Alles so schön bunt hier

Raubbau vom Mittelalter bis zur Neuzeit

Bereits der erste Satz des Desinformationsschilds ist Unsinn: „Die schonende Nutzung der Talwiesen begann bereits im Mittelalter.“ Erstens gab es bis zum Mittelalter überhaupt keine „Talwiesen“ und zweitens war die Nutzung alles andere „schonend“.

 

Die Entstehung von Talwiesen

Um 1000 n. Chr. leben im heutigen Deutschland ca. 4 Millionen Menschen. Und sie beginnen mit Rodungen des Waldes. Der Ackerbau verbessert die Ernährung der Menschen, sodass die Bevölkerung bis zum Jahr 1150 auf 5 Millionen anwächst. Die Axt dringt von den Ebenen nun auch in die Hügel und Berge vor: Im 12. Jahrhundert werden auch die Bachtäler am Perlen- und Fuhrtsbach kahlgeschlagen und gerodet (siehe Flyer „Naturschutzgebiet Perlenbach und Fuhrtsbachtal in Monschau“). Was soll daran „schonend“ sein? „Als die Rodungswellen Ende des 13. Jahrhunderts zum Stillstand kommen, ist das Land nur noch zu einem Drittel bewaldet.“ (Meister, Offenberger: Die Zeit des Waldes, S. 78). Das ist bis heute so geblieben. Dass die Rodungen damals stoppten, hat nichts mit Naturschutz oder Nachhaltigkeit zu tun. Mehr ging einfach nicht: „Sämtliche ackerbaufähigen Wälder waren urbar gemacht.“ (Bode, Hohnhorst: Waldwende, S. 18). Die Talhänge am Perlen- und Fuhrtsbach waren schlicht zu steil und zu felsig und nicht geeignet zum Pflügen.

 

Holbeins_Totentanz_Waldrodung

Rodung eines Waldes zur Gewinnung von Ackerland, Ausschnitt aus dem Holzstich „Totentanz“ (1538) von Hans Holbein dem Jüngeren, Quelle: Wikimedia Commons

 

Der Wald wird zum Stall

„Schonend“ war auch der Umgang mit den neu geschaffenen Talwiesen nicht. Die Menschen des Mittelalters hatten ein Problem: Es gab keinen Dünger. Weder in Form von Stallmist oder Gülle und schon gar nicht in Form von modernem Kunstdünger. Ohne Dünger aber waren die Äcker erschütternd ertragsarm. Und noch ertragsärmer waren die Talwiesen in der Eifel. Beholfen hat man sich mit künstlicher Bewässerung der Wiesen mit Bachwasser (siehe Flyer). Doch der Perlenbach und der Fuhrtsbach sind nicht der Nil und ihr Wasser ist ebenso nährstoffarm wie die Böden in den Eifeltälern. Ackerbau war auf den Talwiesen schlicht nicht möglich. Wenn es möglich gewesen wäre, dann hätte man es gemacht und aus wäre es gewesen für die „bunte Pracht der Wiesenblumen“ (Flyer). Deren „Schonung“ war keine freie und bewusste Entscheidung, sondern blanke Not. Gerade einmal für eine einzige Mahd im Jahr reichte es. Viel zu wenig, um damit große Viehherden zu ernähren.

Der Futtermangel für Pferde und Rinder war ein Hauptproblem im Mittelalter: Es gab keinen Futtermais. Und die Dreifelderwirtschaft war noch nicht erfunden. Im Winter hungerten die Rinder und wurden im Frühjahr und Sommer zur Waldweide in die Wälder getrieben. Dort verstümmelten sie die jungen Bäume und verdichteten den Waldboden. Noch schlimmer wüteten Ziegen und Schafe in den Wäldern. Im Herbst fand die Schweinemast statt: „Zu Tausenden wurden die Schweine in den Wald getrieben, um sie mit Bucheckern und Eicheln zu mästen.“ (Bode, S. 21)

Noch verheerender als Waldweide und Schweinemast wirkte ab 1750 die Waldstreunutzung: „Im Herbst zog die gesamte Dorfbevölkerung mit Vieh und Wagen in den Wald, um – wie selbstverständlich – die frische Herbststreu aus dem Wald zusammenzufegen.“ (ebd., S. 22) Mit der Streu wurde dann im Winter das Vieh im Stall gefüttert. Die über 150 Jahre währende Waldstreunutzung hatte für den Wald katastrophale Folgen: Dem geplünderten Wald fehlte der Humus und dessen Nährstoffe. Die Waldböden wurden extrem nährstoffarm. Soviel zum „schonenden“ Umgang der Bauern mit der Natur.

An der beinahe vollständigen Abholzung der Eifeler Buchenwälder im 17. und 18. Jahrhundert trugen die Bauern allerdings keine Schuld: Mit dem Buchenholz produzierten Köhler in Kohlenmeilern Holzkohle. Diese wurde für die Hochöfen der Eifeler Eisenindustrie gebraucht. „Man muss sich die Eifel um 1800 als eine Wiesen- und Heidelandschaft vorstellen, auf der vor allem Schafherden weideten.“ (Wikipedia) Die verödeten Flächen wurden Anfang des 19. Jahrhunderts planmäßig von der preußischen Forstverwaltung mit Fichten aufgeforstet, nachdem die Eifel 1815 an Preußen fiel.

 

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