Mantaus Stellungnahme zum Gutachten von Berger

289 Arbeitsplatzverluste bei Udo Mantau

Einleitung

Die Nationalparkgegner haben Berger immer vorgeworfen, er sei nicht objektiv und stünde auf Seiten der Nationalparkbefürworter (siehe z. B. WDR-Interview mit Heinrich-Kemper). Diese Methode der Propaganda eignet sich immer hervorragend, um die Glaubwürdigkeit eines Gutachters von vornherein zu untergraben. Berger kann noch so schlüssig argumentieren – das interessiert alles nicht, weil ja von vornherein feststeht, dass sein Gutachten gekauft ist. Im 3. Reich hätte man Berger unterstellt, er sei Jude. Und damit wäre der Fall dann erledigt gewesen.

Der Vorwurf der Parteilichkeit an Berger ist auch deswegen besonders perfide, weil Mantau als Experte der Nationalparkgegner ein Lobbyist der Holzindustrie ist: Er ist Professor für Ökonomie der Holz- und Forstwirtschaft am Zentrum Holzwirtschaft der Universität Hamburg. Unterstützt wird er gleich von 3 Holzwirtschaftsverbänden: der CEPI, der CEI-Bois und der EPF (Stellungnahme, S. 34).

Mantau wendet zahlreiche Argumentationstricks an, um die Zahl der Arbeitsplatzverluste zu dramatisieren:

  1. Anzweifeln jeder Annahme und jeder Voraussetzung von Berger
  2. Aufstellen unerfüllbarer Forderungen
  3. Milchmädchenrechnungen
  4. Horrorszenarien


1. Anzweifeln jeder Annahme und jeder Voraussetzung von Berger

a. Möbelindustrie

Berger begründet, warum die Möbelindustrie nicht vom zukünftigen Nationalpark betroffen ist: Sie hat ihr Holz immer schon überregional eingekauft (siehe oben). Dieses Argument lässt Montau nicht gelten. Seine zentrale Behauptung ist, dass es infolge des Nationalparks zu einer Holzverknappung kommen wird (siehe Stellungnahme, S. 5 und Horrorszenarien). Deshalb werden die Preise auch überregional steigen. Und somit ist die Möbelindustrie doch betroffen. Um es an einem Beispiel zu verdeutlichen: Stellen Sie sich vor, in einem Dorf gibt es ein gut gehendes Cafe, das seinen Kuchen von einem Bäcker nebenan bezieht. Nun schließt dieser Bäcker. Mantau würde nun behaupten, dass es zu einer Verknappung des Kuchens kommt und überall die Kuchenpreise steigen.

b. Tischler

Mantau glaubt, Berger habe eine ganze wichtige Berufsgruppe vergessen: die der Tischler. Das sind zwar auch Möbelhersteller, aber diese „dürften sich überwiegend regional mit Holz versorgen“ (Stellungnahme, S. 5). Für diese Vermutung führt Montau keine Belege an. Das ist auch nicht wichtig: entscheidend ist vielmehr, dass der Verdacht geweckt wird, hier seien fahrlässig über 10.000 Arbeiter nicht berücksichtigt worden.

c. Kundenliste der Auftraggeber

Mantau wirft Berger allen Ernstes vor, sich auf die Kundenlisten der Auftraggeber zu beziehen (siehe Stellungnahme, S. 11). Das sei zwar „legitim“, aber nicht „sachgerecht“. Damit unterstellt Montau den staatlichen Forstverwaltungen und der Forstverwaltung des Landesverbands Lippe, dass diese unwahre und unvollständige Angaben machen könnten. Außerdem hätte Berger alle 40 Sägewerke in der Region berücksichtigen müssen, weil alle von der „Angebotsverknappung“ betroffen wären (Stellungnahme, S. 12). Um es wieder an einem Beispiel zu verdeutlichen: In einem Dorf schließt ein Bäcker. Es wird eine Umfrage unter den Kunden des Bäckers gemacht, was diese von der Schließung halten. Dazu bedient man sich der Kundenliste des Bäckers. Montau würde der Umfrage vorwerfen, dass der Bäcker ihnen wichtige Kunden verschweigen könnte und dass man alle Dorfbewohner fragen müsse. Denn in Zukunft würde das Brot für alle knapp.

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2. Aufstellen unerfüllbarer Forderungen

Berger hat mit 15 Holzabnehmern, die vom Nationalpark betroffen sind, Interviews durchgeführt:

Befragungaus: Vertiefungsgutachten Roland Berger, Seite 18 der langen Präsentation

Berger konnte 7 Betriebe nicht befragen, obwohl er um ein Interview gebeten hatte. Mantau fragt in Fettdruck: „Warum war ein Drittel nicht bereit und hätten jene sich ggf. anders geäußert?“ (Stellungnahme, S. 19). Dass diese keine Zeit oder kein Interesse hatten, glaubt er Berger nicht. Ohnehin sei der Kreis der Befragten viel zu klein. Die Vorselektion einer Risikogruppe sei nicht plausibel. Ginge es nach Mantau hätten folgende Betriebe ebenfalls interviewt werden müssen:

  1. alle Betriebe der  holzverarbeitenden Industrie
  2. alle holzverarbeitenden Handwerksbetriebe
  3. alle Betriebe, die nicht in der Kundenliste stehen
  4. alle Betriebe in Geschäftsbeziehungen zu den betroffenen Betrieben
  5. alle Betriebe, die zukünftig neue Chancen nutzen, mit Holz zu produzieren
  6. alle zukünftigen neuen Kunden

Und all dies nicht nur für die Region Ostwestfalen-Lippe, sondern aufgrund der „Marktzusammenhänge“ auch überregional (Stellungnahme, S. 20).

Einerseits sind Mantaus Forderungen unerfüllbar: Wie soll man beispielsweise Betriebe und Kunden befragen, die es noch gar nicht gibt (siehe 5. und 6.)? Andererseits sind seine Forderungen aber auch unwissenschaftlich: Umfragen werden nie mit allen Betroffenen geführt, sondern stets mit einer repräsentativen Auswahl. Es ist sinnlos, Interviews mit Betrieben zu führen, die weit weg von der Gebietskulisse liegen oder nur Fichtenholz verarbeiten.

Mantau selbst kann seine eigenen hochgesteckten Ansprüche nicht erfüllen: Von den 2.264 Fragebögen, die von den Industrie- und Handelskammern in Ostwestfalen und Lippe, an „alle Betriebe“ in der Region verschickt wurden, „die zu Forst- und Holzwirtschaft eine Verbindung haben“, kamen nur 160 zurück. Mantau hält die Rücklaufquote von nur 7,1 % für „nicht ungewöhnlich“ (Stellungnahme, S. 21). Er muss jedoch zugeben, dass die Ergebnisse zwar „interessant“, aber nicht repräsentativ sind. Interessant ist allerdings, warum 2.104 Betriebe, die angeblich vom Nationalpark bedroht sind, es nicht einmal für nötig halten, einen Fragebogen vom Umfang einer DIN-A4-Seite auszufüllen.

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3. Milchmädchenrechnungen

Mantau prognostiziert 255 Arbeitsplatzverluste in der Holzwirtschaft (siehe Stellungnahme, S. 9). Wenn Sie meinen, Sie bräuchten dafür ein abgeschlossenes Studium der Wirtschaftswissenschaften, dann irren Sie sich. Es reicht diese Tabelle:

Clusteraus: Stellungnahme, S. 8

Sie benötigen auch keine Modellrechnungen. Sie brauchen nur den Beschäftigtenfaktor. Dieser ist der Quotient aus Beschäftigten in der Holz- und Forstwirtschaft dividiert durch die Beschäftigten in der Forstwirtschaft. Für Deutschland ergibt sich ein Wert von 9,6 – aufgerundet also von 10. Großzügerweise rechnet Mantau die Beschäftigten im Druck- und Verlagswesen heraus. Dann beträgt der Faktor 8,5. Im Nationalpark Teutoburger Wald werden 34 Arbeitsplätze in der Forstwirtschaft abgebaut, also betragen die Arbeitsplatzverluste in der Holz- und Forstwirtschaft zusammen 8,5 x 34 = 289.

Ich nenne das eine Milchmädchenrechnung:

  1. Bereits die Tabelle verdeutlicht, dass der Zusammenhang zwischen Forst- und Holzwirtschaft sehr lose ist: In NRW ist der Wert fast dreimal so groß wie in Bayern.
  2. Der Landesbetrieb Wald und Holz NRW hat bis 2012 jährlich 1,5 % seiner Mitarbeiter abgebaut (siehe GFA-Auditbericht Wald und Holz 2012, S. 11). Glaubt irgendjemand, deswegen seien in der Holz- und Forstwirtschaft insgesamt jährlich 12,75 % (= 8,5 x 1,5) der Mitarbeiter entlassen worden?
  3. Von 1999 bis 2005 sank in Ostwestfalen-Lippe die Beschäftigtenzahl der Möbelindustrie von 29.994 auf 20.507. Das ist ein Verlust von 9.487 Arbeitsplätzen. Jeder dritte Möbelhersteller verlor seinen Arbeitsplatz (siehe H.-J. Keil, Wandel der Beschäftigtenstrukturen in Ostwestfalen-Lippe, 2006, S. 48). Auch jeder zweite Beschäftigte in Säge- Holz- und Holzimprägnierwerken verlor seinen Arbeitsplatz. 449 Arbeitsplätze von 898 wurden abgebaut. In der Holz- und Zellstoffindustrie wurden 444 Arbeiter von 2.078 vor die Tür gesetzt. Und von 3.189 Arbeitern bei Holzwarenherstellern wurden 845 entlassen.
  4. 2007 machte der einstmals größte europäische Möbelhersteller Schieder aus Schieder-Schwallenberg im Kreis Lippe mit 1.400 Mitarbeitern in ganz Deutschland Bankrott. Er fertigte u. a. die berühmten „Billy“-Regale für IKEA an. Der wirtschaftliche Gesamtschaden betrug 234 Millionen € (FAZ vom 14.4.2011 und vom 21.6.2007).

In der Holzindustrie wurden massenhaft Arbeitsplätze abgebaut und ins Ausland verlagert. Kein einziger Arbeitsplatzverlust hat irgendetwas mit dem Nationalpark oder mit Holzknappheit zu tun. Die sinnfreie Rechnerei mit dem Beschäftigtenfaktor suggeriert eine pseudowissenschaftliche Genauigkeit, die es nicht gibt. Mantau verwechselt einen losen statistischen Zusammenhang mit einer Ursache-Wirkungs-Beziehung: Der Abbau von Forstbeamten ist nicht die Ursache für den Arbeitsplatzschwund in der Holzindustrie. Die Anklage des Nationalparks gleicht dem Ruf: „Haltet den Dieb!“ Öffentlichkeitswirksam zeigt Mantau auf den Nationalpark, um einen Sündenbock für die Misere der Holzindustrie zu finden. Er regt sich über fiktive 289 Arbeitsplatzverluste auf und schweigt zu über 10.000 Menschen, die in den letzten Jahren wirklich ihre Arbeit verloren haben.

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4. Horrorszenarien

Im Auftrag des EU-Kommissars für Energie, Günther Oettinger, hat Mantau 2010 die Studie „Reale Potentiale für Veränderungen im Wachstum und in der Nutzung von EU-Wäldern„, abgekürzt „EUwood“ vorgelegt.

Diese Studie spielt u. a. verschiedene Szenarien für Holzangebot und -nachfrage in Deutschland durch:

euwood_1
aus: Stellungnahme, S. 16

A1 und B2 sind die Kurven für die Holznachfrage. Sie beruhen auf Szenarien des Weltklimarats. Für das Jahr 2020 rechnet er mit 20% erneuerbaren Energien.

  • A1 = Kurve für hohes Wachstum der Nachfrage
  • B2 = Kurve für niedriges Wachstum der Nachfrage.

Für das Angebot an Holz, das sich aus dem Waldholz und dem Industrierest- und Altholz zusammensetzt, wurden 3 Szenarien berechnet:

  • hohe Mobilisierung = Nutzung inklusive Waldrestholz  (Zweige, schwaches Holz, Wurzeln)
  • mittlere Mobilisierung = heutige Nutzung
  • niedrige Mobilisierung = Nutzung mit verschärften ökologischen Auflagen und Verzicht auf Nutzung z. B. durch Nationalparks

Bereits für 2015 sagt Mantau voraus, dass Angebot und Nachfrage sich die Waage halten. Im Jahr 2030 prognostiziert Mantau einen Holzmangel von sage-und-schreibe 80 Millionen Festmetern, was der Differenz zwischen mittlerer Mobilisierung und hoher Nachfrage entspricht. Für Europa beträgt das Defizit 320 Millionen Festmeter. Mantau verwehrt sich übrigens gegen das Wort „Prognose“. Seine Studie sei eine „Analyse der Konsequenzen derzeitiger Entwicklungen“ (Stellungnahme, S. 15).

Selbstverständlich lässt Mantau auch Bergers Argument, es gebe in NRW 46 % ungenutztes Laubholz, nicht gelten:

Laubholzaus: Vertiefungsgutachten Roland Berger, Seite 13 der langen Präsentation

Rund 22 % des Buchenholzes sind laut Mantau nicht verwertbares Derbholz (krumme Äste und Stämme). Zusätzlich würden 10 % davon legal als nicht registriertes Brennholz genutzt. Somit schrumpft das ungenutzte Laubholz von 46 % auf maximal 30 %. Für OWL errechnet laut Mantau sogar schon jetzt ein Laubholzmangel von 10%. Mantaus Fazit: Schon jetzt ist Holz knapp und diese Knappheit wird sich zukünftig „dramatisch“ verschärfen (Stellungnahme, S. 18).

Wider Willen hat Mantau mit seinen Szenarien aber nur bewiesen, dass der derzeitige Nachfrageboom nach Holz nicht nachhaltig ist. Egal, ob die Mobilisierung niedrig, mittel oder hoch ist: Es kommt früher oder später immer zu einem „dramatischen“ Holzmangel. Sogar bei einer restlosen Ausbeutung der Wälder mit einer völlig verantwortungslosen Vollbaumnutzung übersteigt bereits 2020 die Nachfrage das Angebot um 5 bzw. 9 Millionen m3:

Defizit
aus: EUwood, S. 143

Und würden wir so weitermachen wie bisher, betrüge das Holzdefizit schon 2020 selbst im günstigsten Fall (Nachfrage B2) 31 Millionen m3. Dass es bei Einrichtung von Nationalparken und Umweltauflagen noch 8 Millionen m3 größer wäre, spielt da keine Rolle. Wir müssen unseren Holzverbrauch reduzieren.

Mantaus viele bunte Bilder in der Hochglanzstudie weisen auch einen Weg aus der Holzknappheit. Die Nutzung von Holz als Energiequelle ist ein Irrweg:

Energieholzaus: EUwood, S. 143

Die roten Säulen zeigen den Anstieg des Energieholzverbrauch von 2014 bis 2030. Fast die gesamte Steigerung beruht auf dem steuerlich subventionierten Ausbau der Biomassekraftwerke, deren Verbrauch sich von 2010 von 6,3 auf 65,7 Millionen m3 verzehnfacht. Zum Vergleich: 2011 betrug der gesamte Holzeinschlag in Deutschland 56 Millionen m3 (Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, Holzmarktbericht 2011).

Pelletsaus: EUwood, S. 143

3-sat nano hat am 23.2.2012 über die Verfeuerung von Energieholz in Biomassekraftwerke berichtet:

Zum Schluss ein Lesetipp: Peter Wohlleben, Holzrausch – Der Bioenergieboom und seine Folgen, Sankt Augustin 2008

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