Buchempfehlung: Ulrich Mergner – Das Trittsteinkonzept

Mein Sinneswandel

Mein Sinneswandel beginnt streng genommen schon im Dezember 2015. Da schrieb ich den Artikel Faktencheck: Jörg Müller und versuchte nachzuweisen, dass Mergner aus einem SPIEGEL-Artikel mit Jörg Müller falsch zitiert. Ich glaubte den Artikel so verstanden zu haben, dass Müller ein Gegner des Trittsteinkonzepts sei. Daraufhin nahm Müller per E-Mail Kontakt mit mir auf und wir telefonierten lange miteinander. Nein, so einfach könne man es sich nicht machen: ein Gegner des Trittsteinkonzepts sei er nicht. Überhaupt empfehle er mir, doch einmal Kontakt mit Mergner aufzunehmen und mit ihm persönlich zu sprechen. Mergner sei auf jeden Fall dazu bereit. Wer nicht bereit war, war ich. Für mich war Mergner damals der Teufel in Menschengestalt.

Manchmal braucht es einschneidende Erlebnisse, dass Menschen ihre vorgefasste Meinung ändern. Bei mir war es der Unfall im August 2016.

Im März 2018 hatte ich eine Frage an Jörg Müller und wir tauschten einige E-Mails aus. Wieder kam das Gespräch auf Ulrich Mergner. Und diesmal wollte ich das Treffen. Müller vermittelte den Kontakt zwischen uns.

Schon dass Mergner sich überhaupt mit mir trifft, ist alles andere als selbstverständlich. Als ich Revierleiter Andreas Büscher Fragen zu einem Wald in meiner Nähe stelle, antwortet dieser nicht und auch nicht der zuständige Forstbetriebsleiter. Sie benehmen sich so, als sei vom Landesbetrieb Wald-und-Holz-NRW ein Kontaktverbot verhängt worden1 Die Kommunikation erfolgt ausschließlich über den stellvertretenden Leiter des Landesbetriebs und auch das nur schriftlich.

Mergner trifft sich mit mir an zwei Tagen im Oktober. Beim ersten Treffen führt er mich mehrere Stunden durch den Wald um Fabrikschleichach, beim zweiten Treffen durch das Naturwaldreservat Waldhaus.

Ausführlich erklärt er mir, wie er die Wälder bewirtschaftet. Geduldig beantwortet er Fragen. Im Mittelpunkt seiner Erklärungen steht das Trittsteinkonzept – das Konzept also, das ich in Bausch und Bogen auf meiner Webseite verrissen hatte: Kritik am Trittsteinkonzept Ulrich Mergners. Er ist so entspannt und so freundlich, dass ich völlig verwirrt bin. Nach dem ersten Treffen bin ich sogar davon überzeugt, dass er meine Webseite gar nicht kennt. Die Szene ist für mich geradezu unwirklich: Nach dem Waldbegang sitzen wir zusammen mit unseren Frauen im Café Ton und essen Pflaumenkuchen. Da sitze ich also gemütlich mit dem Mann zusammen, der für mich monatelang Public Enemy No. 1 war.

Ich hatte schon zuvor sehr kompetente Förster kennengelernt, die sich für den Waldnaturschutz einsetzen: Lutz Fähser hatte ich bei seinem Besuch des Essener Stadtwalds getroffen. Knut Sturm hatte mich durch den Lübecker Stadtwald geführt. Martin Levin hatte mir den Göttinger Stadtwald gezeigt. Aller drei hatten sie mir das Lübecker Modell der Naturnahen Waldnutzung erklärt. Auch an einer Exkursion mit Peter Wohlleben durch sein Revier in Hümmel hatte ich teilgenommen. Und ich hatte Mergners Vorgänger Georg Sperber erlebt, wie er mir seinen Steigerwald zeigte. Aber entgegen meiner Vorurteile war die Führung mit Mergner nicht anders: Hier spulte kein Forstbetriebsleiter sein Standardprogramm für Besucher herunter. Hier sprach kein Holzmacher, der verliebt in Kettensäge und Harvester ist. Und hier leierte auch kein abgezockter PR-Profi seine Worthülsen zum Naturschutz herunter. Nein: Mergner war so wie Sturm, wie Levin, wie Wohlleben und wie Sperber: Alle waren sie mit Herzblut bei ein und derselben Sache: Wie schützt man die Vielfalt der Waldarten? Und zwar nicht in Nationalparks oder Naturwaldreservaten, sondern auf ganzer Fläche in den Wirtschaftswäldern.

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  1. siehe Fassadennaturschutz in Porta Westfalica []