Faktencheck: Überleben von Waldarten in Einzelbäumen

Reste von Urwaldreliktarten im Steigerwald

Die Resolution des ersten Deutschen Naturschutztages 1925 war erfolglos: Im Steigerwald wurde damals kein Reservat eingerichtet. Die über 300 Jahre alten Eichen-Methusaleme wurden „aufgenutzt“, weil das „eherne Ertragsgesetz“ dazu zwang. So starben die auf der vorletzten Seite aufgelisteten Käfer aus. Heute gibt es im Steigerwald insgesamt nur noch 5 Urwaldreliktarten:1

Dicerea berolinensis

Berliner Eckflügel-Prachtkäfer (Dicerca berolinensis), Familie: Prachtkäfer (Buprestidae), 22 mm, Frischholzbesiedler,  Fundort: 3 Exemplare in besonntem Kronentotholz von über 180 Jahre alten Buchen; ein Methusalem stand in einem Wirtschaftswald in Ebrach, einer in Eltmann2 (Foto: Lech Borowiec)

Ampedus_brunnicornisAmpedus brunnicornis, Familie: Schnellkäfer (Elateridae), 9 mm, Mulmhöhlenbesiedler, Fundort: 1 einziges Exemplar an einer zerfallenden Uralteiche in Ebrach3 (Foto: Vaclav Dušánek)

Crepidophorus mutilatus

Crepidophorus mutilatus, Familie: Schnellkäfer (Elateridae),14 mm, Mulmhöhlenbesiedler, Fundort: 1 einziges Exemplar in einem 145-180 Jahre alten Wirtschaftswald in Ebrach4 (Foto: Lech Borowiec)

Allecula rhenana

Allecula rhenana, Familie: Schwarzkäfer (Tenebrionidae), 8 mm, Mulmhöhlenbesiedler, Fundort: 21 Exemplare, davon 15 im Naturwaldreservat Brunnstube5 (Foto: Lech Borowiec)

Osmoderma eremita-mt

Eremit (Osmoderma eremita), Familie: Blatthornkäfer (Scarabaeidae), Mulmhöhlenbesiedler, Fundort: 2006 im Naturwaldreservat Waldhaus in einer Uraltbuche, die der Sturm gefällt hatte6 und 2008 im Naturwaldreservat Brunnstube „in einer vom Sturm Emma zerbrochenen, tief ausgehöhlten Altbuche“,7 FFH-Anhangliste II

Im Spessart verlief die Entwicklung ein kleines bisschen anders. Hier richtete die Bayerische Staatsforstverwaltung 1928 zwei Minischutzgebiete von 9,9 und 7,6 ha ein: am 6. Januar das Naturwaldreservate Rohrberg und am 17. Januar das Reservat Metzger.8 In den bis zu 600 Jahre alten und 1,5 m dicken Eichen der beiden Reservate konnten bis heute 13 Urwaldreliktarten ihr nacktes Überleben retten: Es gibt Zyniker, die das als Erfolg feiern. Wie viele Urwaldreliktarten aber noch vor 200 Jahren in den über 5.000 ha9 großen Eichenwäldern am Rohrberg herumwuselten, das werden wir nie erfahren. Über die Dinosaurier von vor 70 Millionen Jahren wissen wir mehr.

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  1. Die Liste wurde mit Hilfe von Tabelle 9-3 im Anhang der Dissertation von Jörg Müller aus dem Jahr 2005 erstellt. Müller zählt in der Tabelle auch Hesperus rufipennis zu den Urwaldreliktarten. In der offiziellen Liste der Urwaldreliktarten aus demselben Jahr wurde dieser Käfer aber gestrichen. 2006 entdeckte Heinz Bußler aber den Eremiten im Naturwaldreservat Waldhaus. Bußler zählt folglich 5 Urwaldreliktarten. Siehe: Hotspot-Gebiete xylobionter Urwaldreliktarten aus dem Reich der Käfer, LWF aktuell 76/2013, Tabelle 1, S. 11 []
  2. Jörg Müller, Waldstrukturen als Steuergröße für Artengemeinschaften in kollinen bis submontanen Buchenwäldern, München 2005, S. 173 und Anhang, Tab. 9-3, S. 204 []
  3. a. a. O., S. 153 und Anhang Tab. 9-3, S. 203 []
  4. a. a. O., Anhang Tab. 9-3, S. 203 []
  5. a. a. O., Anhang Tab. 9-3, S. 207 []
  6. J. Müller, J. Bail, H. Bussler, A. Jarzabek-Müller, F. Köhler und J. Rauh, Naturwaldreservat Waldhaus als Referenzfläche für Biodiversität von Buchenwäldern in Bayern am Beispiel der holzbewohnenden Käfer, Beiträge zu bayerischen Entomofaunistik 9: 107-132, Bamberg (2009). Die Arbeitsgemeinschaft bayerischer Entomologen stellt den Aufsatz als PDF-Datei auf ihrer Webseite zur Verfügung. []
  7. Georg Sperber und Thomas Stephan, Frankens Naturerbe – Buchenwälder im Steigerwald, Bamberg 2008, S. 87 []
  8. siehe Sperber, Waldnaturschutz, S. 33. In der offizielle Broschüre der BaySF wird das Reservat Metzger auch „Metzgergraben und Krone“ genannt, weil es sich aus Teilen der Forstabteilungen „Holzgraben“ und „Krone“ zusammensetzt. Michael Kunkel zeigt auf seiner Webseite beeindruckende Fotos der Reservate. []
  9. siehe G. Sperber, S. Thierfelder, Urwälder Deutschlands, München 22008, S. 92 []