Wie verjüngt man Eichen im Buchenwald?

Einleitung

Herr Wirtz leitet das Prozessschutzrevier Quierschied nahe Saarbrücken. Er arbeitet nach dem Vorbild des Lübecker Modells. Aber er folgt diesem Modell nicht sklavisch, sondern entwickelt es weiter. Denn Revierleiter Wirtz hat ein Problem, das in Deutschland sehr viele Förster haben:

„Der Boden hier besteht aus tiefgründigem Lehm. Das ist ein optimaler Standort für die Buche.  Junge Buchen sind hier viel wuchskräftiger als junge Eichen. Die Buche macht die Eiche platt.“

Für die Natur ist das völlig unproblematisch. Wenn man Natur Natur sein lässt und die natürlichen Prozesse einfach laufen lässt, dann wäre das Revier ein reiner Buchenwald. Wohlgemerkt, kein Buchenmischwald, sondern ein reiner Buchenwald. Nur Buche, sonst kein anderer Baum. Nur an ganz wenigen kleinen und besonderen Standorten hätte die Eiche eine Chance. Vielleicht. Aber Wirtz möchte gerne mehr als nur einige wenige Eichen haben. Auf den bloßen Zufall zu vertrauen, ist für ihn keine Option. Deswegen greift er gezielt ein, um die Eiche zu fördern. Er steht dazu: er macht Eingriffe gegen die natürliche Dynamik. Keine Sorge, er schlägt nicht hektarweise Buchenwälder kahl, um Eichen zu pflanzen. Er macht kleine Eingriffe, begrenzt auf kleine Flächen. Und er ahmt dabei Prozesse nach, wie sie auch in Urwäldern ablaufen.

Revierleiter Wirtz in kleiner Lücke

Wie er das genau macht und was Knut Sturm – neben Lutz Fähser der Erfinder des Lübecker Modells – dazu sagt, das zeige ich auf den nächsten Seiten. Mein Artikel ist gegliedert in folgende Abschnitte:

Hinweis:
Der Artikel ist das Ergebnis einer ganztägigen Exkursion durch das Prozessschutzrevier Quierschied im Juli 2019. Leiter des Reviers ist Roland Wirtz. Es ist aber nicht so, dass alle Informationen dieses Artikel ausschließlich auf seine Erklärungen zurückgehen. Mit von der Partie war sein befreundeter Kollege Urban Backes aus dem Nachbarrevier Rastpfuhl/Püttlingen. Auch dessen Beiträge waren sehr hilfreich und nützlich. Beiden Förstern bin ich gleichermaßen zu Dank verpflichtet.

Lücken für Eichen – Beispiel 1

An der ersten Stelle, die Wirtz mir zeigt, wurde ein Baum gezielt geerntet. Ein zweiter Baum wurde noch mitgenommen, um die Lücke noch etwas größer zu machen.

Stubben des geernteten Baumes

Nun ist eine Lücke entstanden, die ausreichend groß ist für die Eiche und ihr eine Chance bietet. Hier in der Lücke reicht das Licht für die jungen Eichen aus. Sie sind in der Verjüngung überall vertreten, wenn man genau hinschaut.

Muttereiche

Im Hintergrund steht die Muttereiche, die sich hier mit ihren Eichennachkommen verewigt hat. Es ist eine sehr wertvolle Eiche mit sehr guter Qualität, die in vielleicht 30-40 Jahren einmal auf den Furnierplatz geht. Damit die Eichen von den Buchen nicht überwachsen werden, werden sie von Wirtz hier punktuell gefördert: die Buchen, die den Eichen das Licht wegnehmen, werden von Hand von Waldarbeitern geknickt. Dann bekommen die Eichen genügend Licht und wachsen mit den weiter entfernten Buchen mit. Mittags bekommen sie am meisten Licht – dann, wenn die Sonne im Süden steht. Wirtz demonstriert, wie das Knicken gemacht wird:

Revierleiter Wirtz beim Knicken von Buchen

Er steht nahe einem Ameisenhaufen. Die Ameisen sind auch gerne in der Nähe der Eiche. Sie brauchen den Stickstoff aus der Streu der Eiche. Wegen des hohen Proteingehalts nimmt das Rehwild die Eiche auch so gerne. In reinen Buchenwäldern findet man dagegen keine Ameisenhaufen.

Ameisenhaufen neben Eichenverjüngung

Was die Buchen neben dieser Lücke machen, ist völlig egal. Nebenan mag die Buche wachsen; der Eingriff ist punktuell und betrifft keine großen Flächen. Wirtz imitiert so die Dynamik im Urwald; auch dort entstehen immer wieder solche kleinen Lücken, wenn ein Baum fällt und einen anderen mitreißt. 1siehe Windwürfe im Buchenurwald UholkaWirtz zeigt auf einen Biotopbaum: eine Buche mit Spechthöhle.

Biotopbaum mit Spechthöhle (roter Pfeil)

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Lücken für Eichen – Beispiel 2

Das zweite Beispiel zeigt eine Eichenverjüngung, die schon ein bisschen älter ist. Wirtz hat dort genau dasselbe gemacht wie im ersten Beispiel: Er hat ein bisschen die Buchen geknickt, um die Eiche zu fördern. Drumherum ist Buche; das darf und soll ja ein buchendominierter Bestand sein. Aber in der Lücke hat er eben noch die Option für zwei oder drei Eichen.

Eiche im Hintergrund

Die Eiche im Hintergrund ist nicht die Mutter-Eiche, die die Eicheln geworfen hat. Denn auch hier stand einmal eine Furniereiche, die geerntet wurde. Erst war die Verjüngung da, dann kam die Furniereiche weg, und jetzt steht hier die Nachkommenschaft der Eiche, die schon zu Möbeln oder zu Rotweinfässern verarbeitet worden ist.

alte Eiche im Hintergrund, Eichenverjüngung im Vordergrund

Wirtz steht dazu: er greift in die natürliche Dynamik ein. Wenn er die Buchen nicht knicken würde, dann würden hier überall junge Buchen stehen – ohne Eichen. Aber er betont, dass er nur punktuell eingreift, weil er gerne ab und zu gerne mal noch eine Eiche in dem Wald halten will.

Das Vorbild der Natur ist für Wirtz das Sukzessionsmosaik eines Urwalds2siehe den Wikipedia-Artikel Mosaik-Zyklus-Konzept; das hat er als Ziel vor Augen. Wenn man durch seinen Wald geht, kommt man beispielsweise von einer Lichtung in einen geschlossenen Bestand. Dann kommt man noch einmal auf eine Lichtung, geht dann wieder durch einen etwas geschlosseneren Bestand. Dann kommt man zu einer größeren Lichtung: Beispiel 3.

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Lücken für die Eichen – Beispiel 3

Beispiel 3 ist eine etwas größere Lichtung. Hier sind vier oder fünf Furniereichen geerntet worden – alle gleich dick, gleich wertvoll. Das war für Wirtz eine Gelegenheit, den Urwald zu imitieren, auch wenn die Bäume nicht wie im Urwald durch einen Windwurf gefallen sind. Im Urwald hätten die Bäume beim Fallen vielleicht noch 2 – 3 Zwischenständer mitgerissen und genauso hat Wirtz Zwischenständer auch gleich mit gefällt. Die hatten keine Qualität, das war Brennholz. Aber so hat er plötzlich Licht geschaffen und in dem Licht hat er dann die Chance für die Eiche.

Eichenverjüngung in der Lücke

Im Hintergrund steht eine abgestorbene Eiche, ein Biotopbaum. Das gibt ein besonders wertvolles Totholz, das in anderen Wirtschaftswäldern sehr selten ist. Denn durch die Lücke wird es von der Sonne erwärmt. Man kann schon kaum mehr erkennen, dass hier einmal große Kronen lagen, die Wirtz liegen gelassen hat und auch von der Sonne erwärmt wurden. Die sieht man gar nicht mehr, das ist schon zugewachsen. Zugegeben: diese Lichtung entsteht durch eine Dynamik, die von Menschen gemacht ist. Aber paradoxerweise entstehen so gerade diejenigen Strukturen, die für einen Urwald typisch sind: z. B. das besonnte Totholz.

besonnte abgestorbene Eiche am Rande der Lücke

Wie können wir die Dynamik vom Urwald in den Wirtschaftswald bringen? Das ist die Frage, die Wirtz antreibt. Und er geht noch einen Schritt weiter: Wenn zur natürlichen Dynamik Lücken gehören, wie können wir von diesen vielleicht sogar noch ökonomisch profitieren? Man kann: mit Hilfe dieser Lücken kann man Eichen mitnehmen in den Buchenwald.

Das Ziel von Wirtz ist es aber nicht, dass auf der ganzen Fläche dieser Lichtung jetzt Eichen wachsen müssen. Das wäre ein Missverständnis. Denn dazwischen ist Raum für Holunder, Brombeeren, Vogelbeeren, Ginster und Birken. Hier kann die Natur wieder machen, was sie will; die Eingriffe in die Dynamik beschränken sich auf wenige Punkte der Lichtung.

Holunder, Ginster und Birken

Auch eine Kastanie steht auf der Lichtung. Die hat Wirtz gepflanzt, auch zu diesem Eingriff steht er. Die Kastanie steht hinten links neben dem Ginster.

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Lücken für die Eichen – Beispiel 4

Wirtz zeigt mir ein viertes Beispiel und geht zu einem roten Pflock, der kaum noch aus den kleinen Eichen herausguckt.

Revierleiter Wirtz auf der Suche nach dem roten Pflock

Der Pflock ist ein Hinweis für Waldarbeiter: an dieser Stelle – und nur an dieser Stelle – werden die Buchen geknickt. Vor 5 – 6 Jahren sah der Waldboden hier aus wie eine Stelle, die er mir kurz zuvor gezeigt hatte: der ganze Boden bedeckt mit kleinen Eichen.

Eichenverjüngung nach Sprengmast innerhalb des Wildschutzzaunes. Weil nur wenige Eichen Früchte gebildet hatten, fraßen die vielen Wildschweine restlos alle Eicheln außerhalb des Zaunes.

Es war eine Vollmast gewesen und die Wildschweine hatten nicht alle Eicheln gefressen. Das Rehwild ist im Revier nicht mehr das Problem, seit Wirtz Drückjagden macht. In dieser kleinen Lichtung ist Raum für 2 – 3 neue Eichenbäume. Ansonsten kommen hier Buche und Ahorn. Wie auch in den anderen Lücken ist auch hier die Pflege und der Kampf gegen die natürliche Dynamik konzentriert auf nur wenige kleine Punkte und nicht etwa flächendeckend. Diese von Menschen gemachte und gepflegte Lücke misst ungefähr 20 x 30 m. Damit ist sie vergleichsweise groß. Viele andere sind kleiner, um nicht zu sagen: winzig.

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Ideen für die grüne Hölle

Woher hat Wirtz seine Ideen? Jedenfalls nicht aus dem Studium: dort hat er gelernt, was man mit einem dünnen und was man mit einem dicken Baum machen soll. Aber komplexe Ökosysteme kamen im Studium nicht vor. Er war ein paar Mal in Frankreich gewesen, weil die Franzosen viel mit der Eiche arbeiten. Dort hat er sich zeigen lassen, wie die mit der Eiche umgehen. Von den Franzosen hat er viel gelernt, obwohl die überhaupt nichts mit Ökologie am Hut haben.

Eichenverjüngung in einer Lücke

Wirtz gibt ein Beispiel für das Gelernte: Nehmen wir einmal an, er hat an einem Ort Eichenverjüngung und will für diese Licht schaffen. Welchen Baum muss er dann fällen? Viele werden vielleicht sagen: Na, den Baum daneben! Aber das ist falsch! Denn wir leben nicht am Äquator, wo die Sonne senkrecht über den Baumkronen steht. Bei uns fällt das Licht schräg auf die Baumkronen und der Schatten einer Baumkrone fällt weit entfernt vom Standort des Baumes. Also muss man genau den Baum fällen, der etwas weiter weg steht und der mittags die Eichen beschattet. Eigentlich ist das völlig selbstverständlich und trivial: aber auch das hat Wirtz eben nicht an der Uni, sondern bei den Franzosen gelernt.

starkes liegendes Totholz in einer Lücke

Auch in Heilbronn ist er gewesen und hat sich Ideen geholt, was man mit Eiche machen kann. Anfangs steht man als Förster immer ratlos vor dieser „grünen Hölle“ und man denkt: Was wird das denn? Aber so langsam hat er ein Gefühl dafür entwickelt, welche Möglichkeiten man als Förster hat. Eigentlich geht er bloß hin und knickt ein bisschen die Buchen, macht also minimale Eingriffe in die Dynamik. Aber schon hat er Optionen neben der Buche

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Knut Sturm und das Buchengrab

Natürlich tauscht sich Wirtz mit Knut Sturm aus, dem Forstamtsleiter im Stadtwald Lübeck und zusammen mit Lutz Fähser der Erfinder des Lübecker Modells. Das Prozessschutzrevier Quierschied ist mit Sturm abgestimmt gewesen und er war ja bei der Konzeptentwicklung noch dabei. Er hat auch schon Exkursionen nach Quierschied gemacht. Sturm kann sich mit dem Lückensystem noch nicht so richtig anfreunden. Er ist skeptisch, weil Wirtz so viel Wert auf die Eiche legt: im Buchenwald gehört sie in der Menge nicht dazu. Von Natur aus wäre in Quierschied ja alles Buche und wenn Wirtz Eiche haben will, dann muss er die Buche aktiv zurückdrängen, sonst überwächst die ihm die Eiche. Wenn Sturm die Lücken sieht, sagt er immer gerne:

„Das ist ja hier ein Buchengrab!“

„Buchengrab“

Wirtz kontert dann immer, dass in Lübeck die Eiche auch nicht hingehört. Sturm sei inkonsequent. In Lübeck nimmt er dankend die Eiche, die die Vorgänger ihm überlassen haben, und er akzeptiert, dass in der Verjüngung nichts mehr wiederkommt:

„Knut, das ist inkonsequent!“

Sturm winkt dann immer ab: Irgendwann klappt es auch mit der Eichenverjüngung bei ihm und dann kriegt er auch in Lübeck noch mal neue Eichen! Aber 20 Jahre Quierschied zeigen, dass in 20 Jahren keine einzige Eiche gewachsen ist. Erst seit Wirtz für Lücken sorgt und die Buchen knickt, klappt es.

Sturm erwidert dann gerne, dass 20 Jahre ja eine kurze Zeitspanne seien. Man müsse Geduld haben. Damit hebelt er die Argumentation von Wirtz immer aus. Die Zeit löse das Problem! Aber Wirtz ist skeptisch: Das wisse man nicht. Vielleicht! Er will es nicht der Zeit oder dem Zufall überlassen. Er will es steuern. Ein bisschen.

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Schluss – Inseln des Lichts

Ein anderer Experte für Waldbau hat deutlich weniger Probleme mit den Lücken im Buchenwald: Prof. Jörg Müller. Er begrüßt die Lücken; sie sorgen für ein Strukturelement von Urwäldern, das es in den deutschen Wirtschaftswäldern selten bis nie gibt: besonntes Totholz.

Auch von Müller hat Wirtz sich anregen lassen und Ideen übernommen und so sorgt er dafür, dass in den Lücken immer auch Totholz ist – dick, dünn, stehend und liegend. Müller:

„Der Förster sollte stellenweise ganze Baumgruppen entnehmen, um Inseln des Lichts zu schaffen.“ 3Jörg Müller in: Inseln des Lichts, DER SPIEGEL 34/2016

Totholz auf einer der Inseln des Lichts

Für mich ist Förster Wirtz selbst auch eine solche „Insel des Lichts“. Die Forstwirtschaft in Deutschland ist ja leider oft ein ziemlich finsterer Ort: Deutschlands Wäldern geht es schlecht. Im Prozessschutzrevier Quierschied von Förster Wirtz geht es ihnen gut.

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