WDR-Interview mit Heinrich Kemper

Kritische Analyse des Interviews

Lügen

Kemper hätte auch behaupten können, dass demnächst für den Nationalpark 15.000 Detmolder nach Sibirien umgesiedelt werden, oder dass man den Nationalpark nur in Filzpantoffeln betreten darf. Es ist vollkommen wurscht. Hauptsache, man hat ein neues Gerücht in die Welt gesetzt. Denn irgendetwas wird hängenbleiben von den Gerüchten. Da können dann die Nationalparkbefürworter noch so viele Gegendarstellungen schreiben. So verbietet z. B. keine einzige Nationalparkverordnung, dass Hunde im NP „abkoten“ dürfen. Verboten ist nur, „Hunde frei laufen zu lassen“ (Nationalparkverordnung für den Bayrischen Wald §9 Absatz 4 Satz 8 oder Nationalparkplan Eifel §14 Absatz 1 Satz 10). Aber solche Feinheiten sind buchstäblich „scheiß“egal. Man muss eine Lüge nur oft genug wiederholen, bis ein Teil der Gesellschaft sie glaubt.

Argumentum ad Auditores

Die rhetorische Kunstfigur, derer sich Kemper hier bedient, nennt man „argumentum ad auditores(Dank an Jens Berger von den Nachdenkseiten für diesen Hinweis). Der Philosoph Arthur Schopenhauer beschreibt sie in seiner Eristischen Dialektik wie folgt:

Wenn ein Publikum vorhanden ist, das schlechter informiert ist als die Gegner […] können ungültige Gegenargumente gebraucht werden, solange sie dem Publikum plausibel sein können. Will der Gegner die Ungültigkeit aufzeigen, muss er zunächst das Publikum belehren, das die Belehrung nicht ohne Weiteres akzeptiert.
Ein ungültiger Einwurf, dessen Ungültigkeit aber nur der Sachkundige einsieht, die Hörer jedoch nicht, wird so in ihren Augen das Sachargument schlagen

 

 

Ja, aber …!

Sollte doch mal eine Lüge widerlegt worden sein, kommt sofort die nächste auf den Tisch – in ganzseitigen Zeitungsanzeigen: „Ja, aber Kinder dürfen nicht mehr im NP spielen!“

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Ganzseitige Zeitungsanzeige der Nationalparkgegner-Initiative „Waldfreiheit“

 

Und wenn das widerlegt ist, legt man nach: „Ja, aber es wird keine Wanderwege durch den NP geben, weil Rehe eine Fluchtdistanz von 350 m haben.“ Wenn das Argument, in der Sägeindustrie gingen Arbeitsplätze verloren, widerlegt wurde, kommt todsicher das Argument „Ja, aber in der Möbelindustrie …!“ Die Gegner spielen das „Ja, aber!“-Spiel. Nach jedem widerlegten Argument gegen den NP zaubern sie ein neues aus dem Hut. Da können sich Befürworter des NP den Mund fusselig reden – am Ende kommt stets ein „Ja, aber!“.

Gestammelter Unsinn

Die Argumente der Nationalparkgegner brauchen überhaupt keinen Sinn machen. Den „Stammtischen“  ist das egal. Auf Logik und Widerspruchsfreiheit kommt es überhaupt nicht an. Kemper redet und redet über weite Strecken ohne jeden Sinn und Verstand. Und auf Grammatik nimmt er sowieso keine Rücksicht. Mehrfach verliert er völlig den Faden. Wie Edmund Stoiber in seiner legendären Flughafenrede. Man reibt sich verwundert die Augen: Und so einer war 5 Jahre Mitglied des Landtags von NRW? Aber es reicht völlig aus, dass Kemper sich wie ein Politiker gebärdet. Er macht einen auf Karl-Heinz Stiegler wie in dem berühmten Loriot-Sketch. Ab und zu ein Fremdwort in den Redeschwall einbauen – das genügt, um sich den Anschein von Seriösität und Vertrauenswürdigkeit zu geben.

Trotzphase

In Wirklichkeit führt sich Kemper auf wie ein ungezogenes Blag in der Trotzphase. Gutachten? – Alle getürkt! Vermittler? – Nicht unabhängig! Runder Tisch? – Nicht ergebnisoffen! EU-Fördermittel? – Steuergeldverschwendung! Alles wird abgelehnt. Alles ist Mist. Alle haben Unrecht. Und am Ende zieht er tatsächlich den Vergleich zum Hermann, der gegen die Römer kämpft! In welcher Parallelwelt muss man leben, um einem Gutachten von Roland Berger Parteilichkeit für den Umweltschutz vorzuwerfen? Und seit wann lehnen CDU-Politiker Subventionen für den eigenen Landkreis ab? Wie doof ist das denn?

Audienz bei Kaiser Wilhelm

Das Verhalten des Reporters ist die „reine Kriecherei„. Gleich nach dem ersten sinnfreien Gefasel von Naturzuständen in Kulturwäldern, den drei Dingen der Nachhaltigkeit und Abkotverboten hätte man sagen müssen: „Entschuldigung Herr Kemper! Bei allem Respekt: Das stimmt nicht!“ Aber so etwas sagen Reporter heute nicht mehr. Kemper hätte ebensogut von kleinen rosaroten Elefanten, die durch den Nationalpark bedroht sind, fabulieren können, dieser Reporter hätte einfach die nächste Frage auf seiner Karteikarte abgelesen.

Wahrheit wider Willen

Eine kleine Minderheit hat den Nationalpark am Ende zu Fall gebracht: Kemper spricht von 2.000 Demonstranten –  von knapp 350.000 Einwohnern des Landkreises Lippe. Und fast die Hälfte der Demonstranten bestand aus der „grünen Fraktion“, wie Kemper ganz freimütig zugibt. Besonders die Förster und die Jäger stehen immer an vorderster Front der Nationalparkgegner. Und ich gebe Kemper völlig Recht: das sind keine „normalen Bürger“. Förster können ohne Kettensäge nicht leben. Bei der Vorstellung, als Ranger im Nationalpark totem Holz beim Verfaulen zuzusehen, verfallen sie in Depressionen. Und es packt sie die Furcht, dass Deutschland ohne das Brennholz aus dem Nationalpark im nächsten Winter erfrieren wird.

Totholz

 

Und die Jäger fürchten um ihre Trophäen, wenn der Wildbestand im Nationalpark drastisch reduziert wird. Jäger und Förster sind bestens mit den Mächtigen in Politik, Wirtschaft und Medien vernetzt und verfügen über enormen Einfluss. Sie haben sich durchgesetzt.

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