Waldbauprofessor Jürgen Bauhus ringelt Fichten

Transkript des Fernsehbeitrags

Für die Redaktion und Leitung der Sendung ist Armin Olbrich verantwortlich. Im Folgenden gehe ich davon aus, dass er für den Text des Hintergrundsprechers verantwortlich ist.

[Hintergrundsprecher:]
„Nordschwarzwald. Seit Anfang 2014 gibt es auch hier einen Nationalpark – den ersten in Baden-Württemberg. Der beste und strengste Schutz gilt nun für diesen Wald. Dabei sieht er gar nicht alt und einzigartig aus.“

[Bauhus:]
„Er besteht aus Baumarten, die – jedenfalls in dieser Häufigkeit – hier nicht natürlich sind. Es wäre hier normalerweise Bergmischwald, von Buchen und Tannen dominiert, in dem die Fichte vielleicht eine kleine Rolle spielt, aber sie würde diese Bestände nicht dominieren. Es gibt sehr wenig Struktur hier, wenig Totholz usw.. Also – der Bestand alleine an sich, den jetzt unter Naturschutz zu stellen, macht relativ wenig Sinn.“

[Hintergrundsprecher:]
„Jürgen Bauhus ist trotzdem froh über den Nationalpark Nordschwarzwald. Denn zwischen den öden Fichtenwäldern gibt es kleine Flächen mit alten Bäumen, totem Holz und Borkenkäferbefall, Überlebensinseln für viele Urwaldarten, die sich von dort allmählich wieder ausbreiten könnten – genau wie im Bayerischen Wald. So könnte sich auch im Nordschwarzwald eine großflächigere Wildnis entwickeln. Im Auftrag der Bundesregierung haben Jürgen Bauhus und seine Kollegen untersucht, wie viele Wälder in Deutschland überhaupt in Frage kommen, um zur Wildnis zu werden. Dafür haben sie alle Waldgebiete gezählt, die vom Menschen nicht genutzt werden und dauerhaft geschützt werden könnten.“

[Bauhus:]
„Das Ziel war, dass 5 % bis 2020 erreicht werden sollten. Das sieht nicht so aus, als wenn wir es bis dahin erreichen. Nach unseren Erhebungen werden es bis 2020 wohl 2,3 % sein. Aber 2020 ist man von diesen 5 % noch deutlich entfernt.“

[Hintergrundsprecher:]
„Doch der Forstwissenschaftler hält das Erreichen dieses Ziels auch gar nicht für so wichtig. Viel wichtiger ist es, besonders alte und seltene Wälder unter Schutz zu stellen – egal, wie groß oder klein sie sind. Gleichzeitig beobachtet und vermisst er alte naturbelassene Waldstücke wie dieses. Wie viel Totholz gibt es hier? Welche Bäume wachsen nach? Was passiert, wenn der Mensch nicht eingreift? Mit diesem Wissen will er ehemaligen Wirtschaftswäldern gezielt auf die Sprünge helfen. Denn Jürgen Bauhus möchte lieber aktiv eingreifen, als Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte warten zu müssen, bis der Wald von selbst zum Urwald wird.“

[Bauhus:]
„Was wir hier vorhaben, ist quasi diese Entwicklung hin zu diesen Alters- und Zerfallsphasen künstlich zu beschleunigen, indem wir tatsächlich Totholz kreieren, einige Bäume zum Abstürzen bringen, kleine Lücken schaffen, also Strukturen, die charakteristisch sind für solche alten Wälder. Das wäre für Schutzgebiete in Deutschland auch ein Novum. Solche Experimente sind hier noch nicht gemacht worden. Und deswegen wollen wir das hier probieren.“

[Hintergrundsprecher:]
„Bei seiner Methode kommt auch die Motorsäge wieder zum Einsatz – doch nicht zum Fällen. Die Fichte wird nur geringelt, also teilweise entrindet. Dadurch stirbt der Baum, doch er bleibt weiter stehen. So entsteht künstlich das für die Artenvielfalt so wichtige stehende Totholz. Gleichzeitig bekommen andere Baumarten bessere Überlebenschancen. Gezielte Eingriffe, statt Natur Natur sein lassen. Kommen wir so schneller zu mehr Wildnis? Die Forschung dazu steht erst am Anfang.“

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