Faktencheck: Überleben von Waldarten in Einzelbäumen

„Karl, der Käfer, wurde nicht gefragt. Man hat ihn einfach fortgejagt.“
Kinderlied1

Unvollständige Liste der ausgerotteten Urwaldreliktarten im Steigerwald

Ich weiß nicht, ob Ulrich Mergner sich seinen Aufsatz einmal laut vorgelesen und dabei zugehört hat. Merkt er gar nicht, welch katastrophales Zeugnis er der Forstwirtschaft ausstellt?

„Eine nüchterne Betrachtung der Orte, an denen sich hochgradig gefährdete Waldarten erhalten haben, zeigt, dass dies nicht in Wäldern stattfand.“

Die Frage, die sich beim Lesen dieses Satzes unwillkürlich stellt, lautet: Warum waren die Waldarten in den Wäldern so hochgradig gefährdet, dass sie in ihnen nicht überleben konnten? Als loyaler Forstbeamter stellt Mergner diese Frage nicht; ein dunkler Schatten würde auf seinen Arbeitgeber fallen. Ich stelle diese Frage. Eine „nüchterne Betrachtung“ fällt mir allerdings im Gegensatz zu Mergner sehr schwer.

Reden wir also über „hochgradig gefährdete Waldarten“, über deren Ausrottung die Forstwirtschaft am liebsten den Mantel des Schweigens deckt: Reden wir über Urwaldreliktarten! Sie zeichnen sich durch vier Eigenschaften aus:

  • „Nur reliktäre Vorkommen im Gebiet
  • Bindung an Kontinuität der Strukturen der Alters- und Zerfallsphase bzw. Habitattradition
  • Hohe Ansprüche an Totholzqualität und -quantität
  • Populationen in den kultivierten Wäldern Mitteleuropas verschwindend oder ausgestorben.“2

Zu den „kultivierten Wäldern“ zählt auch der Steigerwald. Unter „Kultur“ stellt man sich für gewöhnlich nicht die Ausrottung von harmlosen Waldbewohnern vor. So etwas nennt man normalerweise „Barbarei“. Die folgenden Urwaldreliktarten fielen ihr im Steigerwald zum Opfer:

Megapenthes_lugens_Chalupa

Mattschwarzer Schnellkäfer (Megapenthes lugens),  Familie: Schnellkäfer (Elateridae), 9 mm,3 Mulmhöhlenbewohner (Foto: Zdeněk Chalupa)

Limoniscus violaceus
Veilchenblauer Wurzelhals-Schnellkäfer (Limoniscus violaceus), Familie: Schnellkäfer (Elateridae), 10 mm, Mulmhöhlenbewohner, FFH-Anhangliste II

Ischnodes sanguinicollis

Bluthals-Schnellkäfer (Ischnodes sanguinicollis), Familie: Schnellkäfer (Elateridae), 9 mm, Mulmhöhlenbewohner (Foto: Lech Borowiec)

Elater ferrugineusRostbrauner Schnellkäfer (Elater ferrugineus), Familie: Schnellkäfer (Elateridae), 20 mm, Mulmhöhlenbewohner (Foto: Lech Borowiec)

Ampedus elegantulus
Ampedus elegantulus, Familie: Schnellkäfer (Elateridae), Bewohner von altem verrottetem Totholz, 9 mm (Foto: Lech Borowiec)

Heldenbok
Großer Eichenbock (Cerambyx cerdo), Familie: Bockkäfer (Cerambycidae), 38 mm, besiedelt Frischholz oder frisches Totholz, FFH-Anhangliste II
Mycetophagus decempunctatus

Zehnfleckiger Baumschwammkäfer (Mycetophagus decempunctatus), Familie: Baumschwammkäfer (Mycetophagidae), 4 mm, braucht Holzpilze oder pilzbefallenes Holz (Foto: Lech Borowiec)

Eledonoprius armatus

Kerbhalsiger Baumschwammkäfer (Eledonoprius armatus), Familie: Schwarzkäfer (Tenebrionidae), 2 mm, braucht Holzpilze oder pilzbefallenes Holz (Foto: Lech Borowiec)

Bolitophagus interruptus

Bolitophagus interruptus, Familie: Schwarzkäfer (Tenebrionidae), 4 mm, Pilzbesiedler (Foto: Lech Borowiec)

Tenebrio opacus

Mattschwarzer Mehlkäfer (Tenebrio opacus), Familie: Schwarzkäfer (Tenebrionidae), 17 mm, Mulmhöhlenbewohner (Foto: Lech Borowiec)

Triplax collaris

Schwarzköpfiger Pilzkäfer (Triplax collaris), 3 mm, Familie: Schwamm-, Pilz- und Faulholzkäfer (Erotylidae),  3 mm, Pilzbesiedler (Foto: Lech Borowiec)

Synchita separanda

Reitters Rindenkäfer (Synchita separanda), Familie: Rindenkäfer (Colydiidae), 4 mm, Bewohner von altem verrottetem Totholz (Foto: Lech Borowiec)

Oxylaemus variolosus Jacobson

Oxylaemus variolosus, Familie: Schwielenkäfer (Bothrideridae), 3 mm, Altholzbesiedler

Thoracophorus corticinus

Rippen-Kurzflügler (Thoracophorus corticinus), Familie: Kurzflügelkäfer (Staphylinidae), 2 mm, Gast von Holzameisen (Foto: Lech Borowiec)

In einer Email nennt mir Käferexperte Georg Möller weitere Urwaldreliktarten, die in Buchenwäldern wie dem Steigerwald eigentlich vorkommen sollten, aber ausgerottet wurden: Podeonius acuticornis (Mulmhöhlenbewohner), Aeletes atomarius (Räuber in Baumhöhlen), Corticeus bicoloroides (Bewohner von altem verrottetem Totholz), Corymbia erythroptera (Bewohner von altem verrottetem Totholz). Die Liste ließe sich beliebig erweitern.4 Und wir reden hier nur von den ausgerotteten Urwaldreliktarten im Steigerwald. Hinzu kommen die ausgerotteten Rote-Liste-Arten.

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  1. Gänsehaut, 1983 []
  2. siehe J. Müller u. a., Urwaldrelikt-Arten – Xylobionte Käfer als Indikatoren für Strukturqualität und Habitattradition, waldoekologie online, 2/2005, S. 109, Hervorhebung von mir []
  3. Sämtliche Größenangaben zu den Käfern stammen aus der vorzüglichen Excel-Tabelle, die sich im Anhang der folgenden lesenswerten Arbeit befindet: Seibold, S., Brandl, R., Buse, J., Hothorn, T., Schmidl, J., Thorn, S. and Müller, J. (2015), Association of extinction risk of saproxylic beetles with ecological degradation of forests in Europe. Conservation Biology, 29: 382–390. doi: 10.1111/cobi.12427 []
  4. siehe auch die Powerpointpräsentation von Georg Möller, Die Käferfauna in alten Buchenbeständen, die nicht nur die Käfer sondern auch deren Habitate zeigt []