Deutschland ist süchtig nach Nadelholz

„Man rettet den deutschen Wald nicht, indem man ‚O Tannenbaum‘ singt.“
Horst Stern, Bemerkungen über den Rothirsch

Schluss – Horst Stern zum Waldumbau

Während der Recherchen zu diesem Artikel starb Horst Stern. Beim Lesen der Nachrufe und Stöbern im Internet stolperte ich zufällig über die ZDF-Sendung „Zeugen des Jahrhunderts“ vom 5. August 1998. Im Interview spricht er – damals 75 Jahre alt – auch über den Waldumbau. Zu meiner großen Überraschung behauptet Stern, der Waldumbau sei ein Erfolg. Die „Verfichtung“ gehe zurück und höre sogar auf.

Horst Stern:

„[D]er Wald ist mein Lebensthema geworden. Ich habe sicherlich auch dazu beigetragen, dass die Verfichtung des deutschen Waldes, also die Überhandnahme der Fichte, die ja der Brotbaum der deutschen Forstwirtschaft ist und über 70 % des Baumanteils stellt, dass die Verfichtung des deutschen Waldes zurückgeht, und dass man diese Wälder jetzt anders anlegt, und dass man die untermischt mit Laub […]. Und da habe ich also wohl einen Anteil daran, dass die Verfichtung aufgehört hat […]. Ich meine, ich bin auch  immer nur das Sprachrohr gewesen. Ich habe diese Dinge ja nicht erfunden, die Bestrebungen, den deutschen Wald zu mischen […], die habe ich ja nicht erfunden. Ich habe das immer nur aufgenommen und habe es dann durch die Medien vervielfältigt. Und so entsteht dann oft der Eindruck, ich sei also der alleinige Kämpfer, was natürlich überhaupt nicht stimmt. Also ich habe wohl […] in gewisser Weise […] den Waldbau [verändert]. Das ist sicherlich richtig, auch wenn das jetzt ein bisschen überheblich klingt, aber es war wohl so. Es wird auch heute immer wieder gesagt und in mancher Lobrede zu meinem letzten Geburtstag, da stand das also auch wieder drin. […] Es kommt immer wieder hoch, dass ohne mich viele Dinge nicht möglich gewesen wären. Das ist sicherlich richtig und macht mich auch einigermaßen stolz. Aber es reicht immer noch nicht.“

Der deutsche Wald hat 2012 laut dritter Bundeswaldinventur eine Fläche von 10.887.990 ha. Auf 5.900.253 ha stehen Nadelbäume. Das sind 54 % des deutschen Waldes. 15 Jahre nach dem Interview.1 In Bayern, wo Stern bis zu seinem Tod in Passau gelebt hat, machen Nadelwälder 63 % aus.

Vielleicht hat Horst Stern 1998 tatsächlich daran geglaubt, dass die Verfichtung aufgehört hat. Manchmal sind Süchtige sehr geschickt im Lügen und Vertuschen und versichern ihrem Umfeld glaubhaft, dass sie sich ändern würden.

Hört man Stern aber genau zu und achtet aufmerksam auf seine Mimik und Gestik, kommen einem erhebliche Zweifel daran, dass er tatsächlich an seinen Erfolg geglaubt hat. Nicht nur fällt auf, dass er den zweiten Brotbaum der deutschen Forstwirtschaft, die Kiefer, überhaupt nicht erwähnt. Er ist sich nicht einmal sicher, ob die Verfichtung „aufgehört“ hat oder ob sie nur „zurückgeht“. Und es bleibt unklar, ob eine „Mischung“ mit beispielsweise 50 % Laubbäumen für ihn schon ein Ende der Verfichtung wäre.

Auf der einen Seite benutzt er gleich dreimal das Wort „sicherlich“. Es sei „sicherlich richtig“, dass er einen Anteil daran hatte, den Waldbau verändert zu haben. Er habe „sicherlich“ dazu beigetragen. Auf der anderen Seite klingt vieles so, als wolle er sich von etwas überzeugen, an das er selbst nicht wirklich glaubt: „Es wird immer wieder gesagt …“, „da stand das auch wieder drin“, „es war wohl so“, „wohl in gewisser Weise“. Selbstsicherheit klingt anders. Und Stern weiß selbst, was von „Lobreden“ auf Geburtstagen zu halten ist. Ein Mensch, der stolz ist auf sein Lebenswerk, ist nicht „einigermaßen“ stolz. Stern lächelt nicht. Schon gar nicht lacht er. Er ist nicht locker oder entspannt. Auf ihm lastet eine bleischwere Müdigkeit. Er weiß: Es „reicht immer noch nicht“.

Und in einer anderen Passage des Interviews gesteht er ein:

„In der Sache sind [meine] Wirkungen eher bescheiden geblieben. […]  Ich sehe, dass es eher noch schlimmer geworden ist. […] Ich habe […] in den Köpfen der Mächtigen so gut wie gar nichts [bewirkt].“2

Die deutsche Forstwirtschaft ist immer noch süchtig nach Nadelholz. Ihre neue Modedroge heißt Douglasie.3

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  1. siehe Bundeswaldinventur Ergebnisdatenbank – Welches sind die wichtigsten Baumarten? oder Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) (Hg.), Ergebnisse der Bundeswaldinventur 2012, Berlin 2016, S. 35 []
  2. ab Min 1:45 []
  3. siehe dazu Wilde Wälder – Vortrag von Knut Sturm und Torsten Welle – Angeblicher Nadelholzmangel und der Wunderbaum Douglasie []