Faktencheck: Altholzinseln

Welche Warnungen der Wissenschaftler verschweigt Mergner?

Jeder wissenschaftliche Artikel hat einen Diskussionsteil. In diesem verweisen Autoren sehr häufig auf die Grenzen, die für die Gültigkeit ihrer Ergebnisse gelten, und warnen vor falschen Schlussfolgerungen. Es ehrt Lachat, Müller und Bütler, dass sie sehr deutlich auf Grenzen und Gefahren hinweisen. Fast möchte man meinen, dass sie unzulässige Schlussfolgerunen, wie Mergner sie anstellt, geahnt haben. Denn sie warnen ausdrücklich vor Folgerungen, wie sie Mergner zieht:

„Dennoch ist es wichtig, dass die geforderten Minimalflächen auch als solche verstanden und nicht als optimale Größe von Altholzinseln interpretiert werden. Wenn die Gegebenheiten es zulassen, ist das Ausscheiden von größeren Altholzinseln zu begrüßen, da eine große Altholzinsel neben der größeren Wahrscheinlichkeit für eine hohe Dichte an Habitatstrukturen, Totholz und Spechtbäumen weitere Vorteile hat (z. B. Arten-Areal-Beziehung; Arrhenius 1920).“1

Die Arten-Areal-Beziehung lautet: „Je größer eine Insel, desto mannigfaltiger ist das auf ihr lebende Artenspektrum.“2 Natürlich passt die Arten-Areal-Beziehung Mergner überhaupt nicht ins Konzept. So macht er aus den Minimalflächen unter der Hand doch wieder Optimalflächen. Denn die Minimalflächen noch weiter zu vergrößern, bringt für Mergner keinen ausreichenden Ertrag.

Die Autoren warnen weiter:

„In sehr kleinen Altholzinseln besteht insbesondere das Risiko, dass der gesamte Bestand in kurzer Zeit zusammenbricht und sich auf der ganzen Fläche Jungwald etabliert.“3

Trittsteine von nur 0,3 ha, wie es sie im Forstbetrieb Ebrach offensichtlich auch gibt,4 erfüllen nicht einmal die Minimalbedingungen, die die Autoren aufstellen. Die Schweizer zeigen auch die Grenzen von Altholzinseln auf:

„Somit stellen Altholzinseln zumindest kleinräumig Totholzmengen bereit, wie sie auch in Naturwaldreservaten vorgefunden werden.“5

Es sind eben nur kleine Räume, auf denen das Totholz bereitgestellt wird. Die Zerfallsphase ist in Wirtschaftswäldern auf einen kleinen Raum beschränkt. In den Buchenurwäldern der Karpaten aber sind 42-45 % der Wälder in der Zerfallsphase, in denen in Albanien sogar 48-57 %.6

„Ein so hoher Anteil an Beständen in der Zerfallsphase ist in produktiven Wäldern der Schweiz aus ökonomischer Sicht nicht sinnvoll.“7

Das würde Mergner sofort unterschreiben. Aber er weist in seinem Artikel nicht auf die Folgen hin. Die Schweizer tun es:

„[Es ist] angesichts der hohen Flächenanteile der Zerfallsphase in Natur- und Urwäldern […] fraglich, ob die angestrebte Fläche von 5 % für Altholzinseln und Naturwaldreservate reichen werden, um die xylobionte Diversität zu erhalten.“8

Im Aufsatz Auswahlkriterien für Altholzinseln fassen Lachat, Müller und Bütler am Ende ihre Zweifel in folgende Frage:

„Angesichts dieses relativ großen Anteils der Zerfallsphase […] in Urwäldern und der enormen Wichtigkeit der Vernetzung, scheint es gerechtfertigt, den Mindestflächenanteil von 5 % zu hinterfragen. Reichen 5 % der Waldfläche für den Erhalt der natürlichen Dynamik? Respektive kann man auf 5 % der Fläche die langfristige Erhaltung der alt- und totholzabhängigen Arten gewährleisten?“9

Im Forstbetrieb Ebrach beträgt die Fläche von Altholzinseln und Naturwaldreservaten rund 6 %.10 Mergner wird hoffentlich nicht behaupten, dass das reicht, um die natürliche Dynamik und die Vielfalt von Holzbewohnern langfristig zu erhalten.

Hinzu kommt eine schwerwiegende Forschungslücke:

„[Es] stellt sich zwingend die Frage nach der optimalen Distanz zwischen Altholzinseln respektive zwischen Altholzinseln und Naturwaldreservaten, damit diese eine […] vernetzende Funktion übernehmen können. Da Antworten darauf noch weitgehend fehlen, sind weiterführende Forschungsarbeiten erforderlich.“11

Herzlichen Glückwunsch! Das heißt im Klartext: Wir wissen nicht, wie groß der Abstand der Altholzinseln sein muss, damit die Käfer von Insel zu Insel krabbeln können. Deshalb sind die Vorschläge für den Abstand auch sehr unterschiedlich. Die Schweizer schlagen folgendes vor:

„Ein bis zwei Altholzinseln pro Quadratkilometer dürften aber schon den meisten Arten von Nutzen sein.“12

Man achte genau auf die Wortwahl: „dürften“, „meisten“. Die Forscher tappen im Dunkeln. Der Abstand bei den Schweizern beträgt also 0,5 – 1 km. Dem belgisch-schwedischen Autorenteam Vandekerkhove, Thomaes und Jonsson ist das viel zu wenig. Für ihre, von ihnen selbst so genannte „Faustregel“ verdoppeln sie einfach den Abstand:

„Eine Distanz von 1 – 2 km zwischen den Stilllegungsflächen ist geeignet für die meisten Arten, mag aber für einige problematisch sein.“13

Sollte der Eremit Osmoderma eremita es einmal wagen, seine Mulmhöhle zu verlassen und zur nächsten Altholzinsel zu fliegen, wird er ganz einfach im Meer des Wirtschaftswaldes ertrinken. Er schafft es nur 190 m weit.14

Nach oben
Zurück zur Einleitung
Nächste Seite: Schluss

  1. Wie groß sollen Altholzinseln sein?, S. 53, Hervorhebungen von mir []
  2. Artikel Inselbiogeographie []
  3. ebd., Hervorhebungen von mir []
  4. siehe Waldtrittsteine, S. 19 []
  5. a. a. O., S. 54, Hervorhebung von mir []
  6. ebd., Tabelle 3 []
  7. ebd., Hervorhebung von mir []
  8. ebd., Hervorhebungen von mir []
  9. Auswahlkriterien für Altholzinseln, S. 64, Hervorhebungen von mir []
  10. Protection despite utilization – the biodiversity concept of the Ebrach State Forest Enterprise in the Steigerwald region of Franconia (Bavaria, Germany), in: Daniel Kraus, Frank Krumm (Hg.), Integrative approaches as an opportunity for the conservation of forest biodiversity, European Forest Institute, S. 260 []
  11. Wie groß sollen Altholzinseln sein?, S. 54, Hervorhebungen von mir []
  12. Auswahlkriterien für Altholzinseln, S. 42, Hervorhebungen von mir []
  13. Kris Vandekerkhove, Arno Thomaes and Bengt-Gunnar Jonsson, Connectivity and fragmentation: island biogeography and metapopulation applied to old-growth elements, in: Daniel Kraus und Frank Krumm (Hg.), Integrative approaches as an opportunity for the conservation of forest biodiversity,  S. 110 []
  14. Thomas Ranius, Jonas Hedin, Hermit Beetle in a Fragmented Landscape, in  H. Resit Akcakaya u. a. (Hg.), Species Conservation and Management, H. Resit Akcakaya  Oxford 2004, S. 164 []