Waldbauprofessor Jürgen Bauhus ringelt Fichten

Kritik des Fernsehbeitrags

Wäre er nicht am 11. Januar ausgestrahlt worden, der Fernsehbeitrag hätte mit einem Aprilscherz verwechselt werden können: Aussagen sind fehlerhaft, Handlungen unverständlich, Details absurd. Ich konzentriere mich auf zwei Hauptkritikpunkte:

  • Ringeln von Fichten
  • Pseudowissenschaftliches Getue

Ringeln von Fichten

Fichten zu ringeln ist so sinnvoll wie das Wattenmeer zu bewässern. In einem Fichtenforst Totholz zu „kreieren“ ist absurd. Es entsteht von ganz alleine. Man muss dafür auch nicht „Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte“ warten, sondern nur bis zum nächsten Sturm oder heißen Sommer. Der Borkenkäfer erledigt den Rest. Wenn es überhaupt einen Wirtschaftswald gibt, dem man nicht „gezielt auf die Sprünge helfen“ muss, dann ist es der Fichtenforst. Der zerfällt von ganz alleine. Es ist völlig überflüssig, „diese Entwicklung … künstlich zu beschleunigen.“ Im Nationalpark Bayerischer Wald hat es gerade einmal 13 Jahre gedauert, bis sich mehrere 1.000 ha Forst gegen den erbitterten Protest der Anwohner in Wildnis verwandelten.1

Jeder Fichtenforst ist eine „forstliche Intensivstation“. (Knut Sturm, siehe Zoff im deutschen Forst) Das weiß jeder Student der Forstwissenschaft im ersten Semester. Auch das Filmteam hätte es wissen müssen; auf dem Weg zum Drehort war es sicherlich am Lothar- oder am Wildnispfad vorbeigefahren.2

Pseudowissenschaftliches Getue

Laut Hintergrundsprecher macht Bauhaus in dem Film folgendes: er „vermisst [..] alte naturbelassene Waldstücke wie dieses. Wie viel Totholz gibt es hier?“ Der verblüffte Zuschauer lernt, wie Spitzenforschung funktioniert: Bauhus misst mit einer funkelnagelneuen Messkluppe den Durchmesser eines toten Fichtenstamm: 55 cm.

Dann muss der Assistent in einer halsbrecherischen Aktion zwischen all den toten Fichtenästen mit dem Maßband auf den Stamm klettern und über ihn balancieren, um dessen Länge zu bestimmen: 12,8 m.

Die Assistentin steht derweil daneben und notiert alles in einer Tabelle auf einem DIN-A4-Zettel:

1.Fichte0,5413,8
2.Fichte0,5512,8

So also bestimmen Profis die Totholzmenge.

Dann klärt der Vorzeige-Waldbauprofessor die Frage: „Welche Bäume wachsen nach?“ Dazu benötigt Bauhus offenbar zwei rot-weiß gestreifte Stangen und ein Maßband.

Er schickt seinen Assistenten mitten hinein in junges Fichtengestrüpp. Dort geistert dieser mit Stange und Maßband in der Hand herum und ruft: „Noch zwei Fichten! Noch zwei Fichten! Buche!“

Die Assistentin legt mit diesen bedeutsamen und wichtigen Informationen eine Strichliste an. So also geht Grundlagenforschung!

Am Ende ist das Geheimnis gelüftet: „Was passiert, wenn der Mensch nicht eingreift?“ Antwort: 4 Fichten und 1 Buche wachsen nach. Das ganze Gehampel erinnert nicht nur an einen Monty-Python-Sketch. Es ist absolut überflüssig. Studien über Fichtenforste, in die der Mensch nicht mehr eingreift, füllen ganze Bibliotheken. Allein über den benachbarten Wildsee, der schon vor über 100 Jahren als Bannwald ausgewiesen wurde, dürfte es Dutzende forstwissenschaftliche Studien geben. Und in Baden-Württemberg gibt es 127 Bannwälder.

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  1. siehe Das Fichtensterben am Lusen []
  2. siehe auch Der Wildnispfad des Forstamts Baden-Baden []