Der Naturschutz-Frame in der Forstwirtschaft

Leserbriefschreiber in der Falle der Frame-Negierung

Am 2. Dezember 2015 druckt die Hessische Niedersächsische Allgemeine (HNA) drei Leserbriefe von Bürgern1 ab, die den Kahlschlag am Wüstegarten scharf kritisieren.2 Aber sie alle tappen in die Falle der Frame-Negierung. Sie bestreiten zwar vehement, dass es sich bei dem Kahlschlag um eine Naturschutzmaßnahme handelt, aber sie benutzen alle das Wort „Naturschutz“ und aktivieren damit den Frame. Elisabeth Wehling erklärt die schlimmen Folgen der Frame-Negierung am Beispiel des Wortes „Fake-News“, einem „unglaublich starken Frame“, den Donald Trump auf seiner ersten Pressekonferenz nach dem Wahlsieg im November 2016 erfunden hat:

„Vor ein paar Tagen hatten wir in Washington DC das Correspondance Dinner, bei dem die Medienschaffenden sich zusammengefunden haben, um über alle wichtigen Dinge der Zeit zu sprechen, und dabei kam dann heraus eine Diskussion über die Fake-News in Form von Frame-Negierung: [Bob Woodward:] ‚Mr. President, the media is not fake-news.‘ Frame-Negierung: Unser Gehirn aktiviert die Idee von Fake-News, propagiert alles, was damit zu tun hat, und die Idee festigt sich und festigt sich und festigt sich, je öfter sie sprachlich wiederholt wird. Bob war jetzt aber kein Einzelfall. Das ging den ganzen Abend so. Und so war auch die hauptsächliche Berichterstattung über dieses Correspondance Dinner: Not fake-news! Not fake-news! Excuse me, in case You haven’t heard, we are not fake-news. So – dadurch propagieren die Medien ein Begreifen von sich als Fake-News. […] Sie sehen, wie sehr der Begriff sich [.. ] durchgesetzt hat in den Diskursen – weltweit, nicht nur dadurch, dass die Menschen ihn in den Mund nehmen, die tatsächlich die Medien angreifen wollen, sondern ganz intensiv mit bedingt auch dadurch, dass diejenigen, die eigentlich zu diesen ‚News‘ gehören, die Demokratie wollen, die Transparenz wollen, den Begriff immer und immer und immer wieder negieren und dadurch in den Köpfen der Menschen wach halten und propagieren. “3

Auch die drei Leserbriefschreiber gehören zu den Menschen, „die Sprache leichtfertig nutzen“ und „sich leichtfertig in die Sprache ihrer Gegner einkaufen“.4

Naturzerstörung am Wüstegarten

Leserbrief von L. Klitsch

Am vorsichtigsten nutzt L. Klitsch die Sprache:

„[…] Wer schützt den Kellerwald vor diesen „Naturschützern“? […]“

Er festigt die Idee des „Naturschutzes“ nur einmal.

Leserbrief von E. Leicht

Schon zweimal wiederholt E. Leicht die Sprache des Gegners:

„[…] Kann nun ein Vorgang, der aus waldökologischer und forstwirtschaftlicher Sicht als bedenklich anzusehen ist, aus Sicht des Naturschutzes erstrebenswert sein? […] Auch Wikipedia verweist darauf, dass „die naturschutzfachliche Praxis der Eliminierung von standortfremden Baumarten per Kahlschlag“ als ökologisch negativ zu beurteilen ist. […]“

Leserbrief von W. Otto

Am häufigsten läuft W. Otto in die Falle: er negiert den Frame viermal.

„[…] In dem Artikel wird nun diese radikale Maßnahme als eine Großtat des Naturschutzes verkauft. Aber wie verträgt sich eine solche, in der modernen Forstwirtschaft verpönte Maßnahme mit der Zielsetzung für das Naturschutzgroßprojekt am Hohen Keller, nämlich einer naturschutzoptimierten Waldbewirtschaftung, die Nadelholzwälder behutsam zu standortgerechten Laubmischwäldern unter größter Rücksicht auf Bodenpflanzen umwandeln will. […] Es ist […] zu befürchten, dass weiter abgeholzt wird, sei es als sogenannte Naturschutzmaßnahme oder zum eventuellen Bau des Wetterradars.“

Schlimmer noch macht es die von der Zeitung gewählte Überschrift; sie verwendet das Wort in riesigen Buchstaben: „Keine Großtat des Naturschutzes“.

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  1. siehe das Original als PDF-Datei. []
  2. siehe auch Presse zum Kahlschlag am Wüstegarten – Kapitel 5 – 7 []
  3. Elisabeth Wehling, Die Macht der Sprachbilder ab Minute 54 []
  4. ebd. []