Der Streit um den Wolfsschluchtweg – eine Provinzposse aus Ostwestfalen

16.4.2020 – der fünfte Artikel des MT zur Sperrung

Am 16.4.1die Online-Ausgabe erscheint bereits am Nachmittag des 15.4. geschieht etwas Ungewöhnliches: unter der Überschrift 33 ‚Megagefahren‘ am Wolfsschluchtweg: NRW-Umweltministerium äußert sich zur umstrittenen Sperrung berichtet das MT sehr ausführlich und sehr differenziert über die Gründe für die Sperrung. Im Mittelpunkt des Berichts stehen überraschenderweise einmal nicht die Gegner der Sperrung, sondern die Institution, die verantwortlich für die Sperrung ist: das NRW-Umweltministerium. Und noch etwas ist erstaunlich: das MT fragt diesmal sogar beim Regionalforstamt nach und lässt sich den Fachbegriff des Megagefahrenbaums erklären.

Was ist ein Megagefahrenbaum?

Ina Bormann, Leiterin des Fachgebiets Hoheit im Regionalforstamt OWL und zuständig für rechtliche Grundsatzfragen, erklärt:

Megagefahren seien „Gefahren, die weit über das waldtypische Gefahrenpotenzial hinausgingen und praktisch für jedermann erkennbar seien. Dazu zählten zum Beispiel gespaltene Stämme, auffälliger Schrägstand, gelockerte Wurzeln oder auch ein sichtbar großer Pilzbefall.“2siehe dazu auch der Hinweis auf die Betriebsanweisungen von drei Landesforsten im vorigen Kapitel 15.4.2020 – der vierte Artikel des MT zur Sperrung

Bormanns Erklärung ist wirklich hilfreich, denn wer nicht versteht, was ein Megagefahrenbaum ist, wird auch die Sperrung nicht verstehen. Es geht beim Wolfsschluchtweg eben nicht um die berühmten „waldtypischen Gefahren“, von denen die Gegner der Sperrrung reden. Die bräuchten laut BGH tatsächlich nicht beseitigt werden. Da haben die Gegner völlig recht. Aber am Wolfsschluchtweg geht es um Megagefahren und die gehen eben weit über „waldtypische Gefahren“ hinaus.

Beispiel für einen ehemaligen Megagefahrenbaum am Wolfsschluchtweg – umgestürzte Esche, deren Krone mitten auf den Weg gefallen ist

Zur Verdeutlichung stelle man sich folgenden – furchtbaren – Fall vor:

Eine Familie macht einen Ausflug zur Wolfsschlucht. Ein Kind wird von einem abbrechenden dicken Ast am Kopf getroffen und liegt mit Schädelhirntrauma auf der Intensivstation. Der Vater verklagt den Förster: „Sie sind verantwortlich! Sie hätten den Baum entfernen müssen! Jeder konnte sehen, dass er morsch ist und dass die Äste abbrechen!“

Es sind solche Fälle, die Förstern richtig Angst machen. Man stelle sich einmal vor, ein Förster würde dem Vater entgegnen: „Für den Unfall ihres Kindes bin ich nicht verantwortlich! Das war eine waldtypische Gefahr!“

Vielleicht kann ich diese Lage der Förster so gut verstehen, weil ich als Lehrer in einer ähnlichen Lage war: Obwohl ich Biologie unterrichtete und der Wald eines meiner Lieblingsthemen war, habe ich in meiner gesamten Dienstzeit nicht ein einziges Mal einen Wald besucht wie den an der Wolfsschlucht – einen Wald, für den gilt:

„Die Alters- und Zerfallsphase des Baumbestands entlang des Weges ist bereits deutlich erkennbar. Die Topographie des Geländes trägt dazu bei, dass jederzeit mit umstürzenden Bäumen gerechnet werden muss.“3protokolliertes Ergebnis der Ortsbegehung am 19.3.2019, zit. n. MT vom 16.4.2020

Das Risiko, dass ein dicker Ast abbricht und einen meiner Schüler verletzt, war mir immer zu hoch. „Sie sind verantwortlich! Sie haben doch gewusst, dass das passieren könnte!“ Das Leben ist kein Ponyhof. Ein Wald in der Zerfallsphase auch nicht.

Wie viele Megagefahrenbäume gibt es am Wolfsschluchtweg?

Das  NRW-Umweltministerium beruft sich auf ein Gutachten aus dem Jahr 2018, das der Landesbetrieb Wald und Holz in Auftrag gegeben hatte, „um zu ermitteln, welche Gefahren von den Bäumen entlang des Wolfsschluchtwegs ausgehen“.4ebd.. 2018 waren es 33 Bäume, die als Megagefahren eingestuft wurden.

„Bei den Bäumen handele es sich um acht große und größtenteils vitale Buchen, zehn abgestorbene Bäume sowie um 16 tote Hochstubben mit einer Höhe zwischen acht und 18 Metern.“5Zwar gilt 8 +10 +16 = 34, aber ob es 33 oder 34 Megagefahren sind, spielt nun wirklich keine Rolle.

Von diesen Megagefahrenbäumen waren 10 „markante Habitatbäume“:

„Das sind Bäume, die wertvolle Strukturen wie Spechtlöcher, gelöste Rindenbereiche und Höhlungen aufweisen. Von diesen zehn Bäumen seien fünf bereits tot.“

Zusätzlich zu dem Gutachten beruft sich das Ministerium auf eine Ortsbegehung am 19.3.2019.6siehe auch Der FSC und die Verkehrssicherung am Wolfsschluchtweg – Chronologie der Ereignisse Das MT zitiert aus dem Bericht des Ministeriums:

„Die Situation wird dadurch verschärft, dass die große Trockenheit der Jahre 2018 und 2019 auch dazu beiträgt, dass einige Bäume vorzeitig absterben werden, Kronenäste durch Embolien abstoßen sowie Kronenbrüche auftreten können. Es besteht daher eine unmittelbar drohende Gefahr für Erholungssuchende, die den Wolfsschluchtweg betreten.“

Warum sperrt das Umweltministerium den Wolfsschluchtweg?

Wer A sagt, muss auch B sagen. Würde das Ministerium den Weg nicht sperren, müsste es die Megagefahrenbäume fällen. Das wäre aber für das Wildnisgebiet eine Katastrophe:

Verkehrssicherungsmaßnahmen müssten „perspektivisch auf der gesamten Länge des Wildnisgebiets und bis in einen Tiefe von bis zu 30 Metern [beiderseits des Wegs, F.-J. A.] durchgeführt werden“.

Vom Wildnisgebiet bliebe nichts übrig.

„Daher, so das Ministerium, habe die Fachabteilung per Erlass vom 2. Dezember 2019 die Sperrung des Weges verfügt.“

Wie reagieren die Gegner der Sperrung auf das Umweltministerium?

Kirstin Korte (CDU)

Kirstin Korte war eine der beiden Landespolitikerinnen, die sich laut MT vom 15.4.2020 in den Streit um den Wolfsschluchtweg „eingeschaltet“ hatte. Sie zeigt sich durch den Bericht des Umweltministeriums überzeugt:

„Aus meiner Laiensicht sind die Abläufe nachvollziehbar und die Sperrung des Weges ist – leider – eine logische Folge.“7aus einem Brief von Kirstin Korte an Elke Brandt, stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Portaner CDU, zit. n. MT vom 16.4.2020

Allerdings macht Korte ihren CDU-Kollegen in Porta Westfalica scheinbar ein wenig Hoffnung. Denn:

„Allerdings ist das Thema für Kirstin Korte noch nicht erledigt, wie sie gegenüber dem MT betonte. Sie habe aktuelle Informationen erhalten, dass es 2017 anlässlich der Ausweisung des Naturschutzgebietes, in dem der Wolfsschluchtweg liegt, auch noch eine andere Sichtweise als die des Umweltministeriums gegeben habe. Konkretes könne sie noch nicht sagen, wolle dem Hinweis aber nachgehen und schauen, ob das ein möglicher Ansatzpunkt sei, die Sperrung des Weges zu überdenken.“

Höchstwahrscheinlich aber wird bei Kortes Recherche gar nichts herauskommen – so diese denn überhaupt stattfindet – und der Fall ist für sie erledigt. Ärgerlich ist allerdings ihr letzter Satz:

„Im Grunde genommen zeige sich beim Wolfsschluchtweg ein klassisches Problem, so Korte: Man wolle etwas für den Naturschutz tun, sperre aber die Menschen aus, so dass diese die schützenswerten Besonderheiten gar nicht wahrnehmen könnten.“

Vermutlich weiß sie es gar nicht, aber Korte greift ein Argument auf, das seit Jahrzehnten immer gegen den Naturschutz verwendet wird – z. B. gegen den gescheiterten Nationalpark Teutoburger Wald in NRW: „Die Leute werden ausgesperrt!“8siehe z. B. das legendäre Interview mit dem CDU-Politiker Heinrich Kemper zum NLP Teutoburger Wald Es stimmt in keinem einzigen deutschen Nationalpark, wie ein Blick auf das hervorragende Wegenetz jedes Parks zeigt. Und es stimmt auch an der Wolfsschlucht nicht. Niemand wird dort ausgesperrt – siehe Kammweg, siehe Dreimännerweg.

Dirk Rahnenführer (SPD)

Dirk Rahnenführer ist Mitglied der SPD und Vorsitzender des Ortsvereins Barkhausen.

Er gehört zu dem „Bündnis aus Politikern, Heimatpflegern und zertifizierten Landschaftsführern“, die gegen die Sperrung sind und über das MT tags zuvor berichtete.9siehe 15.4.2020 – der vierte Artikel des MT zur Sperrung Im Gegensatz zu Korte ist Rahnenführer vom Schreiben des Umweltministeriums ganz und gar nicht überzeugt:

Er „wundert sich vor allem über so genannte ‚Megagefahren‘. Er kenne nur Bäume, die umstürzen, und Äste, die herabfallen können, so Rahnenführer. ‚Wer definiert denn, was eine Megagefahr darstellt?'“

Diese Frage hat das Umweltministerium zwar ausführlich beantwortet, aber das stört ihn nicht. Er hätte auch Ina Bormann vom Regionalforstamt anrufen und fragen können. Oder auch beim Landesbetrieb in Münster. Aber ein Politiker in Porta Westfalica gibt lieber Interviews im MT:

„Sollten die jüngsten trockenen Sommer solche Megagefahren mitverursacht haben, dann hätte man diese Gefahrenkategorie wohl nicht nur am Wolfsschluchtweg, sondern fast überall.“

Richtig. Man hat sie. Überall. Und überall werden Megagefahren nach regelmäßig stattfindenden Baumkontrollen beseitigt: „an öffentlichen Verkehrsstrecken und an Gebäuden“, „an baulichen Anlagen, Waldlehrpfaden und Waldparkplätzen“ und „an Waldwegen“ – ganz so, wie es in der Betriebsanweisung des Landesbetriebes Wald und Holz NRW steht. Das Dokument ist frei im Internet zugänglich. Rahnenführer hätte es lesen können.

„Rahnenführer erwartet, dass die heimischen Landtagsabgeordneten in dieser Sache nachfassen. Eventuell müsse man über eine Petition zur Öffnung des Wolfsschluchtweges nachdenken.“

Eine solche Petition startet vier Tage später. Bis Anfang Juli hat sie es auf 216 Unterstützer gebracht. Porta Westfalica hat 37.000 Einwohner. Kein Kommentar.

Nach oben
Zurück zur Einleitung
Nächste Seite: 16.5.2020 – der sechste Artikel des MT zur Sperrung

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.