Schneelochweg im Juli

Einleitung

Meine erste Expedition ins Schneeloch hatte Anfang März stattgefunden: Ich hatte den Weg nicht gefunden und mich fürchterlich verlaufen. Zuerst hatte ich im unteren Abschnitt auf allen Vieren über riesige Granitblöcke kraxeln müssen. Dann versperrten mir im mittleren Abschnitt dichte Verhaue umgestürzter toter Fichten den Weg. Und am Ende versank ich im oberen Abschnitt bis zu den Knien im Tiefschnee. Bei der zweiten Expedition sollte alles besser werden: Es war Mitte Juli. Im Tiefschnee würde ich nicht mehr versinken. Und die Wegbeschreibung von Volker Mothes hatte ich auch noch einmal eingehend studiert (Axel und Volker Mothes, Harzer Klippen- und Stiegenwelt – Band I, Halle 2011, S. 114 ff.). Doch am Ende geriet ich wie schon beim ersten Mal in lebensgefährliche Bedrängnis.

Ich gliedere meinen Expeditionsbericht in drei Teile:

Unterer Abschnitt

Im unteren Abschnitt des Schneelochwegs befolgte ich diesmal den Rat von Volker Mothes, den alten Forstweg zu benutzen. Er ist gut zu erkennen, obwohl er zunehmend vergrast. Sofort, wenn man am Wegweiser den Hauptweg verlassen hat, taucht man ein in eine fremde und sonderbare Welt: die Welt abgestorbener Fichtenforste. Ich mag diese Welt. Hier pfuschen die Förster nicht mehr herum. Die Touristenmassen sind weit weg. Hier ist man ganz allein. Es ist unheimlich still. Nicht mal Vogelgezwitscher ist im Juli zu hören.

 

Der Fichtenbestand im unteren Abschnitt ist noch nicht lange abgestorben: Die meisten Äste an den toten Fichten sind noch nicht abgebrochen. An vielen Bäumen ist die Borke noch nicht abgeblättert. Nur wenige Kronen wurden vom Sturm oder von Schneemassen abgeknickt und nur wenige Fichten wurden mitsamt Wurzelteller umgeworfen.

 

Die Nationalparkverwaltung wird vermutlich sagen, dass hier Wildnis entstehe. Zwar wird der Wald sich selbst überlassen, aber ich würde das nicht Urwald nennen, was sich hier entwickelt. Dafür sind die Rothirschbestände viel zu hoch. Eine Kuhweide ist keine Wildwiese. Ein Bordell für Rothirsche ist keine Waldwildnis.

 

Nur junge Fichten entkommen dem Äsungsdruck. Hier wächst kein einziger junger Laubbaum, obwohl durch die nadellosen Baumgerippe genug Licht auf den Waldboden fällt. Die üblichen Pionierbäume haben keine Chance. Bei den Kräutern dominiert im Juli der Rote Fingerhut (Digitalis purpurea): Er ist giftig und deshalb verbissresistent. Der nährstoffarme, durch die Fichtennadeln versauerte Waldboden ist dicht bedeckt mit den Zwergsträuchern der Heidelbeere (Vaccinium myrtilis). Auch die Draht-Schmiele (Deschampsia flexuosa) wächst hier häufig: Zum einen schmeckt das zähe Gras den Hirschen nicht, zum anderen kommt es gut mit dem nährstoffarmen und sauren Boden zurecht. (Für eine Beschreibung weiterer Arten siehe das Kapitel „Wanderung zum Brocken durch das Eckerloch“  auf den Seiten 7 und 8 des Exkursionsberichts „Landschaftspflege im Harz“ des Fachbereichs Landwirtschaft, Ökotrophologie und Landschaftsentwicklung der Hochschule Anhalt.)

Der untere Abschnitt endet am Holzlagerplatz, wo der Kellbeckbach quer über den alten Forstweg fließt.

 

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