Vom Versagen der Jagd im Nationalpark Harz

Die Jagd im Spiegel offizieller Dokumente der Nationalparkforstamts

Einmal im Jahr veröffentlicht die Nationalparkverwaltung ihren sogenannten „Tätigkeitsbericht“. Die Kapitel zum Thema „Wildtiermanagement“ zeigen, dass man das Problem über Jahre vernachlässigt und verharmlost hat.

Die Seite ist gegliedert in folgenden Abschnitte:

Die Tätigkeitsberichte 2006/7 – 2011
Die ersten fünf Tätigkeitsberichte nach Vereinigung des niedersächsischen mit dem sachsen-anhaltinischen Nationalparkteil erwähnen Rothirsch, Reh und Wildverbiss mit keinem einzigen Wort (Download unter Tätigkeitsberichte). Das Kapitel „Wildtiermanagement“ wird mit Click-und-Copy von einem Bericht in den nächsten übernommen. Es stimmt in allen fünf Berichten wortwörtlich überein und enthält nur allgemeine Floskeln wie „Es zählt zu den guten Grundsätzen des Nationalparks, auch im Rahmen der Wildbestandsregulation eine vertrauensvolle Zusammenarbeit mit den Nachbarn und der Jägerschaft zu pflegen.“ Die vier Leistungsberichte von 2008 – 2011 wiederholen stereotyp, dass der Wildbestand „in den vergangenen Jahren leicht angewachsen“ (Hervorhebung von mir) sei. Nur in den Jahren 2008 – 2010 enthalten die Berichte detaillierte Zahlen zu den Jagdstrecken (siehe Tabelle 2).

Der Nationalparkplan von 2011
Die Situationsanalyse des ersten gemeinsamen Nationalparkplans liefert erschreckende Details, von denen in den Tätigkeitsberichten nie die Rede war:

  • „Insbesondere der Bergahorn ist einem starken Wildverbiss ausgesetzt. Gegenwärtig ist der Bestand von Bergahorn noch so gering, dass bei vorhandener Wilddichte eine natürliche Ausweitung zumeist unmöglich ist.“ (S. 27)
  • „Die natürliche Verbreitung der Eiche ist aufgrund des hohen Wildverbisses praktisch unterbunden.“ (S. 28)
  • „Auch das weitgehende Fehlen junger Ebereschen (Wildverbiss) setzt die Vitatlität der Bestände, besonders in der Verjüngungsphase herab.“ (S. 30)
  • „Die Laubholzetablierung ist durch Wildverbiss umso mehr begrenzt, je geringer der aktuelle Laubholzanteil ist.“ (S. 32)

An wohlklingenden Absichtserklärungen herrscht kein Mangel:

  • „Eine Bestandsregulierung bei Rot- und Rehwild erfolgt, soweit dies zur Erreichung der Ziele der Waldentwicklung … notwendig ist. … Es werden die effektivsten und schonendsten Jagdmethoden gewählt.“ (S. 79)
  • „Für die Bejagung von Rehwild, Rotwild … stellt die Nationalparkverwaltung Abschusspläne auf.“ (ebd.)
  • „Die Bejagung wird von den zur Jagd berechtigten Bediensteten der Nationalparkverwaltung sowie Mitjägerinnen und Jägern durchgeführt, die mit den nationalparkspezifischen Anforderungen an die Wildregulierung vertraut gemacht wurden. Geeignet sich grundsätzlich Gemeinschaftsansitze mit mindestens vier Jägern mit oder ohne Beunruhigung sowie Stöberjagden.“ (ebd.)
  • „‚Trophäen‘ werden einbehalten und nicht in Hegeschauen ausgestellt.“ (ebd.)
  • „Die Regulation der Schalenwildbestände … muss aufgrund der Ergebnisse der Weiserflächen weiter intensiviert werden.“ (S. 100)

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Der Tätigkeitsbericht 2012
Als Folge des neuen Nationalparkplans wurde das Kapitel „Wildtiermanagement“ ein wenig überarbeitet. „Bei der Reduktion der verbeißenden Schalenwildbestände mit dem Schwerpunkt auf dem Rotwild“ sind – so liest man nun –  „weitere Anstrengungen nötig“ (S. 42). Niemanden ist aufgefallen, dass Zahlen zur Jagdstrecke 2012 fehlen. Dafür werden Abschusszahlen für Rothirsche der letzten Jahre präsentiert (siehe Tabelle 3). Sie stimmen mit den Zahlen aus den vorherigen Tätigkeitsberichten nicht überein. Aber wen stört das schon? Worte wie Wildverbiss oder Wildschäden tauchen auch in diesem Tätigkeitsbericht nicht auf.

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Der Tätigkeitsbericht 2013
Zum ersten Mal präsentiert das Nationalparkforstamt Zahlen zum Ausmaß des Wildverbisses:

 1994/971998/992000/220032005/72008/11
Verbiss (%)42441034

Tabelle 1: Terminaltriebverbiss an Buchen (Tätigkeitsbericht, S. 42)

34 %. An jeder 3. Buche ist der Leittrieb verbissen. Die Zahlen sind seit 2003 dramatisch in die Höhe geschnellt. Fast eine Verzehnfachung. Das Wildtiermanagement hat völlig versagt. Gebetsmühlenartig hat man in den vergangenen Jahren wiederholt, dass die Wildbestände nur „leicht angewachsen“ seien. Dass die Rothirschbestände sich verdoppelt haben (siehe Das Rothirsch-Problem im Harz), hat man verschlafen. Das wird so natürlich nicht gesagt, sondern: „Bei der Reduktion der verbeißenden Schalenwildbestände mit dem Schwerpunkt auf dem Rotwild“ sind – dreimal dürfen Sie raten – „weitere Anstrengungen notwendig“.

Detaillierte Zahlen zur Jagdstrecke fehlen wiederum wie schon seit 2011. Die Zahlen zur Rothirschstrecke stimmen mit vergangenen Berichten wieder nicht überein (siehe Tabelle 4). Auch diese Ungereimtheit scheint niemandem aufzufallen.

Interessanterweise fehlt zum ersten Mal der Satz, der bislang in jedem Tätigkeitsbericht auftauchte: der über die „vertrauensvolle Zusammenarbeit“ mit Nachbarn und Jägerschaft. Stattdessen nun ungewohnte Töne: „Die Entwicklung der Schalenwildstrecken … ist in den benachbarten Jagdbezirken ebenfalls ein aktuelles Problem. Aus diesem Grund werden Gespräche mit den niedersächsischen Landesforsten und dem Landesforstbetrieb Oberharz, Sachsen-Anhalt, geführt, um insbesondere im Grenzbereich Synergien zu nutzen. Dazu werden wichtige Informationen ausgetauscht …“ (S. 43) Gespräche werden geführt, Synergien genutzt, Informationen ausgetauscht – man kennt diese Leerformeln aus der Tagespolitik.

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Unterschiedliche Zahlen zur Jagdstrecke

 2006200720082002010201120122013
Rotwild   463 573 630   
Schwarzwild  117142140   
Rehwild  666040   
Gesamtstrecke  646775810814  

Tabelle 2: Strecken laut Tätigkeitsberichten

 

 20072008200920102011
Rotwild436509536635672

Tabelle 3: Strecke beim Rothirsch laut Tätigkeitsbericht 2012, S. 42

 

 2006200720082009201020112012
 Rotwild476447542550656674740

Tabelle 4: Strecke beim Rothirsch laut Tätigkeitsbericht 2013, S. 42

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