Natur- und Wildniswälder


„Es ist ja ganz nett, wenn einige kleine Einzelheiten geschützt werden, Bedeutung für die Allgemeinheit hat diese Naturdenkmälerchensarbeit aber nicht. Pritzelkram ist der Naturschutz, so wie wir ihn haben. Der Naturverhunzung kann man eine geniale Großzügigkeit nicht absprechen. Die Naturverhunzung arbeitet ‚en gros’, der Naturschutz ‚en detail’.“ (Hermann Löns, 1911, zit. n. Plachter, Naturschutz, 1990)

Einleitung

Die Seite ist gegliedert in folgende Abschnitte:

Totalschutz in Naturwaldzellen und Wildniswäldern

Naturwaldzellen und Wildniswälder sind kostbare Juwele. Sie sind in der strengsten Schutzklasse eingestuft: In einer Naturwaldzelle darf die Forstwirtschaft den Wald nicht nutzen. Dies geht weit über den Schutz in Naturschutzgebieten hinaus: Dort nämlich darf so genannte “ordnungsgemäße Forstwirtschaft” betrieben werden. Nicht so in Naturwaldzellen und Wildniswäldern! Diese stehen genauso wie die Kernzonen Nationalparks unter Prozessschutz: Der Wald darf sich dort völlig ungestört durch den Menschen entwickeln. Auch kranke und tote Bäume dürfen nicht gefällt werden, sodass auch das beliebte Argument für Baumfällungen, die Verkehrssicherung, wegfällt.

Krummbeck_02Naturwaldzelle Krummbeck

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Zahlen zu den Naturwaldreservaten in NRW

Karten und weitere Informationen zu den 75 Naturwaldzellen in Nordrhein-Westfallen finden Sie hier. Insgesamt haben sie eine Fläche von nur 1.575 ha (Landesanstalt für Ökologie, Bodenordnung und Forsten des Landes NRW, Atlas der Naturwaldzellen in Nordrhein-Westfalen, Recklinghausen 2005, S. 19). Das entspricht nur 0,17 % der 915.800 ha Waldfläche in NRW. Zum Vergleich: 0,17 % einer 75 m2-Wohnung entsprechen einer Fläche von 0,129 m2 – einem Quadrat von 36 cm x 36 cm. Betrachtet man nur die von Wald-und-Holz-NRW verwaltete Staatswaldfläche von 118.000 ha, so machen die Naturwaldzellen nur 1,3 % der Staatswaldfläche aus.

Krummbeck_01Naturwaldzelle Krummbeck

Zahlen zu den Wildniswäldern in NRW

Durch die Ausweisung von 7.910 ha Wildnisgebieten im Jahr 2013 wurde der Anteil der totalgeschützten Waldflächen erheblich erweitert. Diese Fläche verteilt sich auf 109 Wildniswälder. Hinzu kommen 544 ha Wildnisgebiet der privaten Naturschutzorganisation Verschönerungsverein für das Siebengebirge und 3.975 ha der Kernzone des Nationalparks Eifel.

1.575 ha Naturwaldzellen + 7.910 ha Wildniswälder + 544 ha Siebengebirge + 3.975 ha Kernzone Nationalpark Eifel = 12.429 ha Totalreservat

Insgesamt werden also 10,5 % der Staatswälder forstwirtschaftlich nicht mehr genutzt. Das ist sogar etwas mehr als die 10%, die in der Nationalen Strategie zur Biodiversität gefordert sind. Leider macht der Staatswald nur knapp 13% der Landeswaldfläche aus und so sind insgesamt nur 1,4% der nordrhein-westfälischen Waldfläche total geschützt.

Zum Vergleich: Durch den gescheiterten Nationalpark Teutoburger Wald wären 8.650 ha unter Schutz gestellt worden. 50% davon hätten sofort unter Prozessschutz gestellt werden können – also mehr als 4.300 ha (siehe Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz: Gutachten zur Eignung des Teutoburger Walds als Nationalpark, 2011, S. 33). Der Vorteil: Statt eines Flickenteppich von Miniwildnisgebieten hätte man ein großes zusammenhängendes Schutzgebiet bekommen. Luchse, Wildkatzen und Wölfe können nicht von einem Wildnisteilgebiet zu nächsten hopsen!

Zahlen zu den Naturwäldern in Niedersachsen

Die Niedersachsen sprechen nicht von „Naturwaldzellen“, sondern von „Naturwäldern“. Informationen hierzu im Internet finden Sie in der Datenbank zu den Naturwaldreservaten in Deutschland. Die Informationen sind allerdings fehlerhaft und veraltet. Karten fehlen, sodass ein Auffinden der Naturwälder unmöglich ist. Beispielsweise kann ein Bürger von Hannover nicht ermitteln, wo in seinem Umkreis die nächsten Naturwälder sind.

Die Niedersächsischen Landesforsten beschränken ihre Auskünfte auf eine Webseite mit dem Titel „Waldnaturschutz in den Niedersächsischen Landesforsten„. Detaillierte Informationen zur Hälfte der Naturwälder bietet ein Buch der Nordwestdeutschen Forstlichen Versuchsanstalt: „Naturwälder in Niedersachsen – Schutz und Forschung„, Band 1 aus dem Jahre 2006. Auch in diesem 339 Seiten dicken Band sind die Karten nur wenige cm winzig. Damit kann man die Naturwälder nicht finden. Peter Meyer, zuständig in der NW-FVA für die Naturwälder, gibt in einem Schreiben an mich vom 15. Mai 2013 selbst zu, dass die Dokumentation über die niedersächsischen Naturwälder „verbessert“ werden muss. Nur 14 Mitarbeiter sind für 160 Naturwälder in 4 Bundesländern zuständig. So verwundert es nicht, dass es seit Einrichtung der ersten Naturwälder im Jahr 1972 34 Jahre gedauert hat, bis das erste Buch erschien. Und der zweite Band lässt nun schon seit 7 Jahren auf sich warten.

Vielleicht hat dieses behördliche Desinteresse an Naturwäldern auch mit der Leitung der NW-FVA durch Hermann Spellmann zu tun. Spellmann ist ein Vertreter der traditionellen Durchforstung von Buchenwäldern. Spellmann warnte jüngst vor dem sog. „Lübecker Modell“ der Buchenbewirtschaftung1. Dieses Modell des minimalen Eingriffs nimmt sich die Vorgänge in Naturwäldern zum Vorbild. So werden Buchenwälder z. B. ab einem Stammdurchmesser von 40 cm nicht mehr durchforstet. Nicht so Spellmann! In seinen Augen ist der Wald ein chronisch kranker Patient, der ständig „gepflegt“ werden muss. Je stärker der Eingriff, desto größer das Ertragswachstum! Und so wird in einer Tour „überprüft“, „durchforstet“ und „freigestellt“. Der Förster muss „Entwertungsgefahren“ beseitigen, den „Assimilationsapparat ausbauen“, die „Kronenplastizität“ und „selbst in höheren Altern“ den „Zuwachsanstieg“ ausnutzen, die „Qualität fördern“ und die „Wertleistung heben“. Ansonsten droht das Chaos auszubrechen in Form von „qualitativ unbefriedigenden Bäumen“, „bogigen Schäften“, „Drehwuchs“, „verkernten Buchen“, „Verdrängung von Edelbaumarten“, „Ausdunkelung der Verjüngung“ und „Absterben des Buchenunter- und zwischenstands“ (alle Zitate aus Spellmann, Buchenwirtschaft).

Schrab_Quer_2„qualitativ unbefriedigende“ Buchen im Naturwald Schrabstein

Die 107 niedersächsischen Naturwälder haben eine Gesamtfläche von 4.576 ha. Die Waldfläche von Niedersachsen, Hamburg und Bremen beträgt laut der zweiten Bundeswaldinventur 1.162.522 ha. Bremen hat keine Naturwälder, Hamburg nur 4 mit 37 ha. Die Naturwälder machen also mickrige 0,39 % der Waldfläche aus. Zum Vergleich: In der „Nationalen Strategie zur biologischen Vielfalt für den Lebensraum Wald“  von 2007 hat sich Deutschland verpflichtet, bis 2020 5 % der Wälder von der forstwirtschaftlichen Nutzung zu befreien. Der Anteil der Naturwälder an den 330.000 ha Landeswald ist mit 1,4 % auch beschämend winzig. Die Vereinbarung in der oben erwähnten Nationalen Strategie zur biologischen Vielfalt lautete 10 % bis 2020.

Auf der nächsten Seite informiere ich Sie über den Totholzmangel in Wirtschaftswäldern.

1 zum Streit um das „Lübecker Modell“ siehe:

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