Hümmel

„Unter meinen alten Buchen,
Die wie Himmelssäulen stehn,
Möcht’ ich Dich, o Ruhe, suchen,
Möcht’ den Himmel wiedersehn.“
(Georg von Mecklenburg-Strelitz)

Einleitung

Peter Wohlleben zählt zu den bekanntesten Kritikern der real praktizierten Forstwirtschaft in Deutschland. Er ist Autor mehrerer Bücher. Einem breiten Publikum wurde er durch zahlreiche Auftritte im Fernsehen und Radio bekannt. Sein Revier liegt in Hümmel in Rheinland-Pfalz. Am 17. Mai 2014 fand dort eine Exkursion statt, bei der Wohlleben sein Modell der Waldbewirtschaftung erläuterte.

Die Seite ist gegliedert in folgende Abschnitte:

  • Anfahrt und Wanderweg
  • Totalreservat am Parkplatz
  • Windwurffläche Kyrill
  • Kranke Buchen im Nachbarwald
  • Buchenvoranbau
  • Ruheforst
  • Wirtschaftlichkeit
  • Literatur
  • Wildverbiss im Nachbarwald

Anfahrt und Wanderweg

Die Wanderung begann am Parkplatz des Ruheforstes Hümmel. Dieser liegt an der Falkenberger Straße (K 79) zwischen Tondorf und Falkenberg:

Eine Anfahrtsbeschreibung finden Sie hier: Anfahrt zum RuheForst Hümmel. Die Wanderung machte Station bei 3 Waldbildern:

  • einem Totalreservat mit alten Eichen direkt am Parkplatz
  • einer Lichtung, auf der Kyrill 2007 die Fichten umgeworfen hat
  • dem Ruheforst, einem urwaldnahen Wald mit 200 Jahre alten Buchen

Die folgende Karte gibt einen Überblick über die Wanderung. Herr Wohlleben hat sie mir freundlicherweise zur Verfügung gestellt:

Wanderung mit 3 Stationen

Totalreservat am Parkplatz

Südlich des Parkplatzes befindet sich ein 7 ha großes Totalreservat, in dem seit 20 Jahren kein Holz mehr eingeschlagen wird. In der Wanderkarte ist sie mit dem Buchstaben „b“ markiert. Herr Wohlleben betreut mit seiner Kollegin Försterin Lidwina Hamacher ein Revier von 1200 ha Größe. Dazu zählt der 750 ha große Gemeindewald von Hümmel und 450 ha Wald von den zwei Nachbargemeinden Wershofen und Ohlenhard. 15 % des Gemeindewalds von Hümmel sind als Totalreservat von der Bewirtschaftung ausgenommen. Die Nachbargemeinden haben immerhin schon 5 % stillgelegt. Es handelt sich um alte Buchenwälder, die in Ruhe die Alters- und Zerfallsphase durchlaufen dürfen.

In diesem Wald geraten die Eichen in der Oberschicht in Bedrängnis: Die Buchen fangen an sie zu überwachsen und ihren Kronen das Licht wegzunehmen. Einige Eichen haben deshalb am Stamm viele kleine Äste ausgebildet: sie heißen Angstreiser.

Mittlerweile haben sich hier 49 m3 Totholz pro ha angesammelt. Wirtschaftswälder dagegen sind notorisch totholzarm.1 Es mangelt z. B. an dicken Totholzbäumen, sogenannten Biotopbäumen. Peter Wohlleben erklärt warum:

„Denn laut Unfallverhütungsvorschrift darf ein Waldarbeiter nur im Abstand einer Baumlänge von umsturzgefährdeten Exemplaren arbeiten. … So kam vor wenigen Jahren im Westerwald ein Arbeiter ums Leben, als er eine Eiche fällte. Diese war kerngesund, der Forstwirt hatte die Säge korrekt angesetzt und der Baum fiel in die angepeilte Richtung. Als der Stamm aufschlug, gab es im Waldboden eine Erschütterung, worauf ein zehn Meter entfernt stehender toter Stamm ebenfalls umkippte – genau auf den Waldarbeiter.“2

Die Vorschriften des FSC-Deutschlands für Biotopbäume sind folglich windelweich: „langfristig  wird ein Orientierungswert von durchschnittlich 10 Biotopbäumen je Hektar angestrebt“.3 Langfristig … Orientierungswert … durchschnittlich … angestrebt …

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Windwurffläche Kyrill

Der Orkan Kyrill hat im Januar 2007 in Hümmel 10.000 Fm Fichten umgeworfen. Und so war der nächste Stopp bei einer gut 8 ha großen Windwurffläche. Dort wurde nichts gepflanzt: Birken und Fichtensamen hat der Wind verbreitet. Die Bucheckern hat z. B. der Eichelhäher gesät. Hier werden die Förster noch 30 Jahre das weitere Wachstum abwarten. Dann werden die Fichten bei der ersten Durchforstung entfernt.

Peter Wohlleben ist ein scharfer Kritiker der Fichtenplantagen in Deutschland. In der Eifel wurde die Fichten vor 200 Jahren angepflanzt, weil auf den nährstoffarmen Heideböden keine Laubbäume mehr wachsen wollten. Fichten sind anspruchslos und wachsen immer schön gerade. Ein Förster kann da wenig falsch machen. Fichte ist „Waldbau für Blöde“, spottet Wohlleben. Die folgenden zwei Fotos zeigen den Windwurf im Mai 2011:

Leider sind die Fichten anfällig für Stürme und für den Borkenkäfer, sodass 50 % der Fichten viel zu früh geerntet werden müssen. Das in Deutschland geerntete Fichtenholz ist außerdem von schlechter Qualität: Die Fichten wachsen hier zu schnell, das Holz ist sehr harzig und grobastig. Wohlleben ärgert sich: „Wir bauen hier die Taiga nach!“ Es wäre besser, erstklassiges Fichtenholz aus Schweden oder Russland zu importieren. Dort ist die Fichte heimisch und dort wächst viel besser. Schließlich bauen wir ja in Deutschland auch keine Kokospalmen oder Bananen an.

Wohlleben kommt auf die Bedeutung des Waldbodens zu sprechen. Denn nach Windwürfen hält sich keiner mehr an das Rückegassensystem. Der Arbeitsschutz geht vor und so fährt man mit den Harvestern kreuz und quer über den Windwurf. Nach der Holzernte wird dann eine schönes neues Rückegassensystem angelegt. Der Waldboden aber ist bis in Tiefen von 2,5 m verdichtet.

In Hümmel ziehen Rückepferde die Baumstämme bis zu den Rückegassen, wo die Stämme auf Forwarder verladen werden. Die Rückegassen haben einen Abstand von 40 m.  Rückepferde schonen den Waldboden: Die Druckzwiebel der Pferdehufe ist kleiner und weniger tief. Wie wichtig der Waldboden ist, verdeutlicht Wohlleben mit Zahlen: Ein intakter Waldboden kann unter den Wurzeln einer Buche bis zu 25 m3 Wasser aus den feuchten Wintermonaten speichern. Ist der Boden durch Harvester und Forwarder verdichtet, speichert er nur noch 1 m3. Und da eine Buche pro Tag bis zu 0,5 m3 Wasser verdunstet, kommt sie in kaputten Böden in warmen Sommern schnell in Trockenstress. Das führt zu 50 % weniger Zuwachs. Es ist wichtig, die Forstunternehmer zu kontrollieren, ob sie die Rückegassen einhalten. Wohlleben überprüft dies zweimal am Tag. Bei Verstößen gibt es Geldstrafen von 100 € pro 10 m Abweichung von der Rückegasse.

Wohlleben ärgert sich über den Wildverbiss auf der Lichtung: „Hohe Wilddichten und Laubwälder schließen sich aus.“ Junge Bäume auf Lichtungen sind ein besonderer Leckerbissen für Rehe. Das kommt daher, dass der Boden dort besonders stickstoffreich ist. Durch die intensive Sonneneinstrahlung wird der Humus beschleunigt abgebaut und das führt zu hohen Stickstoffwerten. Den nehmen die jungen Bäumchen in ihre Blätter auf. Und stickstoffreiche Blätter sind wie Pralinen für Rehe. Normal wären 1-2 Rehe pro km2. Tatsächlich gibt es hier 50. Dafür sorgt z. B. der benachbarte Privatwald, der konventionell bejagt wird. Das bedeutet, dass dort viel zu niedrige Abschusspläne gelten und im Winter auch gefüttert wird.4

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Kranke Buchen im Nachbarwald

Auf dem Weg zum Ruheforst zeigt uns Förster Wohlleben Buchen eines benachbarten Reviers, die alle deutlich sichtbare Kronenschäden der Schadstufe 2 aufweisen.

Die obersten Äste sind abgestorben, die Krone ist durchsichtig. Forstämter schieben die Schäden gerne den Abgasen oder dem Klimawandel in die Schuhe. Wohlleben hält die hier zu sehenden Schäden für hausgemacht: Sie sind Folgen falscher Bewirtschaftung; z. B. zu enger Rückegassen oder des Fällens von Nachbarbäumen.

Voranbau von Buchen

Ein Stück weiter erläutert Herr Wohlleben, wie er seine Fichtenwälder in Buchenwälder umbaut. Dazu pflanzt er Buchensetzlinge in Gruppen unter den Schirm von Fichten. Das nennt der Förster Buchenvoranbau.5 Im Gegensatz zum Nationalpark Eifel plant Wohlleben seine Buchen aber 100 Jahre lang im Schatten aufwachsen zu lassen. Solange bleiben die Fichten hoffentlich noch stehen.

Im Vordergrund des Fotos sieht man 2 Fichtenstämme. Sie wurden wegen Borkenkäferbefall gefällt, entrindet und dann als wertvolles starkes Totholz im Wald liegen gelassen. Auch dies ist ein Unterschied zum Nationalpark Eifel, wo das Borkenkäferholz angesichts von Spitzenpreisen für Fichtenholz wie selbstverständlich verkauft wird.

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Der Ruheforst

Höhepunkt der Exkursion ist der RuheForst Hümmel. In dem 10 ha großen Wald mit bis zu 200 Jahre alten Buchen werden Waldbestattungen durchgeführt. Das folgende Panoramafoto gibt einen Einblick. Klicken Sie mit der rechten Maustaste auf das Foto und wählen dann „Link in neuem Fenster öffnen“. Dann öffnet sich das Panorama. Klicken Sie mit der Lupe auf das Bild und scrollen Sie mit den vertikalen und horizontalen Bildlaufleisten in dem Panorama herum:

Panorama Ruheforst Huemmel

Eine sehr schöne virtuelle 360°-Ansicht finden Sie auf der Homepage des RuheForstes: 360°-Sicht. Auch auf der Baumauswahl-Seite finden Sie 3-D-Ansichten: Baumauswahl.

Bodenuntersuchungen belegen, dass dort nie Landwirtschaft betrieben wurde, sondern seit 4.000 Jahren ein Buchenwald steht. Der Holzvorrat beläuft sich auf 600-700 Vfm/ha. Das ist doppelt so viel wie in einem typischen deutschen Wirtschaftswald mit 330 Vfm/ha.6

Für Peter Wohlleben ist der Erfolg des Ruheforstes ein Beweis dafür, dass Forstwirtschaft nicht bedeuten muss, Bäume zu fällen. Konsequent hat er in den letzten Jahren alternative Einnahmequellen erschlossen: Für Abenteurer bietet er Survivalkamps an und für Unternehmen das Urwald-Projekt „Wilde Buche„. Dabei übernehmen Unternehmen Patenschaften für ein Waldreservat mit alten Buchen.

Am Hauptweg fallen mehrere hohe, mit Zunderschwämmen bewachsene Totholzbäume auf. Die Kronen wurden von Baumsteigern, die mit Seilen in die Kronen klettern, professionell abgesägt. Die Kronen brechen nach dem Absterben von Altbuchen sowieso innerhalb von 1-2 Jahren ab. Die Arbeit der Baumsteiger ist zwar nicht billig: 500 €. Aber soviel läßt sich Wohlleben den Schutz von Biotopbäumen kosten. In einem Wirtschaftswald wären die Altbuchen schon viel früher aus „Verkehrssicherungsgründen“ gefällt und verkauft worden.

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Zahlen zur Wirtschaftlichkeit

Das folgende Foto zeigt eine Karte mit dem 750 ha großen Gemeindewald von Hümmel:

Gemeindewald von Hümmel

2006 stelle Hans-Peter Schmitz, Oberbürgermeister von Hümmel, Peter Wohlleben als Förster des Gemeindewalds ein. Wohlleben kündigte dafür seine Beamtenstelle bei den rheinland-pfälzischen Landesforsten. Damals betrug das jährliche Defizit des Gemeindewalds 70.000 €. Mittlerweile macht Wohlleben 300.000 € Gewinn. Pro Jahr. Nach Abzug aller Personal- und sonstigen Kosten. Macht pro ha 400 €. Damit dürfte das Forstamt Hümmel zu den profitabelsten Forstämter Deutschlands zählen. Und das bei einer jährlichen Holzernte von nur 1.500 – 2.000 Festmetern, womit man weit unter den erlaubten 5.000 – 7.000 Festmetern bleibt.

Forstunternehmer, die im Revier Holz einschlagen, zahlen für den Festmeter Fichtenholz 60-70 €. Zum Vergleich: Das Regionalforstamt Ruhrgebiet vom Landesbetrieb Wald-und-Holz NRW hat das Kunststück fertig gebracht 478 Festmeter Buchenholz aus dem Bottroper Stadtpark für 11.900 € zu verkaufen: 24,90 € pro Festmeter.

Weiterführende Literatur

Mit Hilfe von Google habe ich ein paar interessante Zeitungsberichte und Interviews herausgesucht mit weiterführenden Informationen:

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Wildverbiss im Nachbarwald

In der Jagdgenossenschaft Hümmel beträgt der Abschussplan pro 100 ha Wald 18 Rehe und 4-5 Hirsche. Fütterung und Kirrung sind verboten. Eine Besonderheit ist die Bürgerjagd: Jeder Bürger von Hümmel darf auf einer Fläche von 85 ha kostenlos jagen (weitere Informationen siehe Jagd in Hümmel auf Wikipedia).

In der Nachbarwäldern wird laut Auskunft von Wohlleben höchstens halb so viel gejagt und dafür umso mehr gefüttert. Die Folgen sind erschütternd. Das folgende Foto zeigt eine bizarr verkrüppelte und kahlgefressene Eiche:

Die Eiche steht auf einer kurz und klein gebissenen Lichtung nordwestlich von Hümmel. Die Lichtung gehört zu einem 78 ha großen Privatwald. Auf der Google-Maps-Karte liegt sie ziemlich genau in der Mitte:

Auf dem folgenden Foto ist die Lichtung des Grauens mit einem roten X markiert:

Die Orkane Vivien und Wiebke haben hier im Jahr 1990 nach Auskunft von Herrn Wohlleben einen Fichtenwald umgeworfen. Seitdem entwächst kein Baum mehr dem Äsungsdruck des Reh- und Rotwilds. Nur der giftige Besenginster kann sich behaupten:

Buchen bilden unter extremem Verbissdruck entweder zypressenartig schlanke oder bonsaiartig buschige Formen:

Die Blätter der Eichenbäumchen sind ratzekahl abgefressen:

Vogelbeeren werden nicht höher als 1 m. Auch dornige Sträucher wie Weiß- und Schlehdorn sind verkrüppelt:

Der extreme Verbiss auf der Lichtung ist nicht nur mir aufgefallen, sondern auch Herrn Dr. Ali Ost Montazeri, Leiter der iranischen Forstverwaltung, als dieser 2009 zu Besuch im Gemeindewald Hümmel war, erzählt Peter Wohlleben.7 Im Norden des Iran stehen die letzten großen Buchernurwälder der Erde.8

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  1. siehe Totholzmangel in Wirtschaftswäldern []
  2. Peter Wohlleben, Der Wald – Ein Nachruf, München 2013, S. 161 []
  3. Deutscher FSC-Standard, Prinzip 6.3.13, S. 16 []
  4. siehe Wildverbiss im Nachbarwald []
  5. siehe Buchenvoranbau []
  6. Eckhard Heuer, Studie bestätigt: Deutsche Wälder sind wichtige Kohlenstoffsenke, in: AFZ Der Wald, 20/2009, S. 1068 []
  7. siehe Irans Forstchef besucht Hümmel []
  8. siehe den ausführlichen Exkursionsbericht von Georg Sperber, Buchen-Eichen-Urwälder im Iran []