Umweltministerien zu Kahlschlägen

Kommentar zur Antwort von Wenzel

Ich gliedere meinen Kommentar in sechs Abschnitte:

  1. Kritische Anmerkungen und konstruktive Anregungen
  2. Flächenauswahl für den NLP Harz
  3. Übernahme der Borkenkäfer-Sicherheitszone durch den Landeswald
  4. Fragen zu den Kahlschlägen im NLP Harz
  5. Schluss
  6. Postskriptum

1. Kritische Anmerkungen und konstruktive Anregungen

Es ist das erste Mal, dass ein Ministerialbeamter mir für meine „kritischen Anmerkungen“ und „konstruktiven Anregungen“ dankt. Ich fühle mich nicht geschmeichelt. Denn normalerweise enden „kritisch-konstruktive Dialoge“ mit Landesforstbetrieben damit, dass man darüber feilscht, ob drei oder vier Habitatbäume pro Hektar ausreichen oder ob 20 oder 30 Fm Totholz pro Hektar genügen. Kurzum: Naturschützer werden bei „kritisch-konstruktiven Dialogen“ von den Förstern regelmäßig über den Tisch gezogen.

Ich verstehe meine Briefe auch nicht als „Anmerkungen“ und „Anregungen“. Viel eher geht es mir um grundsätzliche Kritik. Es sind nicht kleine Nebensächlichkeiten, die mich stören, sondern mir passt tatsächlich die ganze Richtung nicht.

 

2. Flächenauswahl für den Nationalpark Harz

Dr. Krüger bestätigt es: Die Flächen zwischen den südlichen Ausbuchtungen des NLPs gehören dem Land Niedersachsen:

 

 

Im Westen sind es die beiden Revierförstereien Lilienberg und Königshof und im Osten sind es Andreasberg und Knollen. Erstere gehören zum Forstamt Riefensbeck, letztere zum Forstamt Lauterberg. Es handelt sich um Fichtenforste. Fichtenholz erzielt Spitzenpreise auf dem Holzmarkt und auf die Gewinne wollen die Niedersächsischen Landesforsten auf gar keinen Fall verzichten. Das wäre ja noch schöner, wenn sie am Ende 11 oder gar 12 % ihrer Holzäcker „stilllegen“ müssten! Schon die 10 % hat man nur zähneknirschend und mit geballter Faust in der Hosentasche hingenommen. Gäbe man jetzt auch noch Lilienberg, Königshof, Andreasberg und Knollen her, würden am Ende womöglich 6 oder 7 % der Landesfläche „der natürlichen Entwicklung überlassen“. Das geht gar nicht! Schließlich heißt es NWE5 und nicht NWE6 oder NWE7! Die Nutzungsideologie der Landesforsten fasst Dr. Krüger in folgendem Satz zusammen:

„[…] eine Arrondierung […] würde nahezu automatisch zu Lasten potentieller NWE5-Flächen an anderer Stelle gehen […]“

Die Landesforsten feilschen um jeden Hektar.

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3. Übernahme der Borkenkäfer-Sicherheitszone durch den Landeswald

Es gibt den NLP Harz in Niedersachsen seit dem 1. Januar 1994. Die Vorarbeiten gehen sogar bis auf das Jahr 1990 zurück.1 Und schon 24 Jahre später kommt das Umweltministerium auf die Idee, die Borkenkäfer-Bekämpfungszone aus dem NLP heraus zu verlegen. Es gab sogar schon „Überlegungen“, „Besprechungen“ und „Vorarbeiten“. Man darf gespannt sein, was bei der „technischen Umsetzung im Detail“ herauskommt.

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4. Fragen zu den Kahlschlägen im Nationalpark Harz

Dr. Krüger ist so freundlich, durch Schriftgröße und Farbe deutlich zu machen, wo das Zitat der NLP-Leitung beginnt und wo es endet. An dieser Stelle tun sich Abgründe auf:

1.
Sachsens Umweltminister Aeikens hat dieses Zitat beinahe wortwörtlich übernommen.2 Was ich dummerweise für Aeikens eigene Worte hielt, waren in Wirklichkeit die von NLP-Leiter Andreas Pusch. Aeikens Brief ist ein Plagiat: Er zitiert, ohne die Quelle anzugeben.

2.
Aeikens macht sich zum Sprachrohr von Pusch. Aeikens hat überhaupt keine eigene Meinung zu den Kahlschlägen. Er spricht das nach, was Pusch ihm vorsetzt. Er lässt sich buchstäblich vorschreiben, was er sagt.

3.
Auch Wenzel hat sich zu den Kahlschlägen keine eigenen Gedanken gemacht: Auch er sieht die Welt mit den Augen von Pusch. Es gibt kein Pro und Contra, keine abweichenden Stellungnahmen, keine Diskussionen im Umweltministerium. Die Identifikation mit der NLP-Verwaltung ist „uneingeschränkt“.

4.
Ich hatte die naive Vorstellung, dass die rechtliche Zulässigkeit der Kahlschläge von Rechtsexperten im Haus des Umweltministeriums oder sogar vom Justizministerium selbst überprüft werden würde. Stattdessen stellt sich die NLP-Verwaltung selbst einen Persilschein aus.

5.
Auch Niedersachsen übernimmt die Zumutung, dass Pusch keine Zahlen über die Kahlschläge herausrückt. Wenzel und Aeikens wollen es nicht wissen.

Dr. Krüger scheint den Unterschied zwischen Borkenkäfer-Schutzzone und Entwicklungszone gar nicht zu kennen: Selbstverständlich würde Pusch weiter  Borkenkäferflächen kahlschlagen, selbst wenn die Landesforsten die Schutzzone übernehmen würden. Alle Kahlschläge, auf die ich hingewiesen habe, fallen in die Entwicklungszone mitten im NLP.

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5. Schluss

Der letzte Satz verdeutlicht, dass Krüger und Wenzel die Idee des Prozessschutzes nicht begriffen haben:

„Dies würde in weiten Bereichen eine fortan naturgesteuerte Entwicklung ermöglichen …“

Das wäre Prozessschutz. Aber der Satz geht weiter und alles wird falsch:

„… und unter vollen Ausnutzung der Borkenkäferdynamik den Waldumbau im Sinne der festgeschriebenen Entwicklungsziele beschleunigen.“

Prozessschutz kennt keine Entwicklungsziele. Und schon gar keine festgeschriebenen. Prozessschutz beschleunigt nichts. Prozessschutz nutzt nichts und niemanden aus. Auch nicht einen kleinen Käfer. Dieser Käfer trägt seinen Zweck in sich selbst. Wenn überhaupt hier einer Ziele setzen darf, dann er.

 

6. Postskriptum

Krüger kann natürlich als Ministerialbeamter nicht von Kahlschlägen sprechen. Er bevorzugt das Wort „Sanitärhiebe“. Ich muss dabei immer an Toiletten denken.
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  1. siehe Geschichte des NLP-Harz bei Wikipedia []
  2. siehe Antwort von Umweltminister Aeikens am 20.4.2015 []