Buchempfehlung: Ulrich Mergner – Das Trittsteinkonzept

Die Sackgasse mit den 5 %

Eine zentrale Forderung aller Umweltschutzorganisationen steht im BUND-Waldreport 2016. Sie lautet:

„Als Bestandteil einer modernen, multifunktionalen Forstwirtschaft sind mindestens 10 Prozent der öffentlichen Wälder dauerhaft und rechtlich verbindlich ihrer natürlichen Entwicklung zu überlassen (Naturwälder). Auf der gesamten Waldfläche sollten bis 2020 mindestens 5 Prozent erreicht werden […]“1

Dieses Thema wird in der Waldschutzbewegung auch unter den geheimnisvollen Abkürzungen NBS (= Nationale Strategie zur biologischen Vielfalt) oder NWE (= Natürliche Waldentwicklung oder Wälder mit natürlicher Entwicklung) oder auch NWE5 diskutiert:

 „Nach der NBS sollen Wälder mit natürlicher Entwicklung bis 2020 5 % der gesamten deutschen Waldfläche bzw. 10 % der Waldfläche der öffentlichen Hand des Bundes, der Länder und Kommunen ausmachen.“2

Dabei bedeutet „natürliche Entwicklung“ folgendes:

„Unter Wäldern mit natürlicher Entwicklung werden alle Waldbestände und waldfähigen Flächen mit einer Größe von mehr als 0,3 Hektar verstanden, die sich dauerhaft und verbindlich gesichert eigendynamisch entwickeln können. Sowohl forstwirtschaftliche Eingriffe als auch naturschutzfachliche Pflegemaßnahmen sind auf diesen Flächen ausgeschlossen.“3

Fachleute sprechen anstatt von natürlicher Entwicklung auch von Prozessschutz. Hans Bibelriether prägte dafür das berühmt gewordene Motto: „Natur Natur sein lassen!“4 Die Forderung, 10 % der öffentlichen Wälder zu Prozessschutzflächen zu machen, ist ein klassisches Beispiel für den segregativen Naturschutz: Schutzflächen werden von Nutzflächen getrennt.

Trotz wiederholter Forderungen von BUND, NABU, Greenpeace usw. ist das Ziel von NWE5 in ganz weiter Ferne:

„[F]ür das Jahr 2013 [wurde] eine NWE-Fläche von 213.145 ha bzw. 1,9 % […] bezogen auf die […] Waldfläche ermittelt. Die zukünftige Entwicklung bis 2020 lässt einen NWE-Anteil von 2,3 % und für die Zeit unmittelbar danach von 3 % erwarten.“5

Ob 1,9 oder 2,3 oder 3 % – ich halte NWE5 ähnlich wie Mergner für eine Sackgasse. Denn: Was passiert eigentlich mit den übrigen 95 %? Ich gebe Mergner recht:

„Für das Überleben der Waldartenvielfalt sind einige wenige Reservate keine Lösung. Egal, wie groß diese sind.“6

Das wissen natürlich auch viele Waldschützer. Deshalb verfolgen sie eine Doppelstrategie: Sie engagieren sich nicht nur für einen Nationalpark Steigerwald oder Spessart oder Ammergebirge. Sondern sie setzen sich auch ein für den Schutz der Waldarten in den Wirtschaftswäldern vor Ort. Letzteres ist ein Beispiel für integrativen Naturschutz: Naturschutz und Nutzung sollen gleichzeitig auf derselben Fläche stattfinden. Wenn die Waldschützer das fordern, tauchen aber sofort zwei große Probleme auf:

  • Problem 1: Unklare Forderungen der Waldschützer
    Die Waldschützer haben große Probleme damit zu beschreiben, was die Förster eigentlich machen sollen. Beim segregativen Prozessschutz ist die Sache einfach: Da soll der Förster gar nichts mehr machen! Basta! Aber wie soll er Holz ernten und gleichzeitig die Natur schützen? Wie geht das? Keine Bäume fällen? Geht nicht! Keine Kahlschläge? Gut! Kein Einsatz von Giften! Gut! Aber was sonst?
  • Problem 2: Fragwürdige Forderungen der Waldschützer
    Wenn die Waldschützer sich dann mal auf eine Forderung geeinigt haben, dann hört diese sich oft erst einmal gut an, ist aber in Wirklichkeit hochproblematisch.

Auf den nächsten zwei Seiten werde ich beide Probleme ausführlich diskutieren. Und ich werde zeigen, dass das Buch von Mergner sehr wertvolle Hilfen geben kann.

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  1. S. 56, Hervorhebungen von F.-J. A. []
  2. siehe NWE5-NI Info-Portal und Nationale Strategie zur biologischen Vielfalt, S. 31, Hervorhebungen von F.-J. A. []
  3. siehe NWE5-NI Info-Portal, Hervorhebungen von F.-J. A. []
  4. siehe auch Das Fichtensterben am Lusen []
  5. Wald mit natürlicher Entwicklung – ist das 5-%-Ziel erreicht? AFZ-DerWald 9/2016 []
  6. S. 11 []