Verkehrssicherung im Nationalpark Jasmund

Zwei Unfälle durch umstürzende Bäume

Im Februar 2019 führte ich ein langes und sehr informatives Telefonat mit Dr. Ingolf Stodian, Dezernatsleiter im NLP Jasmund. Es ging um die Verkehrssicherung im NLP, die in aktuellen Presseberichten teilweise sehr kritisch dargestellt worden war. Dr. Stodian antwortete sehr freundlich auf alle meine Fragen und erklärte mir folgendes:

Vor drei Jahren gab es kurz hintereinander zwei folgenschwere Unfälle: Ein erster Unfall ereignete sich, als in Sassnitz im Süden des NLP eine Buche in eine Garage krachte. Dieser Unfall ereignete sich nicht bei einem Sturm, sondern bei Windstille und schönstem Frühsommerwetter. In der gleichen Woche passierte ein zweiter Unfall: Auf einem Radweg im Darßwald des NLP Vorpommersche Boddenlandschaft hätte eine Buche beinahe einen kleinen Jungen erschlagen. Die Ostsee-Zeitung veröffentlichte am 10. Mai 2016 einen großen halbseitigen Bericht auf der ersten Seite des Lokalteils von Ribnitz-Damgarten: Das war knapp: Junge rettet sich vor umstürzendem Baum.

„Ein zehnjähriger Junge ist am Sonnabend im Darßwald offenbar nur knapp einem schrecklichen Unfall entgangen. Nur dank des Rufes seines Vaters konnte sich das Kind vor einem umstürzenden Baum retten. Im letzten Moment sprang der Junge zu Seite. Sein Fahrrad, mit dem er zu diesem Zeitpunkt unterwegs war, wurde von dem Baum begraben. […] ‚Wenn der ihn erwischt hätte, wäre er tot gewesen‘, sagt Diethart Kröpelin, seit elf Jahren Fahrradverleiher in Wieck.“1

Mit der Auskunft des NLP-Leiters Gernot Haffner, dass im Wald nur eine „eingeschränkte Verkehrssicherungspflicht“ gelten und „keine Verletzung der Sorgfaltspflicht“ vorliegen würde, gab sich der Vater des Jungen nicht zufrieden. Er wandte sich an den für den NLP zuständigen Umweltminister.

Der Besuch der Ministerialbeamten

Daraufhin gab es eine Prüfung zur Verkehrssicherung seitens des Ministeriums für Landwirtschaft und Umwelt in Mecklenburg-Vorpommern. Zuständig für den NLP Jasmund ist das Referat 270 der Abteilung 2 des Ministeriums. Im Referat 270 arbeitet als Referent Herr Olaf Dieckmann. Abteilungsleiter ist Herr Hans-Joachim Schreiber. Dieckmann und Schreiber kamen, um zu prüfen, wie das NLP-Amt mit der Verkehrssicherung umginge. Zusätzlich stellten Juristen aus dem Rechtsreferat2 klar, wie die grundsätzliche Rechtslage bei Verkehrssicherung in Schutzgebieten ist. Sie machten unmissverständlich deutlich, was rechtlich geboten sei, damit das Land nicht im Schadensfall haftbar gemacht wird.

Das NLP-Amt vertrat damals noch den Standpunkt, der NLP könne die Verkehrssicherung doch etwas gelassener sehen. Zwar hatte es im April 2016 über 150 Bäume an der Landstraße gefällt. Damals aber hatte Stodian gegenüber der Ostsee-Zeitung gesagt:

„Ein Holzeinschlag in dieser Größenordnung werde in absehbarer Zukunft nicht mehr nötig sein […]“3

Daraufhin wurde das Amt belehrt, dass es unabhängig vom Status eines Schutzgebietes die Verkehrssicherung vollumfänglich durchzuführen habe. Die Juristen erklärten, dass in den Kontaktbereichen zur Zivilisation von Bäumen keine Gefahr für den Menschen ausgehen darf. An Straßen und am Stadtrand hat die Schadensabwehr Vorrang vor dem Ziel des NLP, Natur Natur sein zu lassen.4 Die Ministerialbeamten machten eine ausführliche Begehung der Stadtränder und der Straßen. Sie schlugen die Hände über dem Kopf zusammen, als sie den Zustand der Bäume insbesondere an der Stadtgrenze zu Sassnitz und auch an der L 303 sahen.

Die Buche als Flachwurzler

Die Beamten waren keine Laien, sondern mit dem Forst vertraute Kollegen, die sich mit Bäumen gut auskannten. Sie achteten auf jede Kleinigkeit, die ein Nicht-Förster gar nicht sieht, wie z. B. den Reisiganteil oben in der Krone oder kleinste Verfärbungen unten am Stamm. Das Problem war und ist, dass die Bäume an der Stadtkante zwar schön anzusehende Baumriesen sind. Diese sind aber mittlerweile so alt, dass sie entweder schon in der Zerfallsphase sind oder jetzt gerade hineinkommen. Und dadurch, dass sie direkt an der Kante zur Stadt stehen, haben sie auf der einen Seite den Schatten des Waldes und auf der anderen Seite das Licht der Stadt. Ähnlich ist es bei den Lichtschneisen der Straßen: zur Straße hin Licht, zum Wald hin Schatten. Also wachsen die Bäume schräg zum Licht. Das ist nicht gut für ihre Standfestigkeit. Und die Häuser sind zum Teil nur 6 – 8 m von diesen Bäumen entfernt. Erschwerend hinzu kommt, dass in Jasmund die Bodenschicht im Schnitt nur 30 cm dick und darunter Kreide ist.

© Ingolf Stodian

Das führt dazu, dass die Buchen im NLP Flachwurzler sind. Sie sind also so standunsicher wie normalerweise sonst nur Fichten.

© Ingolf Stodian

Und in der Kreide versickert kein Wasser. Bei Starkregen sickert das Regenwasser nur 30 cm tief und kann dann nicht weiter versickern. Die Bäume stehen dann also in einer Schlammschicht und es reicht nur ein bisschen Wind, dass sie umkippen.

Hinzu kommt, dass die Kreideplatten durch die Eiszeit zusammengeschoben und in Falten gelegt wurden, sodass die Landschaft sehr hügelig ist. Der ganze NLP ist ein Auf und Ab, eine Falte folgt auf die nächste, es geht immer hoch und runter. Manchmal haben diese Hänge nur 5, 6 oder 7 % Steigung, es gibt aber auch Hänge, die haben 30 %. An der Stadtkante gibt es auch 45°-Hänge, also 100 % Steigung. Ungefähr die Hälfte der Buchen steht auf schrägen Hängen. Dadurch wachsen sie leicht schräg.

© Ingolf Stodian

Wenn man dann noch berücksichtigt, dass die Buchen bis zu 40 m hoch und Flachwurzler sind und dass unter der Bodenschicht die wasserstauende Kreide ist, versteht man, dass diese Buchen nach langen Regenschauern einfach am Hang abrutschen können. Das folgende Foto zeigt eine solche Buche, die an einem sehr steilen Hang weggerutscht ist. An dieser Stelle hat sich in den letzten 10.000 Jahren ein Bach rd. 8 m in die Kreide eingefressen:

© Ingolf Stodian

So war es kein Wunder, dass der Baum damals auf die Garage gekippt ist. Es war feucht in den Wochen vorher und der Baum war mit seinem gesamten Wurzelteller einfach so weggerutscht.

Nach oben
Zurück zur Einleitung
Nächste Seite: 20.000 Festmeter

  1. Hervorhebungen von F.-J. A. []
  2. siehe Organigramm des Ministeriums – Abteilung 2 – Referat 200: Rechtsangelegenheiten der Abteilung, Gesetzgebung []
  3. Hunderte Bäume in der Stubnitz gefällt, Ostsee-Zeitung vom 1. April 2016. Der Artikel ist kein Aprilscherz. Der Leiter der Lokalredaktion Herr Jens-Uwe Berndt versichert mir am Telefon: „Über das Thema würden wir nie einen Aprilscherz machen.“ []
  4. Das gilt ausdrücklich nicht für Wanderwege im Wald. Die Oberverwaltungsgerichte haben entschieden, dass Wanderer im Wald damit rechnen müssen, dass ihnen gegebenenfalls ein toter Baum auf den Kopf fällt. An Wanderwegen werden im NLP nur die ganz akuten Gefahrenbäume gefällt: Wenn ein abgestorbener Baum sich über einen Wanderweg beugt, wird er gefällt. []