Faktencheck: Dogmen der Holzlobby

Einleitung

Im Heft 21 der Zeitung AFZ – Der Wald hat Ulrich Mergner, Leiter des Forstbetriebs Ebrach, 2015 einen Artikel veröffentlicht mit dem Titel „Waldtrittsteine statt Großschutzgebiete“. Viele darin gemachte Behauptungen halten einem Faktencheck nicht stand. Im zweiten Teil meiner Artikelserie überprüfe ich zwei Dogmen der Holzlobby auf ihre Stichhaltigkeit.

Zwei Dogmen der Holzlobby

Mergner schreibt:

„Um sich nicht am Raubbau in anderen Ländern schuldig zu machen, müssten die Holznutzung in Deutschland deutlich gesteigert oder der Holzverbrauch drastisch gesenkt werden. Beides ist unwahrscheinlich.“1

Die Logik dieses Arguments entzieht sich mir: Wenn beides unwahrscheinlich ist, dann wäre der Raubbau in anderen Ländern überhaupt nicht zu stoppen und wir würden uns auf jeden Fall schuldig machen.

Zwar stimme ich Mergner zu, dass die Holznutzung in Deutschland nicht mehr gesteigert werden kann.2 Aber ich verstehe nicht, warum in anderen Ländern offenbar nur Raubbau herrscht und warum der Holzverbrauch nicht gesenkt werden kann. Mergner hält beides für selbstverständlich. Er setzt stillschweigend den Glauben an zwei zentrale Dogmen der Holzlobby voraus:

  1. „In allen Ländern außer Deutschland findet Raubbau statt. Holz darf nicht importiert werden.“ Ich nenne dies das Dogma vom Importverbot.
  2. „Der Holzverbrauch kann nicht gesenkt werden!“ Es besteht ein eiserner Zwang, viel Holz zu verbrauchen. Ich nenne dies das Dogma vom hohen Holzverbrauch.

Aus beiden Dogmen folgt mit unerbittlicher Logik, dass für den Waldschutz in Deutschland keine Flächen zur Verfügung stehen. Im Folgenden setze ich mich mit beiden Dogmen auseinander.

Das Dogma vom Importverbot

Alle Welt redet über Globalisierung. Wir importieren so viel wie niemals zuvor. Der Bildschirm, auf den ich gerade gucke, wurde aus China importiert; die externe Festplatte, auf der ich alle meine Daten sichere, stammt aus Taiwan, mein Scanner kommt aus Vietnam. Ohne Importe wäre unser modernes Leben überhaupt nicht möglich. Nur bei einem Produkt scheint das völlig undenkbar zu sein: Holz. Wenn Peter Wohlleben auf Vorträgen dazu rät, unser gesamtes Fichtenholz aus Skandinavien oder Russland zu importieren, schaut er jedes Mal in verdutzte Gesichter. Aber warum bauen wir in Deutschland die Taiga nach?3 Förster mit Fichtenplantagen argumentieren so wie früher die Bergleute im Ruhrgebiet. Wir dürfen auf unsere heimische Steinkohle nicht verzichten! Sonst gehen die Lichter aus! Und? Sind sie ausgegangen? Möchte irgendjemand zu Hause mit Kohle heizen?

Es gibt bei vielen Förstern eine bizarre Schizophrenie: Wenn Greenpeace Raubbau in rumänischen Urwäldern aufdeckt, stürzen sie sich wie die Hyänen auf diese Meldung: „Seht Ihr, ich habe es doch gesagt! Wir dürfen kein Holz importieren! Die anderen machen nur Raubbau!“ Wenn Greenpeace dagegen Raubbau in deutschen Wäldern anprangert wie z. B. im Spessart, heißt es von denselben Förstern:

„Die Bayerischen Staatsforsten können […] die Kritik von Greenpeace nicht nachvollziehen und weisen die erneuten Vorwürfe als unzutreffend und fachlich nicht haltbar zurück.“4

Bei Förstern der Bayerischen Staatsforsten gibt es noch eine besondere Schizophrenie: Die einzige Möglichkeit, den Raubbau im Ausland wirkungsvoll zu unterbinden, wäre die Kontrolle durch den FSC, für den sich z. B. auch Greenpeace, der BUND und der NABU stark machen. Im Gegensatz zu den Landesforsten von NRW, Rheinland-Pfalz, Schleswig-Holstein, Saarland oder Baden-Württemberg weigern sich aber die Bayerischen Staatsforsten beharrlich, dem FSC beizutreten. Sie sprechen abwertend von „Verbraucher-Bluff“.5 Auch der Forstbetrieb Ebrach ist selbstverständlich nicht FSC-zertifiziert.

Das Dogma vom hohen Holzverbrauch

Bis Anfang der 90er Jahre betrug der Holzeinschlag laut Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft nur ungefähr 30 Mio. m3.6 40 Jahre lang dümpelte er zwischen 25 und 30 Mio. m3 vor sich hin. Heute ist der Einschlag doppelt so groß. Für die Holzlobby gibt es keine Alternative zu diesem hohen Holzverbrauch.7 Aber das stimmt nicht.

Rohholzeinschlagaus: Holzmarktbericht 2014

Zwischen 1950 und 1990 herrschten weder Not noch Elend in Deutschland. Es gab keinen Mangel an Holz. Der Lebensstandard zu Beginn der 90er Jahre war nicht geringer als heute. Niemand müsste Verzicht leisten, wenn der Holzverbrauch wieder auf dieses Niveau gesenkt würde. Und für Laptops, Tabletts und Smartphones braucht man kein Holz.

Ein alter Bekannter von Mergner aus dem Arbeitskreis Wald des BUND vertritt eine ähnliche Auffassung: Lutz Fähser, stellvertretender Vorsitzender des Arbeitskreises und ehemaliger Leiter des Stadtwalds Lübeck, ist auch der Meinung, dass der Holzeinschlag zu hoch ist und gesenkt werden muss (ab Minute 2:10):

Kein Mangel an Waldflächen für den Naturschutz

Wer wie Mergner an Dogmen glaubt, kommt zu seltsamen Schlussfolgerungen:

„Und es kann jetzt schon nüchtern festgestellt werden, dass es Waldflächen für den Naturschutz nicht im Überfluss gibt.“8

Wie nüchtern Mergner bei dieser Feststellung war, sei dahingestellt. Man fühlt sich an Politiker erinnert, die auch immer erzählen, dass kein Geld da sei und dass man sparen müsse. Mergner will neue Nationalparke einsparen:

„So faszinierend Nationalparke sind – sie schlucken große Waldflächen und sind so gesehen große ‚Flächenverbraucher'“9

Mergner stellt den Sachverhalt auf den Kopf: Es sind nicht die Nationalparke, die Wälder verschlucken. Es ist die Holzindustrie. Sie verbraucht 98 % der Fläche.

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  1. S. 21 f. []
  2. siehe Der Wald wird gefegt []
  3. zu diesem Argument Wohllebens siehe Windwurffläche Kyrill []
  4. Greenpeace“-Vorwürfe wieder einmal nicht nachvollziehbar, Pressemitteilung der Bayerischen Staatsforsten vom 4. März 2013 []
  5. Auch ich habe auf Probleme beim FSC hingewiesen: Beschwerde beim FSC über Grün-und-Gruga Essen. Die Probleme bestehen aber bei der Kontrolle und Durchsetzung der Standards. Die Standards selber sind hervorragend. []
  6. Der heftige Ausschlag nach oben 1990 erklärt sich durch die Stürme Vivian und Wiebke. []
  7. siehe TINA-Prinzip []
  8. S. 22 []
  9. ebd. []