Militär gegen Holzfäller und Sägewerke

Ein Kapitel seines Buches „Kollaps – Warum Gesellschaften überleben oder untergehen“ widmet Jared Diamond dem Vergleich von Haiti und der Dominikanischen Republik. Beide liegen auf der Karibikinsel Hispaniola südöstlich von Florida: Haiti im Osten, die Dominikanische Republik im Westen. Obwohl beide Staaten auf derselben Insel liegen, könnten sie unterschiedlicher nicht sein: Haiti ist „das ärmste Land der Neuen Welt“ und „gehört zu den am stärksten überbevölkerten Ländern der Neuen Welt“.1 Der Dominikanischen Republik geht es deutlich besser. „[…] die Entwicklung ist hier weiter vorangeschritten und die Probleme sind weniger akut. Das Pro-Kopf-Einkommen ist fünfmal höher, Bevölkerungsdichte und Bevölkerungswachstum sind geringer.“2

Besonders deutlich sind die Unterschiede bei der Behandlung des Waldes:

„Vom Flugzeug aus erkennt man die Grenze als scharfe, gezackte Linie, die wie mit einem Messer quer über die Insel gezogen zu sein scheint. Sie trennt eine dunklere, grüne Landschaft im Osten (die Dominikanische Republik) von blassen, braunen Flächen westlich davon (Haiti). Steht man am Boden auf der Grenze, blickt man an vielen Stellen Richtung Osten in einen Pinienwald, dreht man sich aber nach Westen, sieht man fast nichts als fast völlig baumlose Felder. […] Die Dominikanische Republik ist heute noch zu 28 Prozent bewaldet, in Haiti ist es ein Prozent.“3

 


links Haiti, rechts die Dominikanische Republik

Eine Hauptrolle beim Schutz der Wälder der Dominikanischen Republik vor ihrer Abholzung spielte der langjährige Präsident Joaquín Balaguer. Diamond beschreibt ausführlich die Menschenrechtsverletzungen des Präsidenten. Aber sein Abscheu schlägt in Bewunderung um, wenn er die Maßnahmen Balaguers zum Schutz des Waldes beschreibt. Balaguer setzte das Militär gegen Holzfäller und Sägewerke ein. Diamond schreibt:

„Schon kurz nachdem er Präsident geworden war, ergriff er drastische Maßnahmen: Er verbot im ganzen Land die gesamte kommerzielle Holzgewinnung und ließ sämtliche Sägewerke schließen. Diese Entscheidung stieß bei den reichen, einflussreichen Familien auf starken Widerstand: Sie verlegten die Holzgewinnung aus dem öffentlichen Blickfeld in abgelegene Gebiete und betrieben ihre Sägewerke nur noch nachts. Darauf reagierte Balaguer mit einem noch drastischeren Schritt: Er nahm dem Landwirtschaftsministerium die Zuständigkeit für die Durchsetzung des Waldschutzes weg, übertrug sie den Streitkräften und erklärte die illegale Holzgewinnung zu einem Angriff auf die nationale Sicherheit. Um dem Abholzen Einhalt zu gebieten, begannen die Streitkräfte mit Überwachungsflügen und militärischen Operationen, und 1967 war mit einem der entscheidenden Ereignisse in der Umweltschutzgeschichte des Landes der Höhepunkt erreicht: Das Militär besetzte nachts einen geheimen, großen Stützpunkt der Holzindustrie. Bei dem nachfolgenden Feuergefecht kam ein Dutzend Waldarbeiter ums Leben.“4

Von 1978 – 1986 ist Balaguer nicht Präsident und sofort werden von seinen Nachfolgern, den Präsidenten Antonio Guzmán Fernández und Salvador Jorge Blanco, Holzfällerlager, Sägewerke und die Produktion von Holzkohle wieder zugelassen


Joaquín Balaguer, Präsident der Dominikanischen Republik, 1977 (Quelle: Wikimedia Commons)

1986 wird Balaguer erneut zum Präsidenten gewählt:

“ […] schon am ersten Tag seiner Amtszeit [gab] er die Anweisung, Lager und Sägewerke wieder zu schließen, und an nächsten Tag entsandte er Militärhubschrauber, die illegale Holzfäller finden sollten und Beschädigungen der Nationalparks aufdecken sollten. […] Eine besonders berüchtigte Operation fand 1992 im Nationalpark Los Haitises statt, dessen Wälder bereits zu 90 % zerstört waren: dort vertrieb die Armee tausende von Landbesetzern. In einer weiteren, ähnlichen Operation, die Balaguer zwei Jahre später persönlich befehligte, fuhr die Armee mit Bulldozern durch Luxushäusern, die wohlhabende Bürger im Juan B. Perez-Nationalpark errichtet hatten.“5

 

Epilog

Im NLP Bayerischer Wald arbeiten ausschließlich legale Holzfäller. Hubschrauber dienen nicht der Überwachung des Parks, sondern dem Abtransport von Holz. Regionale Sägewerke werden nicht geschlossen, sondern mit Holz aus dem Park beliefert. So z. B. 2014 mit „rund 3.100 Festmetern Douglasfichten unterschiedlichen Alters“. Der Einschlag erfolgte nicht illegal, sondern „gemäß den Vorgaben des Nationalparkplans“.6 Es handelte sich nicht um eine Beschädigung des Nationalparks, sondern diente dem „Arten- und Biotopschutz“.7 Der demokratisch gewählte Präsident von Bayern heißt Seehofer, nicht Balaguer.

  1. Jared Diamond, Kollaps, Frankfurt am Main 2005, S. 410 []
  2. S. 411 []
  3. S. 409, Hervorhebung von mir []
  4. S. 426, Hervorhebungen von mir []
  5. S. 426 f., Hervorhebungen von mir []
  6. Jahresbericht 2014, S. 10 []
  7. zur Kritik am Fällen von Douglasien in Nationalparks siehe Douglasienkahlschlag im Kermeter und Fällen von Douglasien in Pafferscheid []