Irrtümer über den Urwald

Uholka_Windwurf_Panorama_3_800Panoramafoto eines Windwurfs im Buchenurwald Uholka

Weil die allermeisten noch nie einen Urwald gesehen haben, wird damit viel Schindluder getrieben. Ein schönes Beispiel ist der Aufsatz „Spannungsfeld Forstwirtschaft und Naturschutz – Konflikte um eine nachhaltige Entwicklung der Biodiversität“ von Ernst-Detlef Schulze und Christian Ammer.1

Auf Seite 305 präsentieren Schulze und Ammer 4 Fotos „von Wäldern mit unterschiedlicher Bewirtschaftung“. Das Foto d zeigt den „Niederwald Tännreisig bei Stadtilm, Thüringen“ und fällt etwas aus dem Rahmen. Aber Fotos a, b und c sind sich sehr sehr ähnlich. Foto a zeigt das „Urwald-Reservat Havesova in der Slovakei“, b den „Plenterwald Langula in Thüringen“ und c den „Altersklassenwald in Geney bei Leinefelde, Thüringen“. Durch die manipulative Zusammenstellung der 3 Fotos wird suggeriert, dass es zwischen Urwald- und Wirtschaftswäldern gar keinen so großen Unterschied gibt. Vor allem die Unterschiede zwischen Foto a und b muss man wirklich mit der Lupe suchen. Hätte man die beiden Fotos vertauscht, niemand hätte es gemerkt. Beim Leser stellt sich der Eindruck ein, dass zwischen Plenterwald und Urwald praktisch kein Unterschied ist und dass der Altersklassenwald so verschieden davon nun auch nicht ist.

Dieser Eindruck ist grundfalsch, aber er ist von Schulz und Ammer gewollt: der Plenterwald habe eine „Struktur, die dem Urwaldrelikt in Havesova ähnelt.“ Und nicht nur das, denn der Plenterwald ist sogar in dreierlei Hinsicht besser als der Urwald: er hat nämlich „Mischbaumarten“, „Verjüngung“ und eine „Bodenflora“. Alles das hat der Urwald angeblich nicht. Denn: Im Urwald lässt das „dichte Kronendach […] keine krautigen Arten aufkommen“.

Schulze und Ammer hätten auch das folgende Foto von Havesova benutzen können – es ist öffentlich bei Wikipedia zugänglich. Aber es hätte ihnen nicht in den Kram gepasst:

Primeval forest Havešová

Damit in Zukunft mehr Fotos von Urwäldern im Internet zugänglich sind, veröffentliche ich ein drittes Panoramafoto eines Windwurfs im Urwald Uholka – u. a. auch in HD- und Ultra-HD-Qualität.

Anmerkung: Ich schätze den Plenterwald bei Langula und habe ihm und auch seinem Nachbarn im Kammerforst schon 2014 ausführliche Fotodokumentationen gewidmet. Aber er „ähnelt“ dem Urwald nun wirklich nicht – auch nicht seine „Struktur“.

  1. Biologie in unserer Zeit, 5/2015 (45), S. 304 – 314, siehe dazu die schöne Zusammenstellung auf der Webseite von Silvia Roelke Schulze / Ammer contra Müller / Weisser / Wilhelm; der Artikel ist nicht online, aber gegen ein geringes Entgelt über die Fernleihe der Stadtbibliothek zu beziehen []