Faktencheck: Naturwaldreservat Waldhaus

Wie steht es um den Schutz der Urwaldreliktarten in Bayern?

Mergner zeichnet ein rosarotes Bild der Zukunft: In diesem Bild gibt es in Bayern hunderte von Naturwaldreservaten, die durch abertausende von Trittsteinen miteinander vernetzt sind. Und es gibt so viele Biotopbäume, dass der Weißrückenspecht sich gar nicht entscheiden kann, wo er zuerst seine Höhle bauen soll.

Die Wirklichkeit sieht völlig anders aus, wie wie man am Beispiel der Urwaldreliktarten in Bayern zeigen kann:

Viele Holzkäfer sind extrem anspruchsvoll. Bestimmte Mulmkäfer wie der im Steigerwald und vermutlich auch in ganz Bayern1 ausgerottete Veilchenblaue Wurzelhalsschnellkäfer brauchen beispielsweise nicht nur uralte und dicke Bäume, sie brauchen zusätzlich auch noch große Mulmhöhlen. Diese dürfen dann nicht zu nass und auch nicht zu kalt sein und der Mulm muss ein ganz bestimmtes Alter haben. Hinzu kommt, dass viele Holzkäfer nicht sonderlich mobil sind. Sie können nicht einfach kilometerweit fliegen, bis sie den passenden Baum gefunden haben. Sie sterben ganz einfach aus. Am anspruchsvollsten sind die Urwaldreliktarten:

„Sie verlangen eine ungebrochene Kontinuität der Alters- und Zerfallsphase und stellen hohe Ansprüche an Totholzqualitäten und -quantitäten.“2

Um eine der 115 Urwaldreliktarten Deutschlands3 auszurotten, braucht es gar keinen Kahlschlag. Es reicht, aus dem Forst die alten und zerfallenden Bäume und das Totholz zu entfernen. Dafür ist auch der Steigerwald ein trauriges Beispiel:

„So wurden alte Eichen (>300jährig) im Nördlichen Steigerwald fast gänzlich aufgenutzt. Mulmhöhlenbäume sind ebenfalls im wesentlichen auf die Reservate beschränkt.“4

In ganz Bayern hat die ordnungsgemäße Forstwirtschaft den Wald so gründlich aufgeräumt, dass 49 Urwaldreliktarten bereits ausgestorben sind und es überhaupt nur noch 66 gibt. Im Naturwaldreservat Waldhaus sind es nur drei:

  1. Hesperus rufipennis lebt in altem faulem Holz und „im feuchten Mulm […] hohler alter Stämme“ und galt bis zu ihrem Wiederfund 2005 durch Jörg Müller als ausgestorben in Bayern.5

Hesperus rufipennis

Quelle: Lech Borowiec, Abteilung für Biodiversität und Evolutionäre Taxonomie, Universität Warschau

  1. Allecula rhenana ist ebenfalls ein Mulmhöhlenbewohner. Der Käfer steht auf der Roten Liste und gilt in Bayern als stark gefährdet.6

Allecula rhenana

Quelle: Lech Borowiec, Abteilung für Biodiversität und Evolutionäre Taxonomie, Universität Warschau

  1. Osmoderma eremita. Natürlich steht auch der Eremit auf der Roten Liste und gilt als stark gefährdet.7

Osmoderma eremita-fcm

Das Überleben der 66 in Bayern noch nicht ausgerotteten Urwaldrelikten ist alles andere als gesichert:

„Über 15 Arten sind […] nur noch von einem oder zwei Standorten in Bayern bekannt.“8

Der Nachweis von Arten wie dem oben erwähnten Veilchenblauen Wurzelhalsschnellkäfer liegt mehr als 20 Jahre zurück. In ganz Bayern gibt es nur 22 – in Worten: zweiundzwanzig – Standorte mit mindestens drei nachgewiesenen Urwaldreliktarten. Ihre Fläche beträgt insgesamt nur 2.000 ha.

„Viele Standorte sind sehr kleinflächig, zudem isoliert und beherbergen nur noch wenige Uraltbäume, in denen die Arten überdauert haben.“9

Viele heute noch lebende Urwaldreliktarten sind in Wirklichkeit „lebende Tote“:

„[…] nur noch kleinflächige und isoliert liegende Artvorkommen [sind] wegen des fehlenden Genaustauschs extrem gefährdet.“10

Bußler fordert von der Bayerischen Landesregierung folgendes:

„Für die im Bayerischen Waldgesetz verankerte Verpflichtung, die biologische Vielfalt des Waldes zu erhalten und erforderlichenfalls zu erhöhen, müssen für diese Standorte Entwicklungs- und Vernetzungskonzepte eingeleitet werden.“11

Naturschützer fordern das seit Jahrzehnten. Geschehen ist nichts. Die Bayerischen Staatsforsten wehren sich mit Händen und Füßen dagegen, 10 % des Landeswalds aus der Bewirtschaftung zu nehmen. Es gibt in Bayern keine „tausende kleiner Waldflächen“, die stillgelegt sind. Es gibt kein „Netz aus ökologisch hochwertigen Stilllegungsflächen“. Es gibt keine „Lebensadern im Wirtschaftswald“.

Nach oben
Zurück zur Einleitung
Nächste Seite: Schluss – das Terrarienkonzept

  1. der letzte Nachweis stammt aus dem Jahr 1994, siehe: Heinz Bußler, Hotspot-Gebiete xylobionter Urwaldreliktarten aus dem Reich der Käfer, LWF aktuell 76/2013, S. 12 []
  2. a. a. O., S. 10, Hervorhebungen von mir []
  3. siehe J. Müller u. a., Urwaldrelikt-Arten – Xylobionte Käfer als Indikatoren für Strukturqualität und
    Habitattradition, waldoekologie online, 2/2005, S. 106-113 []
  4. J. Müller u. a., Naturwaldreservat Waldhaus …., S. 117 []
  5. siehe J. Müller, Waldstrukturen als Steuergröße für Artengemeinschaften in kollinen bis submontanen Buchenwäldern, München 2005, S. 25 und Anhang Tabelle 9.3, S. 201; Ob Hesperus rufipennis eine Urwaldreliktart ist, darüber streiten die Gelehrten: In der Liste der Urwaldreliktarten aus demselben Jahr wie Müllers Dissertation fehlt sie. []
  6. a. a. O., S. 23 []
  7. Der Eremit wurde erst 2006 von H. Bußler entdeckt, siehe J. Müller u. a., Naturwaldreservat Waldhaus als Referenzfläche, S. 108 []
  8. H. Bußler, Hotspot-Gebiete …, S. 11, Hervorhebungen von mir []
  9. a. a. O., S. 10, Hervorhebungen von mir []
  10. a. a. O., S. 11, Hervorhebungen von mir []
  11. a. a. O., S. 12, Hervorhebungen von mir []