Der Naturschutz-Frame in der Forstwirtschaft

„In Worten steckt viel mehr, als wir in der Regel glauben.“
Elisabeth Wehling1

Der Naturschutz-Frame

Für eine gute PR reicht es nicht, das böse Wort „Kahlschlag“ zu vermeiden und durch das gefälligere Wort „Fichtenentnahme“ zu ersetzen. Mindestens genauso wichtig ist es, die Sache gut zu begründen. Unser Gehirn braucht einen Frame, um der „Fichtenentnahme“ einen Sinn zu verleihen und um sie in einen Zusammenhang einzuordnen. Nicht gut wäre es z. B., wenn der Leiter des Forstamts Jesberg der Presse sagen würde: „Die Fichtenentnahme geschah, um Arbeitsplätze in der Motorsägen-Industrie zu sichern.“ oder „Die Fichten wurden entnommen, um dem Sägewerk in Jesberg billiges Holz zu liefern.“

Deshalb spielt bei der Begründung des Kahlschlags ein bestimmtes Wort eine sehr wichtige und entscheidende Rolle. Revierleiterin Katrin Bartsch benutzt ihn in ihrem Artikel selbst: das Wort „Naturschutz“. Dieses Wort aktiviert in unserem Gehirn einen Frame. Elisabeth Wehling erklärt, was damit gemeint ist:

„Also, Frames, das kommt ja aus dem Englischen und Frame heißt dann auf Deutsch eben auch nichts anderes als ein Rahmen. Und Frames bezeichnen eben genau diese Deutungsrahmen, die in unseren Köpfen verankert sind, die sich ganz, ganz stark aus alltäglichen Erfahrungen mit der Welt, mit Gerechtigkeitsempfinden, mit direkten Eindrücken speisen. Und die eben über Sprache […] im Kopf dann aktiviert werden und sofort und ganz oft, ohne dass wir es merken, uns in die eine oder andere Richtung denken lassen und dann eben politische Botschaften so richtig gut verdaubar machen […].“2

„Naturschutz“ besteht aus den beiden Worten „Natur“ und „Schutz“ und beide sind in unserem Kopf mit sehr positiven Bildern, guten Erfahrungen und beglückenden Gefühlen verbunden. Unter „Natur“ können wir uns alle etwas vorstellen, das haben wir alle schon gesehen und in unserem Kopf sind viele zauberhafte und idyllische Bilder abgespeichert, die beim Hören des Wortes „Natur“ automatisch aktiviert werden. Vielleicht denken viele auch unbewusst an die eigene Mutter, weil wir oft von „Mutter Natur“ sprechen. Auch mit dem Wort „Mutter“ verknüpft unser Gehirn viele beglückende Erfahrungen, die wir selbst konkret erlebt haben. Das Wort „Schutz“ ist ebenfalls positiv besetzt und löst gute Gefühle aus. Jeder fühlt sich wohl, wenn er gut beschützt wird. „Schutz“ ist in unserem Kopf eng mit „Fürsorge“ und „Sicherheit“ verkoppelt. Und jemand, der andere beschützt, gut für sie sorgt und ihnen Sicherheit bietet, genießt Respekt und Anerkennung. So entwickelt das aus „Natur“ und „Schutz“ zusammengefügte Wort „Naturschutz“ zwangsläufig eine große Kraft im Gehirn. „Naturschutz“ ist ein sehr positiver Wert. Alle sind für „Naturschutz“. Zwei der größten Nichtregierungsorganisationen in Deutschland tragen das Wort „Naturschutz“ in ihrem Namen: der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) mit 584.000 Mitgliedern und der Naturschutzbund Deutschland (NABU) mit 575.000 Mitgliedern.  „Naturschutz“ ist ein unglaublich starker Frame.

Die PR-Arbeit ist mit der Verwendung des Naturschutz-Frames noch nicht beendet: Im Fall des Kahlschlags am Wüstegarten wird der Naturschutz-Frame eng verkoppelt mit dem Frame der „bösen Fichte“.3  Die Fichte ist der Böse, vor dem die Natur beschützt werden muss. In diesem Artikel konzentriere ich mich auf den Naturschutz-Frame.

Revierleiterin Bartsch aktiviert den Naturschutz-Frame wie auch alle anderen Beteiligten gleich zu Beginn ihres Artikels und das mehrfach: Das allererste Wort der Überschrift lautet „Naturschutzgroßprojekt“ und „Naturschutz“ ist auch das zweite Wort des allerersten Satzes:

„Das Naturschutzgroßprojekt (NGP) Kellerwald-Region hat große Ziele.“

Bei dem Projekt geht es also um Naturschutz. Und der Naturschutz ist ein großes Projekt. Das Adjektiv „groß“ ist in unserem Gehirn eng mit den Eigenschaften „stark“, „bedeutsam“, „wichtig“ und „richtig“ verkoppelt. Groß ist gut; klein ist schlecht. Selbstverständlich hat das große Projekt große Ziele:

Naturschutzfachliches Ziel ist es […].“

Das große Ziel dient dem Naturschutz.

Auch die beiden von Bartsch erwähnten Infotafeln rufen den Frame „Naturschutz“ auf. „Naturschutzgroßprojekt Kellerwald-Region“ bildet auf beiden Tafeln in sehr großen, fett gedruckten Buchstaben die Überschrift. Und sofort der erste Satz beider Tafeln verwendet das Wort zweimal:

Naturschutzgroßprojekte dienen der Errichtung und Sicherung schutzwürdiger Teile von Natur und Landschaft […].“

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  1. Politisches Framing []
  2. Deutschlandfunk – Interview der Woche – Sprachforscherin Wehling: „Moral ist fast etwas Unehrenhaftes in der Politik“, Fehler bei der Verschriftlichung des Interviews korrigiert, Hervorhebungen von F.-J. A. []
  3. siehe Frede und die Fichten []