Vom Versagen der Jagd im Nationalpark Harz

Nationalparkleiter Pusch zur Jagd

Auf der offiziellen Homepage des Nationalparks Harz ist das Problem des extremenen Verbissdruckes nicht existent. Man findet dort geführte Wildtierbeobachtungen zum „König des Waldes„, „Wanderungen zur Hirschbrunft“ und den „Pirschgang zum Rotwild„. Informationen darüber, dass eben dieser Rothirsch den Wald kurz und klein beißt, findet man nicht. Dabei hat sich Nationalparkleiter Pusch ausführlich zu diesem Thema geäußert. Auf der Fachtagung „Wildbestandsregulierung in den deutschen Nationalparken“ in Bad Wildungen vom 29. und 30. März 2013 hat er einen Vortrag zum Thema „Wildbestandsregulierung als notwendige Unterstützung der Waldentwicklung – eine Daueraufgabe?“ gehalten. Den Tagungsband mit Puschs Vortrag kann man zwar nicht auf der Nationalpark-Homepage finden, wohl aber im Internet, ebenso wie Puschs Powerpoint-Präsentation.

Unnatürlich hohe Rothirschbestände

Puschs Absicht ist es, den Abschuss von Rothirschen und Rehen vor Jagdgegnern zu rechtfertigen. Unter den Jagdgegnern tummeln sich leider zahlreiche verwirrte Geister, die Anhänger der esoterischen Megaherbivorenhypothese sind. Ein bizarres Beispiel ist Mark Harthun vom NABU, der auf der Tagung über „unnatürlich geringe Wildtierdichten“ (Tagungsband, S. 22) schwadronieren durfte und davon, dass von Rothirschen geschaffene Fingerhutsteppen (siehe Foto in der Powerpoint-Präsentation auf S. 24) wertvolle Habitate für Gartenrotschwanz und Schmetterlinge seien.

Gegenüber solchen Rothirschfreunden betont Pusch völlig zurecht, dass die überhöhten Rothirschbestände im Nationalpark Harz gerade nicht natürlich sind. Dafür führt er drei Gründe an:

  1. Das Nahrungsangebot im Harz ist zu hoch (Wiesen, Sturmwurf- und Borkenkäferflächen im Nationalpark, Landwirtschaft in der Nachbarschaft, Stickstoffreichtum, Winterfütterung).
  2. Die Rothirsche ziehen sich in die störungsarmen Ruhezonen des Nationalparks zurück.
  3. Es gibt keine Wölfe oder Bären im Harz.

Pusch lässt unter den Tisch fallen, dass er selbst mit Großkahlschlägen zur Borkenkäferbekämpfung das Nahrungsangebot nur noch vergrößert hat. Und dass die Rothirsche in winterlichen „Notzeiten“ auch im Nationalpark gefüttert werden (siehe Powerpoint-Präsentation, S. 22), ist ein deprimierendes Beispiel für den Macht der Jagdlobby in Niedersachen und Sachsen-Anhalt: Winterfütterung in Notzeiten ist dort gesetzliche Pflicht, in Rheinland-Pfalz und bald auch in Baden-Würtemberg ist sie verboten (siehe Ralph Müller-Schallenberg: Von Gebot bis Verbot, Wild und Hund 24, 2005). Puschs Gründe haben viele Gemeinsamkeiten mit dem Jägerlatein, das ich weiter unten ausführlich kritisiere: Ursachen für das Versagen der Jagd.

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Fehlgeschlagene Wildbestandsregulierung

Die Jagd im Nationalpark wird ihrem eigenen Anspruch nicht gerecht: Sie reguliert die Wildbestände nicht. Abbildung 1 zeigt, dass die Rotwildstrecken im niedersächsischen Teil des Nationalparks seit Jahren stetig ansteigen:

Rotwildstrecke Abbildung 1: Rotwildstrecke im niedersächsischen Teil des Nationalparks Harz (Zahlen aus Pusch, Powerpoint-Präsentation, S. 34)

Dieser Anstieg führt aber nicht zu einer Bestandsreduktion. Im Gegenteil: Wie man am Verbiss sehen kann, steigt die Rotwildstrecke parallel zu den Beständen an. Die Jagd erreicht ihr selbst gestecktes Ziel nicht. Abbildung 2 zeigt den ansteigenden Verbiss an Buchen:

BucheAbbildung 2: Verbiss bei 21-100 cm hohen Buchen (Zahlen aus Pusch, Powerpoint-Präsentation, S. 35)

Noch viel schlimmer ist die Verbissbelastung bei den anderen Laubbäumen, wie Abbildung 3 demonstriert:

Laubbaeume VerbissAbbildung 3: Verbissdruck auf Laubbäumen (Zahlen aus Pusch, Powerpoint-Präsentation, S. 36)

Abgebissene Leittriebe führen natürlich zu vermindertem Höhenwachstum. Solange die Bäumchen nicht höher als 150 cm sind, werden sie immer wieder verbissen: ein Teufelskreis. Am Ende entstehen entweder Bonsai-Bäumchen oder die Bäume sterben ganz ab.

Pusch sieht das Problem nicht: Eine Wildbestandsregulierung, die nichts reguliert, ist überflüssig. Die Jagd als „Daueraufgabe“ ist Selbstzweck.

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