Antrag auf Kahlschlag am Wüstegarten durch Achim Frede

Frede und das Waldrestholz

Als fachlicher Leiter des Projekts nennt Frede vier „fachliche Gründe“ für den Großkahlschlag. Der zweite1 lautet:

„die eigentliche Oligotrophie und Heliophilie des Sonderstandortmosaiks und seiner spezialisierten, konkurrenzschwachen Biozönosen (wodurch auch der weitgehende Entzug von Reisig und übermäßig verdämmender bzw. eutrophierender Biomasse erforderlich ist)“.

Selbst ein Biologie-Leistungskurs an einem Gymnasium hätte Schwierigkeiten, diesen Grund zu verstehen. Frede schafft es, in den Grund nicht weniger als fünf ökologische Fachbegriffe (Oligotrophie, Heliophilie, Sonderstandortmosaik, Biozönosen, eutrophierend) und einen forstwirtschaftlichen Fachbegriff (verdämmend) einzubauen. Die Begriffe „Sonderstandortmosaik“ und „verdämmen“ kennt nicht einmal Wikipedia. Deshalb will ich zunächst einmal kurz die Bedeutung der Fachbegriffe erklären.

Oligotroph bedeutet nährstoffarm und ist das Gegenteil von eutroph. Heliophil bedeutet lichtliebend. Das Wortungetüm Sonderstandortmosaik hatte ich bereits in dem Kapitel Frede und der Biotopkomplex ausführlich erläutert. Eine Biozönose ist eine Lebensgemeinschaft. Mit „verdämmender bzw. eutrophierender Biomasse“ meint Frede das Waldrestholz. Förster sprechen auch von Schlagabraum oder einfach von Abraum. Das sind „die bei der Holzfällung anfallenden Abfälle wie Späne, Äste (Reisig) und Rinde.“2 Sie würden normalerweise im Wald liegen bleiben und das Wachstum von Kräutern zunächst natürlich behindern. Deswegen nennt Frede es „verdämmend“, was „unterdrückend“3 bedeutet. In der Rinde und den Nadeln sind aber auch viele Nährstoffe gespeichert und diese würden dem Boden bei der Verrottung wieder zur Verfügung gestellt. Deshalb benutzt Frede den Ausdruck „eutrophierend“, das heißt „mit Nährstoffen anreichernd“. Frede plädiert also dafür, nicht nur alle Fichtenstämme abzutransportieren, sondern auch das gesamte Waldrestholz.

Das Thema Waldrestholz ist sehr wichtig. In seinem Buch „Mein Wald – nachhaltig, sanft, wirtschaftlich“ widmet Peter Wohlleben dem Thema sogar ein eigenes Kapitel, bezeichnenderweise mit der Überschrift „Heißbegehrte Reste“. Er schreibt:

„Bisher war es gängige Praxis, nicht zu viel Material aus dem Wald abzutransportieren. Wenn Sie einen Stamm bei sieben Zentimetern Durchmesser kappen, entasten und dann abtransportieren, entziehen Sie dem Ökosystem etwa 50 % der in einem Baum enthaltenen Nährstoffe. Der Rest bleibt in Form der Krone, der Äste, der Nadeln und Blätter zurück. Das galt bisher als Kompromiss zwischen Nutzung einerseits und Schutz des Bodens vor Ausbeutung andererseits.

Ich habe das während meines Studiums in den 80er Jahren so gelernt, und in vielen Hochglanzbroschüren war das so nachzulesen: Der unaufgeräumte Wald ist ökologische Absicht, denn die Forstverwaltungen belassen diese Reste für die Regeneration der Natur.

Plötzlich soll das nicht mehr gelten. Angesichts der Nachschubprobleme von Ökostrom-Kraftwerken denken forstliche Forschungsanstalten und Universitäten um. […] Sogenannte Reisigbündler fahren immer häufiger über Kahlschläge [..], um das Waldrestholz einzusammeln.

Es wird zu drei Meter langen Bündeln gepresst, verschnürt und zum Trocknen entlang der Wege aufgestapelt. Nach Monaten transportieren LKW die Beute in die Kraftwerke, wo das Material zerhäckselt und verfeuert wird.“4

Natürlich würde Frede sich heftig gegen die Vorwürfe von Peter Wohlleben wehren, er  betreibe die „Ausbeutung“ des Bodens, den „Ausverkauf“ und die „Plünderung“ des Waldes und lasse durch den „Kehraus“ den Waldboden „ausbluten“.5 Frede würde sich rechtfertigen und behaupten, die kahlgeschlagene Fläche sei von Natur aus „eigentlich“ nährstoffarm und der Abtransport des Waldrestholzes diene den Pflanzen, die auf diese Nährstoffarmut spezialisiert seien und die Konkurrenz von nährstoffliebenden Pflanzen nicht aushalten würden. Wohlleben würde vermutlich erwidern, dass Frede das „regelrechte Ausfegen mit fadenscheinigen Argumenten schmackhaft“ machen wolle:

„Für mich klingen solche Überlegungen wie Scheinargumente, wie Feigenblätter für eine gnadenlose Rohstoffjagd.“6

Dazu passt, dass Frede die angebliche „eigentliche Oligotrophie“ des Standortes bloß behauptet, aber nicht begründet. In seinem gesamten sogenannten „Fachbeitrag“ fehlen jegliche Zitate oder Literaturhinweise. Frede verschweigt auch, welche „konkurrenzschwachen Biozönosen“ er konkret meint. Mit einigem Recht darf vermutet werden, dass er Borstgrasrasen meint, den er bereits auf der ersten Seite seines Beitrags kurz angesprochen hatte.7 Denn der Biotoptyp 06.540 Borstgrasrasen8 liebt sowohl Licht als auch nährstoffarme Standorte. Wird der Standort z. B. durch Düngung nährstoffreich, unterliegen die Arten seiner Lebensgemeinschaft wie z. B. die Echte Arnica (Arnica montana) sofort der Konkurrenz nährstoffliebender Kräuter wie z. B. der Brombeeren.

Der Standort, auf dem Borstgrasrasen wächst, ist allerdings ein so besonderer „Sonderstandort“, dass der Wüstegarten auch nach dem Kahlschlag und auch nach dem Abtransport des Waldrestholzes als Standort überhaupt nicht geeignet ist. Dies ist das Ergebnis eines langen Telefonats mit Dr. Ansgar Hoppe vom Projektbüro Kooperativer Naturschutz beim Naturpark Solling-Vogler, der dort u. a. den Borstgrasrasen im Hellental betreut.

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  1. zum ersten Grund siehe das vorige Kapitel Frede und die Fichten []
  2. siehe Stinglwagner, Gerhard; Haseder, Ilse; Erlbeck, Reinhold: Kosmos Wald- und Forstlexikon, Stuttgart 52016, S. 13 []
  3. siehe Stinglwagner, Gerhard; Haseder, Ilse; Erlbeck, Reinhold: Kosmos Wald- und Forstlexikon, Stuttgart 52016, S. 902 []
  4. Peter Wohlleben, Mein Wald – nachhaltig, sanft, wirtschaftlich, Stuttgart 2013, S. 181 f. []
  5. ebd. []
  6. ebd. []
  7. siehe Frede und der Biotopkomplex []
  8. siehe Hessisches Ministerium für Landesentwicklung, Wohnen, Landwirtschaft, Forsten und Naturschutz Wiesbaden, Hessische Biotopkartierung – Kartieranleitung, 3. Fassung März 1995, Anhang 1, S. 3 und 70 []