Schneelochweg im Juli

Oberer Abschnitt

Vielleicht war auf den ersten beiden Abschnitten des Schneelochwegs alles zu einfach gewesen. Ich hatte den Weg immer gut erkennen können. Ich fühlte mich sicher. Als ich zu Beginn des oberen Abschnitts auch noch die ersten beiden Gruppen von alten Treppenstufen entdeckte, wurde ich leichtsinnig. Ich achtete mehr auf die pittoresken Fichten des Brockenurwalds als auf den Weg. Und plötzlich war der Weg weg!

 

Statt zurück zu gehen entschied ich mich, weiter bergan zu steigen in der Hoffnung, oben wieder auf den Weg zu stoßen. Querfeldein zu gehen ist am Schneeloch nie eine gute Idee. Noch schlechter ist die Idee, wenn man nicht weiß, in welcher Richtung der richtige Weg liegt. Und ich wusste es nicht, weil ich mein Navigationsgerät nicht eingesteckt hatte.

 

Wenn man sich am Schneeloch nicht an die Sicherheitsregeln hält, gilt Murphys Gesetz: „Alles, was schief gehen kann, wird auch schief gehen.“

 

Ich trottete also auf einem schmalen Pfad daher, der durch das Wild angelegt worden war. Als erstes versperrten mir umgefallene dicke Fichtenstämme den Weg. Die Stämme liegen nicht einfach auf dem Boden, sondern häufig in Hüfthöhe quer über dem Pfad. Dann kann man entweder auf allen Vieren unter ihnen herkriechen oder akrobatisch über sie hinwegklettern. Allerdings tragen Fichten in einem Urwald bis zum Boden Äste, weil sie lichter stehen als in einem künstlichen Forst (siehe auch Reitgras-Fichtenwald). Diese Äste am querliegenden Stamm versperren einem zusätzlich den Weg. Grundsätzlich verhakt sich der Rucksack oder das T-Shirt oder der Umhängegurt des Fotoapparats im Geäst.

 

Wenn man nur ein- oder zweimal über einen Stamm klettern müsste, wäre es vielleicht noch abenteuerlich und amüsant. Wenn einem aber alle 10 m ein Stamm den Weg versperrt, wird die Sache wirklich anstrengend.

 

Der nördliche Brocken ist voller Hangmoore (Georg Sperber und Stephan Thierfelder: Urwälder Deutschlands, München 2. Auflage 2008, S. 137). Im mittleren Teil des Schneelochwegs hatte ich die Erfahrung gemacht, dass man in den Torfmoospolstern höchstens bis zu den Knöcheln einsinkt. Jetzt steckte ich plötzlich mit einem Bein bis zu den Knien im Morast. Man denkt automatisch an alte Horrorfilme, wo Menschen im Moor versinken, und Panik erfasst einen. Als ich mich wieder aus dem Schlammloch befreit hatte und mit beiden Beinen auf festem Grund dicht neben einer alten Fichte stand, war ich schweißgebadet und am Ende meiner Kräfte. Der Spruch von Danny Glover aus „Lethal Weapon“ fiel mir ein: „I’m too old for this shit!“

Ich schnaufte weiter den Berg hoch und machte fortan einen Bogen um Torfmoosfelder. Das Pfeifen der Brockenbahn war schon zu hören. Luftlinie konnten es höchstens noch 100 Meter bis zu den Gleisen sein. Doch jetzt türmten sich riesige Granitblöcke vor mir auf. Wie sich am Ende herausstellte, war ich 100 Meter östlich des richtigen Wegs. Am Rande des Nervenzusammenbruchs kletterte ich über die Felsbrocken bergan. Diese sind dicht mit Heidelbeersträuchern bewachsen, sodass die metertiefen Spalten und Löcher zwischen den Felsen schlecht zu sehen sind. Jeden Schritt überprüfte ich vorher mit dem Wanderstock.

 

Als ich endlich an den Gleisen ankam, wieder Luft bekam und mein Herz aufhörte wie wild zu rasen, fasste ich viele viele gute Vorsätze für meine nächste Expedition ins Schneeloch. Aller guten Dinge sind drei.

 

Viele Fotos vom Fichtenurwald habe ich übrigens nicht gemacht. Nach Luft japsend und mit rasendem Puls fehlte mir der Blick für die Schönheit bizarr geformter Fichtenmethusaleme. Die Muße dafür hatte ich erst auf meiner dritten Expedition.

 

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