Nachtrag zur fehlenden Forstaufsicht

„Wälder sind Holzfabriken. Es sind die schönsten Fabriken, die es gibt.“
Dr. Steffen Taeger, Abteilungsleiter Forsten im AELF Roth

Im Mittelpunkt meines letzten Aufsatzes stand ein Zeitungsartikel von Christian Geist: In der Holzfabrik. Erschienen war er am 15.12.2018 im Boten. Die letzten beiden Absätze des Zeitungsartikels hatte ich übergangen. Sie sind aber hochinteressant und gespickt mit falschen Behauptungen. Zwar sind die Behauptungen falsch, sie werden aber immer wieder von Mitgliedern des Forstwirtschaftlichen Denkkollektivs1 vorgebracht, wenn sie mit Kritik von Waldschützern konfrontiert werden. Die Behauptungen klingen wissenschaftlich, vernünftig und plausibel. Und da sie von vielen Personen, die scheinbar unabhängig voneinander sind, immer wieder wiederholt werden, werden sie von einer Mehrheit der Bevölkerung geglaubt. So gilt der Satz „Brennholz ist gut für das Klima!“ heute parteiübergreifend als unbezweifelbare Wahrheit. Vermutlich glauben schon Kinder im Vorschulalter daran.2 Mit solchen und ähnlichen Sätzen sind die beiden letzten Absätze des Zeitungsartikels In der Holzfabrik gespickt.

Taegerköllingblank

Der vorletzte Absatz beginnt mit dem Satz:

„Ungeachtet des Klimawandels und des Waldumbaus gehen für Taeger, Kölling und Blank vor allem zwei Aspekte nicht zusammen: …“

Welche zwei Aspekte nicht zusammengehen, interessiert erst einmal nicht. Viel interessanter ist, dass Taeger, Kölling und Blank gemeinsam in einem Atemzug genannt werden. Vermutlich waren sie sich gar nicht darüber klar, dass dies als anstößig empfunden werden könnte. Auch für den Redakteur Geist wird es die normalste Sache der Welt gewesen sein, dass die drei einer Meinung sind. Dabei ist es nicht normal, wenn der zu kontrollierende Forstbetrieb und die kontrollierende staatliche Behörde als geschlossene Einheit auftreten. In anderen Bereichen würde solche Eintracht Verdacht erregen: Stellen Sie sich vor, der Tierarzt, der die Massentierhaltung von Hühnern in einer Legebatterie kontrollieren soll, posiert freudestrahlend und Arm in Arm mit dem Besitzer der Legebatterie vor den Kameras der Presse! Oder stellen Sie sich einen Professor für Tierschutz vor, der nach dem Besuch einer Legebatterie gut gelaunt und mit einem strahlenden Lächeln zusammen mit dem Besitzer vor die Kameras tritt und stets mit dem Kopf nickt, wenn der Besitzer von Tierschutz, Tierwohl und Tiergesundheit schwadroniert. Wenn aber der Leiter eines Forstbetriebs und zwei Spitzenbeamte der Forstaufsicht immer einer Meinung sind und sich gegenseitig die Bälle zuspielen, runzelt niemand die Stirn und niemandem sträuben sich die Nackenhaare. Dabei ist es ein kleiner, aber feiner Beleg für die fehlende Unabhängigkeit der Forstaufsicht.

Forstwirtschaftliches Denkkollektiv

In den beiden letzten Absätzen des Zeitungsartikels kommt noch etwas hinzu: Taeger, Kölling und Blank sind Teil eines Netzwerks von Personen, die den Holzverbrauch in Deutschland steigern wollen. Ich nenne dieses Netzwerk das Forstwirtschaftliche Denkkollektiv (FDK). Denn der oben angefangene Satz geht so weiter:

„Möbel, Böden, Kachelöfen und ganze Häuser aus Holz auf der einen, die Forderung nach weniger Holzeinschlag auf der anderen Seite. ‚Dann importieren wir Holz aus Skandinavien oder aus den Tropen, damit nicht vor unserer Haustür gefällt wird? Da lügen wir uns doch in die eigene Tasche‘, meint Blank etwa.“

Es darf ergänzt werden: … und Taeger und Kölling nicken mit dem Kopf. Denn wenn eines das FDK auf die Barrikaden treibt, dann die Forderung nach weniger Holzeinschlag. Sie reagieren genauso wie der Verband der Automobilindustrie auf die Forderung, weniger Autos zu produzieren, oder der Bundesverband Rind und Schwein auf die Forderung, weniger Fleisch zu produzieren.

Vorgetäuschtes Expertentum

Das Problem an der Argumentation von Taeger, Kölling und Blank ist, dass die drei damit den Bereich verlassen haben, auf dem sie Experten sind. Sie haben Forstwirtschaft studiert. Sie wissen, wie man einen Forst bewirtschaftet. Sie reden aber über Politik: denn die Forderung nach weniger Holzeinschlag ist eine politische Forderung. Ob dies eine sinnvolle Forderung ist, ist eine politische Frage. Die drei Forstexperten dürfen dazu gerne eine persönliche Meinung haben. Sie dürfen diese auch gerne öffentlich kundtun, dafür werben und sie mit Argumenten begründen. Was sie aber nicht tun dürfen, ist, sich anzumaßen, über diese Forderung mehr zu wissen als ein ganz normaler Bürger. Und es wäre nur fair, wenn sie deutlich machen würden, dass sie als Bürger wie du und ich an der öffentlichen Meinungsbildung mitwirken und nicht als Experten mit einer besonderen Autorität. Wenn es um Politik geht, wissen Taeger, Kölling und Blank genauso viel oder genau so wenig wie ihre Kontrahenten von der BBIWS. Und wenn die Bürger dann Holz aus Skandinavien importieren wollen, dann ist das ihre freie und persönliche Entscheidung. Taeger, Kölling und Blank dürfen dann gerne ihren Mitbürgern erzählen, was sie über die Forstwirtschaft in Skandinavien wissen, und warum sie meinen, dass ihre Mitbürger sich „in die Tasche lügen“. Was sie besser nicht erzählen sollten, ist, dass das Holz aus Skandinavien nicht naturnah sei, weil die Skandinavier Harvester einsetzen und das Holz während der Vogelbrut ernten.

Holzhunger

Das FDK und seine Vertreter Taeger, Kölling und Blank sind also gegen die Forderung, weniger Holz einzuschlagen. Sie verteidigen hohe Holzeinschläge ganz genauso wie Vertreter der Automobil- oder der Fleischindustrie:

„Schon heute kann der hiesige Wald den Holzhunger der deutschen Bevölkerung und Industrie nicht stillen.“

Anders formuliert: Die Leute wollen es doch so! Die Leute wollen Autos, die Leute wollen Fleisch, die Leute wollen Holz. Für diesen angeblichen Holzhunger präsentieren Taeger, Kölling und Blank die immer gleichen Zahlen des FDK:

„Nach Angaben der jüngsten Bundeswaldinventur wachsen in Deutschland durchschnittlich 121,6 Millionen Kubikmeter Holz pro Jahr. Entnommen werden rund 76 Millionen. Der Verbrauch aber liegt hierzulande bei 135 Millionen […]“

Die Herkunft dieser Zahlen könnten Taeger, Kölling und Blank vermutlich selbst nicht erläutern. Das macht auch gar nichts, denn Redakteur Geist fragt nicht danach. Die Zahlen klingen wissenschaftlich, nüchtern und objektiv. Aber sie blenden den Leser und führen ihn in die Irre. Wenn Sie mehr über diese Zahlen erfahren wollen, empfehle ich Ihnen meinen Artikel: Gruselige Zahlen aus der Holzrohstoffbilanz. Er bringt Licht in das Dunkel aus Zahlen und Fachchinesisch.

Marktschreier

Dummerweise verwickelt sich das FDK dann in einen fatalen Widerspruch: Wenn die Leute sowieso „Holzhunger“ haben, bräuchte das FDK für Holz keine Werbung machen. Um seinen Absatz müsste es sich keine Sorgen machen und die Forderung der BBIWS, mit Holz Maß zu halten und Holz weniger zu nutzen, könnte es eiskalt ignorieren. Aber Taeger „kann kaum an sich halten“:

„‚Wir sollen weniger Holz nutzen? Da kann ich kaum an mich halten‘, sagt Taeger und ruft zum genauen Gegenteil auf: mehr Holz zu nutzen und Rohstoffe zu substituieren, die weitaus problematischer in der Herstellung sind. Holz sei als CO2-Speicher unschlagbar und mit minimalem Aufwand und Energieverbrauch zu ernten und zu verarbeiten.“

Taeger preist Holz an wie Sauerbier und wirbt für Holz wie ein Marktschreier. Vertreter des FDK wie er betreiben ein falsches Spiel: Erst macht man aggressiv Werbung für Holz und fördert die Nachfrage.3 Wenn dann Waldschützer mahnen, dass so viel Holz nicht naturnah geerntet werden kann, wäscht man seine Hände in Unschuld und beruft sich auf die hohe Nachfrage.

Grenzen der Nachhaltigkeit

Möbel, Böden, Kachelöfen, ganze Häuser aus Holz? Rohstoffe substituieren? Mehr Holz nutzen? Das geht nicht! Viele Förster wissen das und haben große Sorgen. Einer von ihnen ist Ulrich Mergner, genauso wie Blank Forstbetriebsleiter der BaySF.4 In einer sehr empfehlenswerten Sendung des Bayerischen Rundfunks aus dem Jahr 2014 mit dem bezeichnenden Titel Die Grenzen der Nachhaltigkeit spricht er das Schlusswort:

„Meine größte Sorge ist, dass die Gesellschaft keinen Weg findet, ihren Energiebedarf zu stillen und auf die Ressource Holz zurückgreift in einem Ausmaß, wie wir es vor 200, 300 Jahren bereits einmal hatten, wo auch hier die Wälder, die uns da umgeben, weitgehend kahlgeschlagen waren, nur noch wenige Individuen, Krüppel hier herumstanden und der Zuwachs dramatisch eingebrochen ist. Davor habe ich Angst.“5

Schluss

Ich lese gerade den Roman Mittagsstunde von Dörte Hansen. Sie schreibt:

„Paule Bahnsen war auch der Erste, der in Brinkebüll Mercedes fuhr. Einen 200er Diesel Strich-Acht, strohgelb, nagelneu. Und als er nicht mehr ganz so neu war, klebte er ein grünes Schild ans Heck mit weißer Schrift: Landwirtschaft dient allen. […]
Die Landwirtschaft, die Paule Bahsen meinte, diente nicht den Schwalben und den Störchen und den Stichlingen. […] Kein Hase konnte sich mehr in den Felder verstecken.“6

Die Forstwirtschaft, die Taeger, Kölling und Blank meinten, diente nicht den Kleinspechten und den Schwarzstörchen und den Trauerschnäppern. Kein Veilchenblauer Wurzelhalsschnellkäfer konnte sich mehr in den Baumhöhlen verstecken.

Die BBIWS braucht eine Dörte Hansen.

 

  1. siehe Frede und das Forstwirtschaftliche Denkkollektiv (FDK) []
  2. siehe meine Artikelserie Rettet Brennholz das Klima? []
  3. Eines der zahlreichen Beispiele für diese Werbung ist die 40-seitige Broschüre Waldbild – Einblick in die nachhaltige Forstwirtschaft, die 2008 vom Holzabsatzfonds herausgegeben wurde. Sie veranlasste Hans Bibelriether zu seinem berühmt gewordenen Aufsatz Forst- und Holzmärchen heute. Siehe auch meine Artikelserie Forstmärchen []
  4. zu Mergner siehe Buchempfehlung: Ulrich Mergner – Das Trittsteinkonzept []
  5. Energie aus dem Wald, BR 2014, Hervorhebung von mir []
  6. S. 270 ff. []