Alles so schön bunt hier

„Naturschutz konserviert, pflegt, umsorgt, verbietet, schneidet frei, verschönert. Natur muss sauber sein, streichelbar, bunt – und vor allem muss sie schön sein.“ (H. Pöhnl)

 

Kulturlandschaften sind keine Naturlandschaften

  1. Verwechslung von Kultur und Natur
  2. Willkür bei der Auswahl der Schutzgebiete
  3. Missbrauch des Begriffs Artenvielfalt
  4. Fehlgeleiteter Naturschutz

 

1. Verwechslung von Kultur und Natur

Der zentrale Fehler, den die Stiftung begeht, liegt darin, andauernd Natur- und Kulturlandschaft miteinander zu verwechseln. Das Schild hat völlig recht: Die alte Kulturlandschaft wäre verschwunden, wenn man sie nicht künstlich rekonstruiert hätte. Aber die Kulturlandschaft ist eben eines nicht: Natur. Die „blumenbunten“ Wiesen entstanden erst, weil die Menschen im 12. Jahrhundert die Auwälder gerodet haben. So wie sie 70% der Wälder im Mittelalter gerodet haben. Würde man die „Natur Natur sein lassen“, würden im Perlenbach- und Fuhrtsbachtal auf sumpfigen und nassen Böden Auwälder mit Erlen, Weiden und Eschen entstehen (FFH-Lebensraumtyp 91E0). An trockeneren Stellen würden Hainsimsen-Buchenwälder (FFH-Lebensraumtyp 9110) wachsen. Das gesamte Bachtal würde vom Wald bedeckt sein und nicht nur ein schmaler Streifen links und rechts des Bachs. Au- bzw. Buchenwald sind die „potenzielle natürliche Vegetation“: Sie ist der „Endzustand der Vegetation, den man ohne menschliche Eingriffe im jeweiligen Gebiet erwarten würde“ (Wikipedia).  Wiesen entstehen durch menschliche Eingriffe. Und ohne ständige menschliche Eingriffe würden sie auch wieder verschwinden und der Au- bzw. Buchenwald zurückkehren.

 

Willkür bei der Auswahl der Schutzgebiete

Wenn „alte Kulturlandschaften“ geschützt werden sollen, warum dann nicht auch Fichtenwälder? Auch diese werden schließlich seit 200 Jahren angepflanzt. Sind diese Wälder etwa nicht eine altehrwürdige Kulturlandschaft? Warum nicht Kahlschläge unter Naturschutz stellen? Wo doch die Artenvielfalt der Schlagflur so groß ist! Oder warum nicht die Bottroper Halde zum FFH-Gebiet erklären? Es gibt dort eine große Artenvielfalt an Ruderalpflanzen! Oder besitzt die Bottroper Halde etwa keine „Schönheit“ und „Eigenart“ (Zitate vom Informationsschild)?

 

Der Missbrauch des Begriffs der Artenvielfalt

Kein Naturschutzgebiet, bei dem nicht die große Artenvielfalt bemüht wird: „350 Arten von Farn- und Blütenpflanzen, mehr als 70 Moosarten, 45 Weichtierarten (Schnecken und Muscheln) 25 Tagfalter- und mindestens ein Dutzend Libellenarten; außerdem fünf heimische Fischarten und das Bachneunauge, neun Amphibien- und Reptilienarten, über 80 Vogelarten und mehr als 30 Säugetiere“ (Flyer „Übereinkommen zur Biologischen Vielfalt, das auf der Konferenz der Vereinten Nationen zu Umwelt und Entwicklung 1992 in Rio de Janeiro verabschiedet worden ist, schützt nur die Biodiversität, die der potenziellen natürlichen Vegetation entspricht. Diese ist am Perlen- und Fuhrtsbach ein Au- bzw. Buchenwald. Dort gibt es von Natur aus keine „Bergmähwiesen“, „Artenreichen Borstgrasrasen“, „Magere Flachlandmähwiesen“, „Feuchte Heiden mit Glockenheide“ und „Trockene Heiden“. Ohne menschlichen Eingriff kämen sie dort nie vor. Alle diese Kunstprodukte werden im Steckbrief des FFH-Gebiets Perlenbach-Fuhrtsbachtal zu schutzwürdigen Natura-2000-Lebensraumtypen erhoben. Das ist Unsinn. Der vom Flyer bespielsweise bemühte Blauschillernde Feuerfalter flattert nur deswegen am Perlen- und Fuhrtsbach umher, weil dort durch die Rodungstätigkeit des Menschen künstlich Feuchtwiesen geschaffen wurden. Im Auenwald gibt es keine Feuerfalter. Wer diesen in der Eifel schützen will, kann sich nicht auf die Biodiversitäts-Konvention berufen.

Im übrigen taugt Artenvielfalt auch nicht als Unterscheidungskriterium zwischen angeblich wertvollen und angeblich wertlosen Ökosystemen. Der als artenarm verschriene Fichtenwald beispielsweise entpuppt sich bei näherer Betrachtung als überraschend artenreich: Im Rheinland tummeln sich mittlerweile 210 Käfer, die Nadelholz bewohnen (Frank Köhler, Untersuchungen zur Totholzkäferfauna in Naturwaldzellen Nordrhein-Westfalens 1989 bis 2011, in: Wald und Holz NRW (Hg.), 40 Jahre Naturwaldforschung in Nordrhein-Westfalen, Münster 2013, S. 104).

 

Fehlgeleiteter Naturschutz

Die Folge eines falschen Verständnisses von Artenvielfalt ist, dass die falschen Arten geschützt werden. Ein prominentes Beispiel ist die Gelbe Narzisse, deretwegen im Frühjahr ganze Heerscharen von Touristen in das Perlen- und Fuhrtsbachtal einfallen. Die Gelbe Narzisse kommt ursprünglich aus Spanien und Portugal. Dort ist ihr Hauptverbreitungsgebiet.  Von dort aus hat sie Frankreich besiedelt, den Sprung über den Kanal geschafft und ist bis nach Schottland vorgedrungen. Im Osten erreicht sie Belgien und den äußersten Westen Deutschlands: eben das Perlen- und Fuhrtsbachtal. Deutschland ist also bestenfalls eine Randzone für die Gelbe Narzisse. Ganz richtig schreibt das Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz NRW in seiner Schrift „Rote Liste der gefährdeten Farn- und Blütenpflanzen in NRW„, dass die Narzisse hier ihre „östliche Verbreitungsgrenze in Europa“ (Rote Liste, S. 84) erreicht.

Und dann fährt das LANUV in seiner ganz eigenen Logik fort: Die Narzisse habe sich stark ausgebreitet und gelte jetzt als „ungefährdet“, „nachdem 20 ha Fichtenaufforstungen auf Narzissen-Wiesen wieder beseitigt sind und die Standorte gemäht wurden“ (Rote Liste, ebd., Hervorhebungen von mir). In solchen Dokumenten steht nie das böse Wort „Kahlschlag“. Merke: Fichten werden „beseitigt“. So werden aus 20 ha großen Kahlschlägen „wirksame Naturschutzmaßnahmen“. Gemäht muss natürlich auch noch werden. Ansonsten würde aus den „Narzissen-Wiesen“ ja ganz schnell ein Au- oder Buchenwald. Und das muss selbstverständlich verhindert werden. Denn sonst wäre die Narzisse ja wieder in Deutschland „durch extreme Seltenheit gefährdet“. Und man müsste bis nach Belgien fahren oder nach Frankreich oder nach Spanien, um Narzissenwiesen zu sehen!

 

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