Vom Versagen der Jagd im Nationalpark Harz

Was ist Wildverbiss?

Wenn Sie nicht wissen, was Wildverbiss ist – grämen Sie sich nicht: bis vor 2 Jahren wusste ich es auch nicht. Dabei habe ich Biologie studiert und 25 Jahre Biologie unterrichtet. Das am Heinrich-Heine-Gymnasium in Bottrop eingeführte Biologielehrbuch für die Mittelstufe widmet der „Naturkatastrophe“ (1) Wildverbiss einen einzigen Satz:  „Wild, das sich wegen mangels an natürlichen Feinden stark vermehrt, behindert die Verjüngung des Waldes durch Verbiss von Jungbäumen.“ (2) Dazu ein Bild von einem süßen Bambi, das einen Fichtentrieb abknabbert. Ich bin jahrzehntelang durch „kurz und klein gebissene“ (3) Wälder gewandert und habe es nicht gesehen: „Man sieht nur, was man weiß.“ (Theodor Fontane)

verbissene Jungbuchen am Buchberg

Für den Verbiss verantwortlich ist das Schalenwild. Dazu zählen Rehe und Rothirsche. Die Wikipedia-Artikel zu Rehen und Rothirsche enthalten nützliche Informationen sowohl zu den Schäden von Rehen als auch zu denen von Rothirschen. Selbstverständlich ist das nicht: Die Jagdlobby versucht auch im Internet, die schädlichen Folgen von Trophäenzucht, Winterfütterung und „waidgerechter Hege“ zu bagatellisieren.

Bonsai-Weiden am Buchberg

 

Ein bahnbrechendes Gutachten zum Thema Wildverbiss haben Christian Ammer, Torsten Vor, Thomas Knocke und Stefan Wagner im Jahr 2010 vorgelegt: Der Wald-Wild-Konflikt. Es wurde am 5. Mai 2010 vom Bundesamt für Naturschutz (BfN), dem Deutschen Forstwirtschaftsrat (DFWR) und der Arbeitsgemeinschaft Naturgemäße Waldwirtschaft (ANW) der Presse vorgestellt: Gemeinsame Presseerklärung zum Wald-Wild-Konflikt.

Ammer beschreibt das Fressverhalten von Rehen. Man zählt Rehe zu den „Konzentratselektierern“ oder „Pralinenfressern“:

Das heißt, dass Rehe vielfältige, leicht verdauliche, protein- und nährstoffreiche Äsung benötigen und demzufolge fast ausschließlich zweikeimblättrige Pflanzen fressen und verwerten können. Dadurch werden häufig die selteneren Pflanzenarten „herausselektiert“ (S. 48).

Eine Rechenaufgabe verdeutlicht, welche katastrophalen Folgen das für die Jungbäume hat. Die Zahlen stammen von Förster Peter Wohlleben: Im Winter frißt ein Reh durchschnittlich 1,5 kg Nahrung. Vorsichtig geschätzt besteht 50 % der Nahrung aus Laubbaumknospen. Hiervon sind meist die Terminaltriebe von Jungbäumen betroffen. Eine Knospe wiegt ca. 0,05-0,1 g. Dies bedeutet, dass ein Reh pro Tag mindestens 7.500 Jungbäume ruiniert (750 g : 0,1 g = 7.500). Im Nationalpark Harz werden beim Buchenvoranbau pro ha 1.500 Buchensetzlinge gepflanzt. Ein einziges Reh frisst pro Tag also die Terminaltriebe von 5 ha Neuanpflanzungen. 2013 wurden insgesamt 180 ha bepflanzt: Die beißen 10 Rehe in nicht einmal 4 Tagen kaputt.

links: verbissene Buche, rechts: verbissene Kiefer – beide am Buchberg

Das Fressverhalten von Rothirschen ist etwas anders:

Rotwild … zeichnet sich durch einen intermediären Typ der Nahrungsverwertung aus, der zwischen reinen Konzentratselektierern und reinen Gras- und Raufutterfressern (z. B. Rindern) steht. Das bedeutet, dass die Äsung struktur- und zellulosereicher als die des Rehwilds sein kann. Bevorzugt werden daher Gräser, aber auch Teile der Baumrinde (S. 49).

Das Abnagen bzw. Abziehen der Rinde bezeichnet man als „Schälen„.  Täglich fressen Rothirsche 8-20 kg Futter. Rothirsche sind nicht wählerisch: „Eicheln, Bucheckern, Kastanien, Obst, verschiedene Pilze, Baumrinde, Moos, Flechten, Heidekraut, Knospen und junge Zweige von Bäumen und Sträuchern“ (Wikipedia) gehören zu ihrem Nahrungsspektrum. Selbstverständlich werden auch Baumsämlinge gefressen (Keimlingsverbiss), sodass die Naturverjüngung behindert oder ganz verhindert wird.

Schälschäden am Hirtenstieg nahe Bismarckklippen

Auf Kahlschlägen lassen Rehe und Hirsche nur die Giftpflanzen Fingerhut und Königskerze stehen.

1 Fred Kurt: Das Reh in der Kulturlandschaft. Ökologie, Sozialverhalten, Jagd und Hege, Stuttgart 2002, S. 201; zit. n. Wikipedia
2 Hans-Peter Konopka, Antje Starke (Hg.): Lindner-Biologie, Braunschweig 2009, S. 97
3 Lieckfeld, S. 101

 

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