn man nur eine Sache verändert. Ganz wichtig sei es beispielsweise, die Jagdstrategie draußen auf den Äckern und Feldern umzustellen. Dort würden die Jagdpächter nachts lange jagen. Dort herrsche Jagddruck. Auf den Äckern und an den Waldrändern sei die Vielzahl der Hochsitze unübersehbar. Es werde auch gekirrt und Salzlecken gäbe es 20 auf 500 m. Zwar müsse die Jagd auf Schwarzwild erfolgen wegen der extremen Schwarzwildschäden. Aber diese Jagd verursacht ein Konzentrationsproblem: Große Rotwildrudel konzentrieren sich im Wald. Draußen stinke es nach Jägern, sodass die Hirsche 500 – 600 m von der Feldkante entfernt bleiben. Zwar habe man auch schon Rotwildrudel von 56 Stück in Donndorf auf dem Kleeacker gesichtet, aber das seien Ausnahmen von der Regel: Das Rotwild ist kaum auf den Grünlandflächen, wo es theoretisch gerade im Frühjahr zu erwarten wäre. Die Felder seien verwaist. Das Rotwild bleibe im Wiegental, wo es absolut ruhig ist. Dort werde von ihm nicht gejagt. Nur Drückjagden gingen 1-2 mal im Jahr hindurch. Statt das Rotwild zu konzentrieren, müsste es im Gegenteil auf die Fläche verteilt werden. Auch die Struktur des Waldes müsste verändert werden; es müsste mehr Lichtungen im Wald geben.

Warum die Hirsche ausgerechnet die Buche schälen, sei eigentlich ein Rätsel. Die Buchenrinde habe physiologisch gar keinen Nährwert. Zwar bräuchten die Hirsche Rauhfutter, um den pH-Wert im Pansen zu regulieren. Aber möglicherweise langweilen sich die Tiere auch im Wiegental und würden die Rinde wie Kaugummi fressen.

Ich spreche ihn auf Straubinger an und dessen Jagdstrategie.2 Davon hält er nichts. Straubinger sei nur hinter dem Geld her. Der betreibe Waldbau mit der Büchse. Das sei keine Jagd, sondern Schädlingsbekämpfung. Straubinger habe ihm einmal gesagt, was Dees Wald brauche, sei Licht und Pulverdampf. Dee aber ist gegen 30 m breite Schussschneisen in Jungwuchsbeständen, wie sie bei Hatzfeld vorkämen. Das sei ja auch ein großer Verlust an Holzbodenfläche.

Überhaupt: Straubinger habe seine Vorstellungen, er selbst habe andere Vorstellungen. Das seien alles Meinungen und wer könne schon sagen, wer Recht hat. Er sei der Überzeugung, dass er die Rothirsche nicht aus seinem Wald ausschließen dürfe. Schließlich hätten wir Menschen den Hirsch, der eigentlich ein Steppenbewohner ist, in den Wald hinein gedrängt. Das Rotwild habe sich das Wiegental als Lebensraum ausgesucht. Er könne jetzt nicht sagen: „Du gehörst da nicht hin! Ihr gestaltet mir meinen Wald anders, als ich ihn haben will!“ Auch mir empfiehlt Dee, meine eigenen Vorstellungen zu überdenken. Das Wild an sich kenne gar keine „Schäden“. Das sei eine subjektive menschliche Vorstellung. Tiere hätten eben ein natürliches Fraßbedürfnis. Ich sei nur deswegen empört, weil ich mir die Situation im Wiegental anders vorgestellt hätte. Aber das seien eben meine ganz persönlichen Vorstellungen und Meinungen, wie der Wald auszusehen habe. Und die können falsch sein. Auch er selbst habe die Weisheit nicht gepachtet. Langfristig gesehen würde der Buchenwald die Schälschäden überleben. In 50 Jahren sehe das Wiegental schon wieder ganz anders aus. Der Wald stirbt nicht, nur weil seit 10, 20 Jahren Rotwild die jungen Bäume schält. Bei Wäldern müsse man in Zeiträumen von 200 – 300 Jahren denken.

geschälte Ahornbäume im Wiegental

Ich hatte in meiner Zusammenfassung des Telefonats mit Dr. Conrady geschrieben, dass Dee ein „sehr kluger Investor“ sei. Dagegen wehrt sich Dee. Nein, ein „Investor“ sei er nicht. Solch ein Ausdruck passe viel eher auf den Grafen von Hatzfeld. Aber für ihn sei Wald kein „Investment“. Schon allein deswegen nicht, weil er den Wald nicht wieder mit Gewinn verkaufen will. Gerade der Wald im Wiegental sei beispielsweise im ökonomischen Sinne nicht wertvoll: er sei kein Wertholzbestand. Die dicken Buchen könne man bei Sägewerken gar nicht verkaufen; Pollmeier akzeptiere nur Buchenstämme bis 80 cm Durchmesser. Aus den Buchen könne man gerade einmal Brennholz machen. Das aber habe er nie vorgehabt. Nicht er sei an die Naturstiftung David herangetreten, sondern umgekehrt. Die Stiftung war es, die einen Vertrag für die Ewigkeit wollte. Er selbst hätte das Wiegental auch ohne Vertrag nicht abgeholzt. Ich hatte geschrieben, die forstlichen Nutzungsrechte seien ihm vermutlich für einen „Millionenbetrag“ abgekauft worden. Dazu wolle er sich nicht äußern. Es gäbe dafür verbindliche Berechnungstabellen vom BfN, daran habe man sich strikt gehalten. Der Betrag liege auf jeden Fall unter dem Preis, für den er die Wälder erworben habe. Ich hake nach: Ob der Kauf der Wälder nicht schon allein deswegen ein gutes „Investment“ gewesen sei, weil er sich die Jagdpacht nun spare? Würden nicht für die Pacht eines 1.115 ha großen Rotwildreviers bis zu sechsstellige Beträge gezahlt? Nein, auf keinen Fall, das sei viel zu viel. Als Beispiel nennt er jährliche Pachtgebühren für 500 – 600 ha große Rotwildreviere in der Eifel von 30.000 €. Dee führt noch ein letztes Beispiel an, woran ich sehen könne, dass es ihm beim Wald nicht in erster Linie ums Geld gehe. Die Bank würde ihm immer sagen, sein Forstbetrieb trage die Rote Laterne, was den Gewinn angeht. So werde ihm immer geraten, er solle doch den gesamten jährlichen Zuwachs von 8.000 Fm einschlagen. Das mache er aber nicht. Holz wächst nur an Holz! Sein Forstbetrieb, in dem zwei Waldarbeiter und ein Förster fest angestellt sind, würde nur die Hälfte – also 4.000 Fm – ernten.

Nach dem Telefonat ändere ich den Satz, über den wir uns gestritten haben: Statt „Ich denke mir, dass Dee ein sehr kluger Investor ist.“ steht nun da: „… dass Dee ein sehr kluger Mann ist.“

Weiterführender Link:
Blütenpracht am Waldrand, Hohe Schrecke Journal 12, S. 7

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  1. zu Dee siehe oben die Angaben im Telefonat mit Dr. Dierk Conrady []
  2. siehe Telefonat mit Dr. Franz Straubinger []