Meinungsmache nach dem Sturmwurf am Huzenbacher See

„Bei Sturmschäden hat der Mensch durch seine Veränderungen an der Waldstruktur mehr Schuld als das Wetter selbst.“
Jörg Müller1

Meinungsmache mit dem Zeitungsartikel „Mit Seilkränen am Steilhang“

Am 13. September 2012 erscheint im Schwarzwälder Boten der Artikel „Mit Seilkränen am Steilhang“.2 Autorin ist eine Melanie Hilbert. Ich möchte wissen, wie dieser Artikel damals entstanden ist. Deswegen rufe ich Frau Helga Michel an.3 Sie ist beim Schwarzwälder Boten zuständig für Baiersbronn. Hilbert sei Praktikantin gewesen. Es habe damals eine Presseeinladung durch das Forstamt gegeben. An mehr könne sie sich aber verständlicherweise nicht erinnern. Schließlich ist die ganze Sache ja fast vier Jahr her. Sie weiß nicht, was aus Frau Hilbert geworden ist.

Es ist also sehr gut möglich, dass der Zeitungsartikel nichts anderes ist als eine Pressemitteilung des Kreisforstamts Freudenstadt. Es fällt auf, dass außer Harald Langeneck niemand sonst zu Worte kommt. Kritische Fragen werden nicht gestellt. Andere Informationsquellen außer dem Forstamt werden nicht benutzt. Zwischen Journalistin und Interviewpartner gibt es keine Distanz. Hilbert zitiert nicht und sie benutzt nicht die indirekte Rede und den Konjunktiv. Hilbert schreibt nicht „Herr Langeneck meint, dass das Kreisforstamt grundsätzlich mit Bedacht an das Großprojekt herangegangen sei.“, sondern „Grundsätzlich ging das Kreisforstamt mit Bedacht an das Großprojekt heran.“ Sie tut so, als würde sie über eine objektive Tatsache berichten.

Großprojekt mit Bedacht

Im Grunde ist also nicht Hilbert die Verfasserin, sondern Herr Langeneck. Dieser scheint sich penibel an die Anleitung für die Erstellung einer Pressemitteilung zu halten. Und das Wichtigste an einem Zeitungsartikel nach einem Sturmwurf ist es, dass auf gar keinen Fall Themen angesprochen werden, die die Förster in einem ungünstigen Licht erscheinen lassen könnten. Beispielsweise darf nicht die Frage aufkommen, warum die Förster so dumm sind und Fichtenplantagen anpflanzen, die vom erstbesten Sturm umgeworfen werden. Ursachenforschung ist nicht erlaubt. Im Leitfaden für die Erstellung einer Pressemitteilung lesen wir:

„Besonderer Bedeutung kommt der Wahl der Themen zu. Unbedachte Worte z. B. bezüglich der Holzpreisentwicklung (‚Holzmarkt zusammengebrochen‘) vereinfachen die Gespräche mit den Holzkäufern nicht und das Überlassen der Schadenbewertung an andere Interessengruppen (‚Endlich eine Chance für den Mischwald‘ oder ‚die Schäden sind hausgemacht‘) untergräbt die Position und Kompetenz der Forstseite.“

Ein Förster darf sich nicht entschuldigen, stattdessen informiert er sachlich über die Aufräumarbeiten.

„Nicht entschuldigen, sondern ankündigen, aussagen, informieren“4

Unbedingt müssen die Erfolge der Förster in den Mittelpunkt der Berichterstattung rücken. Der Leser muss den Eindruck gewinnen, dass die Förster Fachleute sind, die alles im Griff haben.

„‚Bertold Hölzle und Armin Wagner sind Profis‘, erläutert Revierleiter Heinz Baumstark.“5

Professionelle Arbeit

In Krisen wie z. B. nach Sturmwürfen müssen Förster aktiv an die Öffentlichkeit treten und die Themen, über die die Zeitungen berichten, selbst bestimmen. Susanne Kaulfuß schreibt dazu auf „waldwissen.net – Informationen für die Forstpraxis“:

„Mittels einer offensiven und aktiven Berichterstattung gestalten und steuern wir den Informations- und Meinungsbildungsprozess selbst. Das Vertrauen und die Glaubwürdigkeit werden durch die richtigen Maßnahmen erhalten und gestärkt. Bei passivem und defensivem Verhalten oder gar fehlender Berichterstattung, liefern ‚Dritte‘ entsprechende Informationen und Meinungen werden durch andere gebildet. Diese passive Haltung führt zum Zugzwang, Informationen richtig zu stellen oder sich zu rechtfertigen anstatt selbst den Ton anzugeben.“

Alle Themen, über die Langeneck schreibt, werden ausdrücklich für Pressemitteilungen empfohlen: „Stand der Aufarbeitung“, „Leistungen der Waldarbeiter“ und vor allem der „Einsatz großer Maschinen“.6 Dabei beherzigt Langeneck auch zahlreiche der Regeln zum Schreibstil:7 So fallen beispielsweise die vielen kurzen Sätze auf. Über Seilkräne werden keine Vorkenntnisse vorausgesetzt: Deren Arbeitsweise wird für Laien verständlich erklärt. Die verwendete Sprache ist einfach; Fremd- und Fachwörter verwendet Langeneck fast nicht. Der Leser soll den Eindruck gewinnen, dass er sachlich und nüchtern informiert wird. Er soll nicht merken, dass er manipuliert wird: Schließlich stimmt ja alles, was Langeneck über Seilkräne schreibt. Die Manipulation liegt in der Themensetzung.

Diese Strategie der Meinungsmache möge ein Beispiel verdeutlichen: Man stelle sich den Besitzer eines Schrebergartens vor, der jedes Jahr Tomaten anpflanzt. Er nimmt immer dieselbe Sorte, weil sie angeblich so ertragreich und schnellwüchsig ist. Leider wird sie aber stets kurz vor der Ernte von der Braunfäule befallen.Tomaten erntet der Mann nie. Beim Stammtisch aber schwingt der Vollpfosten große Reden und hält sich für einen begnadeten Gemüsegärtner. Lang und breit erklärt er seinen verdutzten Zuhörern die Funktionsweise seines neuen Häckslers, mit dem er die faulen Tomatenpflanzen schreddert.

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  1. zit. n. Daniel Lingenhöhl, Aus dem Chaos wächst ein Baum, in: Spektrum der Wissenschaften, 12.1.2012 []
  2. siehe zu diesem Artikel auch Verantwortlicher Nummer 1: Harald Langeneck []
  3. Das Telefonat fand am 21. April 2016 statt. []
  4. Pressemitteilung, S. 3 []
  5. Beispiel für eine fiktive Pressemitteilung, Pressemitteilung, S. 5 []
  6. siehe Erstellung einer Pressemitteilung, S. 1 []
  7. siehe Erstellung einer Pressemitteilung, S. 4 []