Antrag auf Kahlschlag am Wüstegarten durch Achim Frede

„Das Projekt ist von allen Seiten und Stellen abgesegnet worden.“
Achim Frede1

Frede und das Forstwirtschaftliche Denkkollektiv (FDK)

Einleitung

Im letzten Kapitel meines Aufsatzes über den Antrag auf Kahlschlag am Wüstegarten durch Achim Frede möchte ich erklären, dass er nicht allein verantwortlich für den Kahlschlag war, sondern dass ein weit verzweigtes Netzwerk von z. T. sehr einflussreichen Personen hinter dem Kahlschlag stand. Ich nenne dieses Netzwerk von beteiligten Personen das Forstwirtschaftliche Denkkollektiv (FDK). Den Namen entlehne ich Philip Mirowski, der den Namen Neoliberales Denkkollektiv (NDK) geprägt hat. Das Neoliberale Denkkollektiv (NDK) ist einem breiten Publikum bekannt geworden durch die Politsatire „Die Anstalt“ vom 7. November 2017. Der innere Kern des NDK ist die Mont Pèlerin Gesellschaft.

Das Netzwerk hinter dem Pflege- und Entwicklungsplan (PEPL)

Der Großkahlschlag am Wüstegarten war nicht die Idee von Achim Frede, sondern die des Pflege- und Entwicklungsplan (PEPL) für das Projekt Kellerwald-Region, auf den sich Frede mehrfach und ausdrücklich beruft:

„Gültige Planungs- und Umsetzungsgrundlage sind der Bewilligungsbescheid des BMU/BfN von 2009 und der in Kraft gesetzte Pflege- und Entwicklungsplan (PEPL). [… Es] soll nun in 2015/2016 durch Fichtenrücknahmen […] die Umwandlung von Nadelgehölzbeständen in standortgemäßen Pionier- und Laubwald (F5) stärker vorangebracht werden […].“2

„F5“ ist die offizielle Abkürzung des PEPL für die Maßnahme „Umwandlung von Nadelgehölzbeständen in standortgemäßen Laubwald“. Im gesamten Projektraum sollten laut PEPL 234 ha „umgewandelt“ werden.3 Frede ist sich als fachlicher Leiter des Projekts völlig sicher, dass mit „Umwandlung“ nichts anderes als ein Kahlschlag gemeint sein kann. Er ergänzt also den „Laubwald“ völlig zutreffend mit dem „Pionierwald“ und beschreibt das „Vorgehen“ als „großflächig“ und „relativ zügig“. Ein kahlschlagfreier und schonender Waldumbau würde Jahrzehnte dauern. Entscheidend ist, dass Frede den PEPL hinter sich weiß, und er hat damit auch völlig Recht.4

Es ist also kein Wunder, dass zwei Behörden im Regierungspräsidium Kassel dem Großkahlschlag sofort und ohne jede Auflagen zustimmen:

Denn Frede zählt völlig zu Recht alle Institutionen auf, die den PEPL bereits abgesegnet haben: 

Der PEPL wurde nicht etwa von HessenForst geschrieben, sondern von Biologen. Hauptverantwortlich war die Planungsgruppe für Natur und Landschaft, eine private Firma in Hungen. In dieser Firma allein haben nicht weniger als fünf Diplom-Biologen und ein promovierter Biologe gearbeitet:6

  • Dipl.-Biol. Dorothee S.
  • Dipl.-Biol. Marion W.
  • Dipl.-Biol. Daniela B.
  • Dipl.-Biol. Holger K. und
  • Dipl.-Biol. Sarah W.
  • Dr. Heiko S.

Die Planungsgruppe hat zusammengearbeitet mit weiteren fünf privaten Firmen, in denen ebenfalls Biologen die Arbeit leisteten – vier diplomierte und eine promovierte:

  • Dipl.-Biol. Bettina S. von der Gesellschaft für ökologische Landschaftsplanung und Forschung (GÖLF) in Wetzlar-Naunheim,
  • Dipl.-Biol. Markus S. vom Planungsbüro für Ökologie, Naturschutz und Landschaftspflege in Bad Wildungen,
  • Dipl.-Biol. Christel W. von Horch & Wedra in Heusenstamm und
  • Dipl.-Biol. Claus N. vom Planungsbüro Bioline in Lichtenfels und
  • Dr. Gitta L. vom Büro Dr. Gitta L. & Prof. Dr. Ewald L. in Bad Zwesten.

Nicht weniger als sieben Diplom-Biologen und fünf promovierte Biologen haben Gutachten für das Projekt angefertigt:

  • Dipl.-Biol. Rainer C.
  • Dipl.-Biol. Marion E.
  • Dipl.-Biol. Andreas S.
  • Dipl.-Biol. Olaf S.
  • Dipl.-Biol. Celia N.
  • Dipl.-Biol. Stefan S.
  • Dipl.-Biol. Claudia W.
  • Dr. Markus D.
  • Dr. Egbert K.
  • Dr. Gitta L.
  • Dr. Ulrich S.
  • Dr. Ulf S.

Das Forstwirtschaftliche Denkkollektiv (FDK)

Ich fasse zusammen: Dem Großkahlschlag zugestimmt haben Beamte und Angestellte in

  • 2 Behörden,
  • 1 Bundesamt,
  • 2 Ministerien,
  • 2 Landkreisen,
  • 6 Gemeinden und
  • 4 Städten.

An der Ausarbeitung der Planungsunterlagen waren 6 private Firmen beteiligt mit

  • 16 Diplom-Biologen und
  • 6 promovierten Biologen.

Alle diese Beamten, Angestellten und Biologen bilden zusammen ein Denkkollektiv, d. h. ein Kollektiv von miteinander vernetzten Personen, die bestimmte Grundüberzeugungen teilen und diese auch in der Öffentlichkeit offensiv vertreten. Zu den grundsätzlichen Überzeugungen, die nicht in Frage gestellt und diskutiert werden, zählt die, dass Fichten „entfernt“, „entnommen“, „zurückgedrängt“, „abgetrieben“, „abgeräumt“ und „beseitigt“  werden müssen.7 Deshalb nenne ich dieses Denkkollektiv das Forstwirtschaftliche Denkkollektiv (FDK). Natürlich gehören auch Achim Frede und Rainer Paulus, die beiden Leiter des Projekts, zum FDK. Und selbstverständlich auch die Förster des Forstamts Jesberg.

Als Ende 2015 in der Zeitung ein kurzer Protest gegen den Großkahlschlag aufflackerte, hat sich natürlich kein einziges Mitglied des FDK dem Protest angeschlossen. Kein einziger Bürgermeister oder Verwaltungsbeamter aus dem Zweckverband Naturpark Kellerwald-Edersee meldete auch nur leise Kritik oder Zweifel an.8 Selbstverständlich verteidigten Frede und Nassauer lautstark den Kahlschlag. Und einen langen zustimmenden Leserbrief schrieb bezeichnenderweise der Diplom-Biologe Markus S., dessen Planungsbüro maßgeblich an der Ausarbeitung des PEPL beteiligt war.9 Selbst nachträglich hat sich kein einziger Biologe, der am PEPL mitgearbeitet hat, vom Kahlschlag distanziert. Sie bleiben alle Mitglieder des FDK.

Ein anderes Denkkollektiv hat die Politsatire „Die Anstalt“ am 7. November 2017 einem großen Publikum vorgestellt: die Mont Pèlerin Gesellschaft (MPS). Ich hatte die MPS bereits durch ein Buch Fürchten gelernt, das auch im Faktencheck der „Anstalt“ aufgeführt wird: Philip Mirowski, Untote leben länger – Warum der Neoliberalismus nach der Krise noch stärker ist, Berlin 2015. Mirowski hat auch den Begriff „Neoliberales Denkkollektiv (NDK)“10 geprägt: ein Netzwerk aus Intellektuellen in Fakultäten, Instituten, Stiftungen, Initiativen, Denkfabriken und Medien. Alle diese Organisationen sind laut Mirowski nur scheinbar unabhängig voneinander. In Wirklichkeit sind sie organisiert wie eine russische Schachtelpuppe. Die innerste Puppe ist die MPS.

Würde man ein Schaubild des FDK mit allen Verbindungen zwischen den Gemeinden, Städten, Landkreisen, Zweckverbänden, Planungsgruppen, Planungsbüros, Behörden, Ämter und Ministerien erstellen, so sähe dieses vermutlich ähnlich aus wie das Schaubild über die MPS und das Netzwerk neoliberaler Denkfabriken, das die „Anstalt“ angefertigt hat.

Das FDK in der Eifel

Das oben beschriebene FDK ist nur ein kleiner Teil des FDK. Bereits 2013 bin ich bei den Kahlschlägen in Bachtälern im Nationalpark Eifel auf ein anderen Teil des FDK gestoßen: Das Netz einflussreicher Personen in den unterschiedlichsten Positionen war sehr weit gespannt. Als kleiner Ausschnitt diene die Liste der 32 Teilnehmer der Nationalpark-Arbeitsgruppe vom 24. April 2013.

Schluss

Eine Person, die ich sehr schätze, ist Prof. Rainer Mausfeld. Ein sehr großes Publikum kennt ihn wegen seines berühmten Vortrags „Warum schweigen die Lämmer?“. In seinem Vortrag “Wie werden Meinung und Demokratie gesteuert?” zitiert er Sunzi:

“Wenn du den Feind und dich selbst kennst, brauchst du den Ausgang von hundert Schlachten nicht zu fürchten.
Wenn du dich selbst kennst, doch nicht den Feind, wirst du für jeden Sieg, den du erringst, eine Niederlage erleiden.
Wenn du weder den Feind noch dich selbst kennst, wirst du in jeder Schlacht unterliegen.”11

Mein Gegner im Fall des Großkahlschlags am Wüstegarten ist nicht Achim Frede, der fachliche Leiter des Projekts, oder Karl-Gerhard Nassauer, der Leiter des Forstamts Jesberg. Mein Gegner ist das Forstwirtschaftliche Denkkollektiv (FDK). Das gilt auch für lokale Bürgerinitiativen, die den Wald schützen wollen. Auch ihr Gegner ist nicht der Revierleiter des örtlichen Forstamts oder der Vorsitzende des städtischen Umweltausschusses. Ihr Gegner ist das FDK. Vermutlich zähle ich jetzt wie Mausfeld zu den Verschwörungstheoretikern. Und Prof. Christian Ammer, den ich übrigens für einen prominenten Vertreter des FDK halte, wird behaupten, dass ich ähnlich wie Peter Wohlleben Märchen statt Fakten verbreite. Denn wie lautet der Schluss des Beitrags der „Anstalt“ über die Mont Pèlerin Gesellschaft (MPS)?

„Sagen Sie, warum haben Sie uns das alles hier eigentlich so offen erzählt?“ – „Weil Ihnen das sowieso keiner glauben wird!“

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  1. Natur soll das Sagen haben – Hessische Niedersächsische Allgemeine vom 25. November 2015 []
  2. Anlage 2, Fettdruck im Original []
  3. Pflege- und Entwicklungsplan für das Projekt Kellerwald-Region, Hungen 2008, S. 591-593 []
  4. siehe auch Frede und das Forstamt Jesberg []
  5. Die Landkreise, Gemeinden und Städte bilden den Zweckverband Naturpark Kellerwald-Edersee. []
  6. Projekt Kellerwald-Region – Pflege- und Entwicklungsplan, Hungen 2008, S. I; dort finden Sie die vollständigen Namen aller beteiligten Personen []
  7. alle Zitate aus dem Pflege- und Entwicklungsplan für das Projekt Kellerwald-Region, Hungen 2008 []
  8. siehe Presse zum Kahlschlag am Wüstegarten []
  9. siehe Nur ein Fehlgriff beseitigt –  Leserbrief von Markus Schönmüller in der HNA vom 16. Dezember 2015 []
  10. engl. Neoliberal Thought Collective (NTC) []
  11. Sunzi, Die Kunst des Krieges []