Der Streit um den Wolfsschluchtweg – eine Provinzposse aus Ostwestfalen

1.4.2020 – der Film der WDR-Lokalzeit OWL über die Sperrung

Zum Pressetermin des Regionalforstamts Ostwestfalen-Lippe vor dem gesperrten Wolfsschluchtweg erscheint am 31. April 2020 nicht nur das MT, sondern auch der WDR. Am folgenden Tag läuft in der WDR-Lokalzeit ein gut zweiminütiger Filmbeitrag mit dem Titel „Wolfsschluchtweg für immer gesperrt“.1siehe auch die dazu passende Nachricht auf der Homepage des WDR: Wolfsschlucht-Wanderweg bei Porta Westfalica für immer gesperrt

Der 1. April ist kein guter Tag für das Regionalforstamt: nicht nur der Zeitungsartikel wird viele Leser ganz und gar nicht überzeugen, auch vor der Kamera macht man keine gute Figur. Die Gegner der Sperrung sind immer noch sauer, der Streit geht weiter und wird heftiger. Schon wenige Tage später wird das MT vermelden: „Gesperrter Weg durch die Wolfsschlucht: Barkhauser Politiker protestieren“, „Streit um den Wolfsschluchtweg: Landespolitiker schalten sich ein und „Der gesperrte Wolfsschluchtweg in Porta Westfalica: Ein Fall für das Verwaltungsgericht“

Hier das Transkript des Filmanfangs:

Verschlungene Wege, steile Hänge und eine traumhafte Aussicht: das lieben Wanderer am Wolfsschluchtweg. Doch das endet nun. Andreas Roefs vom Regionalforstamt nimmt uns noch ein letztes Mal mit auf den 1,7 km langen Abschnitt. Zahlreiche Bäume hier könnten umstürzen.

„Die Buchen sind auch hier großteilig schon sehr sehr alt und die gehen jetzt schon eben in ihre langsame Zerfallsphase über, bilden sehr viel totes Holz in den Kronen. Dann vermindert sich natürlich auch die Blattmasse. Es stehen weniger Kohlenhydrate durch die Photosynthese zur Verfügung. Der Baum wird irgendwann altersschwach, wie es auch beim Menschen im Grunde genommen ist, und fängt an abzusterben.“

Stürzt so ein tonnenschwerer Baum um, reißt er viele andere mit. Lebensgefährlich sei das, sagt das Regionalforstamt.

„Sagt“ das Regionalforstamt. Das „sei“ lebensgefährlich. Es ist kein Wunder, dass der WDR den Konjunktiv benutzt. Denn Förster Roefs ist alles andere als glaubwürdig. Er ist so glaubwürdig wie ein rauchender Lehrer, der seine Schüler über die Gefahren des Rauchens aufklärt. Wie kann Roefs nur so entspannt durch einen Wald spazieren, der angeblich so gefährlich ist, dass man ihn sperren muss? Wieso hat Roefs Sonderrechte? Wieso gilt die Sperrung für ihn nicht? Gilt sie etwa nur für Laien und nicht für Förster? Und wie kann man sich vor umstürzenden „tonnenschweren“ Bäumen mit einem Sturzhelm schützen? Wieso hat Roefs keine Todesangst? Und wieso lehnt er ganz entspannt an einem „altersschwachen“ und „sehr sehr alten“ Baum, wo der doch jeden Moment umstürzen kann? Wie ist es möglich, dass Roefs ein komplettes Kamerateam des WDR auf einen Weg führt, wo „unmittelbare Lebensgefahr“ droht, und dessen Betreten „streng verboten“ ist? Roefs ist zuständig für Umweltbildung und Waldpädagogik im RFA. Man reibt sich die Augen über das, was der Waldpädagoge da vor laufender Kamera so alles sagt: „… wie es auch beim Menschen im Grunde genommen ist …“? Was? Dass sie langsam zerfallen und absterben? Betreiben Menschen auch Fotosynthese? Fehlen alten Menschen etwa Kohlenhydrate? 

Auch wenn Menschen einen Urwald noch so spannend finden, sie dürfen nicht mehr hinein. Denn 30 Bäume könnten hier sofort umstürzen, 30 weitere sind kurz davor. Zu gefährlich sagen die Experten und sperren den Weg seit heute. Denn zuletzt drängten die Menschen ‚raus in die Natur.

„Gestern noch beim Aufbau der Sperranlage, also der Tore und der Flatterbänder, war enorm ‚was los, obwohl nachmittags ja das Wetter schlecht war. Und das war einfach noch mal ein Zeichen, dass dieser Ort ganz stark frequentiert wird – gerade auch von den Einheimischen. Denn die Touristen von ferne, die waren nicht so da, aber die Einheimischen sind hier sehr viel.“

Warum hat Roefs eigentlich die „sehr vielen Einheimischen“ passieren lassen? Konnten die 30 Bäume beim Aufbau der Sperranlage noch nicht „sofort“ umstürzen? Wie konnte Roefs es zulassen, dass sich in seinem Beisein „sehr viele Einheimische“ in „unmittelbare Lebensgefahr“ brachten? Der WDR fragt nicht nach. Aber viele Zuschauer werden sich das fragen.

Auch der Leiter des Regionalforstamts, Holger-Karsten Raguse, hat einen Auftritt. Und das Unglück nimmt seinen Lauf:

Ortstermin heute am Kaiser-Wilhelm-Denkmal. Hier startet der Wolfsschluchtweg, den Generationen von Ostwestfalen entlang liefen. Doch jetzt ist damit Schluss.

„Das ist ein sogenanntes Wildnisentwicklungsgebiet. Wir haben hier Wälder, die 160, 180 Jahre alt sind, die schon seit Jahrzehnten aus der Bewirtschaftung heraus sind. Und Schutzziel von Wildnisentwicklungsgebieten ist einfach, dass man Natur Natur sein lässt, dass man bewusst nichts macht, nichts nutzt, einfach Natur sich entwickeln lässt.“

Das Forstamt arbeitet noch an einem Konzept, um den Menschen die neue Wildnis gefahrlos zeigen zu können, z. B. an entfernteren Aussichtspunkten. Und vielleicht lässt sich dann in dem neuen, menschenleeren Urwald dann auch wirklich mal ein Wolf blicken.

Ungeschickter kann man ein Wildnisentwicklungsgebiet nicht präsentieren: vor einem Absperrgitter. Und vor roten Verbotsschildern. Das Ergebnis fasst der WDR kurz und knapp zusammen: ein „menschenleerer Urwald“. Man stelle sich einmal den Leiter eines beliebigen deutschen Nationalparks vor, der sich stolz vor einen Zaun stellt und den Fernsehzuschauern verkündet:

„Hinter dem Zaun darf Natur Natur sein. Früher gingen hier Menschen im Wald spazieren. Damit ist jetzt Schluss: Der Mensch bleibt draußen. Wir schützen ab heute hier einen menschenleeren Urwald.“

Völlig unverständlich ist, warum Raguse sich nicht auf dem Kammweg oberhalb des Wildnisentwicklungsgebiets filmen lässt. Der Weg dort führt direkt an der schroffen Klippe des Wiehengebirges entlang und ist quasi ein natürlicher und kostenloser Baumwipfelpfad. Von dort hat man schon heute einen hervorragenden Blick in die Wildnis. Völlig gefahrlos und trotzdem nah dran. Dafür braucht es kein „Konzept“.

Um den PR-Gau komplett zu machen, lässt sich Förster Roefs kurz vor Ende dabei filmen, wie er den angeblich so steilen und so gefährlichen Abhang ganz entspannt herunter geht – ohne Weg. Aber damit ist ja jetzt Schluss!

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