Kritik der Borkenkäferbekämpfung im Nationalpark Harz

Leserbrief an das Mindener Tageblatt

Am 24. August 2018 veröffentlicht das Mindener Tageblatt einen Leserbrief von mir auf seiner Homepage. Am 1. September druckt sie den Leserbrief auch in ihrer Samstagsausgabe ab:

Natur Natur sein lassen!

veröffentlicht [online) am 24.08.2018
Betr.: „Erst die Stürme, jetzt der Käfer“, MT vom 22. August

Die Journalistin ist einseitig. Sie lässt in ihrem Artikel „Erst die Stürme, jetzt der Käfer“ ausschließlich Mitarbeiter des Nationalparks Harz zu Worte kommen. Sie befürworten alle ohne Ausnahme die Bekämpfung des Borkenkäfers durch Kahlschläge. Dabei begehen sie drei Fehler:

  1. Sie verstricken sich in heillose Widersprüche.
  2. Sie verschweigen neue wissenschaftliche Erkenntnisse zur Schädlichkeit der Borkenkäferbekämpfung.
  3. Sie tun so, als ob die Kahlschläge alternativlos (TINA-Prinzip) seien, obwohl das nicht der Fall ist.

zu 1: Widersprüche

Widerspruch 1: „Der Nationalpark schützt die Natur. Aber der Borkenkäfer wird nicht geschützt!“

Der Borkenkäfer wird ausschließlich negativ gesehen: Er ist ein „Plagegeist“ und ein „Schädling“. Gegen ihn „schlagen […] die Waldarbeiter aufwendige Schlachten“. Die Nationalparkverwaltung verheddert sich in einem Widerspruch: Denn sie grenzt den Käfer aus der Natur aus. Für sie gehört der Käfer gar nicht zur Natur dazu. Und weil er nicht zur Natur gehört, wird er auch nicht geschützt. Natur ist also das, was die Nationalparkverwaltung dazu erklärt. Hans Bibelriether, von 1969 bis 1998 Leiter des Nationalparks Bayerischer Wald, sah das ganz anders. Er war überzeugt: „Wir müssen den Käfer fressen lassen!“ Für ihn gehörte auch der Käfer zur schützenswerten Natur und sein Motto war: „Wir müssen Natur Natur sein lassen!“

Man stelle sich einmal vor, ein Rudel Wölfe würde sich im Nationalpark Harz einfinden. Würde man die Wölfe dann auch als „Schädlinge“ ansehen, weil sie Hirsche und Rehe fressen?

Widerspruch 2: „Die Fichtenwälder sind nicht schutzwürdig. Aber vor dem Borkenkäfer müssen sie geschützt werden!“

Komischerweise werden auch die Fichtenwälder, die vom Käfer gefressen werden, ausschließlich negativ gesehen: Sie sind eine „Monokultur“, „monoton“, „strukturarm“. Obwohl Fichten 80 Prozent des Nationalparks ausmachen, gehören sie gar nicht in den Harz: Hauptbaumart ist hier die Buche, nicht die Fichte.

Wenn aber die Fichte gar nicht in den Harz gehört, warum bekämpft man dann den Borkenkäfer?

Widerspruch 3: „Der Nationalpark ist kein Wirtschaftswald. Aber das Fichtenholz wird verkauft!“

Die Vize-Chefin des Nationalparks stellt klar: „Wir sind kein Wirtschaftswald!“ Warum aber lässt man dann das Fichtenholz nicht einfach liegen? Warum wird es abtransportiert und verkauft? Braucht man etwa doch das Geld aus dem Holzverkauf, um den Nationalpark zu finanzieren? Muss der Nationalpark doch mit dem Holz wirtschaften?

zu 2: Neue wissenschaftliche Erkenntnisse

Selbst wenn man den Borkenkäfer bekämpfen wollte, braucht man das Holz nicht vollständig zu entrinden. Eine Teilentrindung in Form von Rindenschlitzen würde völlig reichen, gleichzeitig den Baum aber als Lebensraum für viele Holzpilze und Totholzkäfer erhalten. Das würde die Artenvielfalt (Biodiversität) schützen. Das beweisen neue Studien aus dem Nationalpark Bayerischer Wald. (Anliegen Natur 38 (1), 2016, 97-98)

Eine große Studie aus dem Jahr 2017, an der nicht weniger als 29 Wissenschaftler aus der ganzen Welt beteiligt waren – u. a. Prof. Dr. J. Müller von der Universität Würzburg, der gleichzeitig der Vize-Chef des Nationalparks Bayerischer Wald ist – beweist die erheblichen negativen Folgen von Kahlschlägen für die Artenvielfalt – besonders leiden Insekten, Vögel, Pilze, Moose und Flechten, die auf Totholz angewiesen sind. Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass Kahlschläge im Widerspruch stehen zu den Zielen von Naturschutzgebieten. (Thorn S., Bässler C., Brandl R., et al., Impacts of salvage logging on biodiversity: a meta-analysis. J. Appl. Ecol. 20178;00:1-11)

zu 3: Kahlschläge sind nicht alternativlos

Der Borkenkäfer muss in Schutzgebieten nicht bekämpft werden. Dass man durchaus darauf verzichten kann, beweist das Beispiel des oben erwähnten Hans Bibelriether im Nationalpark Bayerischer Wald. Unter seiner Leitung hat man den Käfer im Nationalpark rund um den Lusen und den Rachel fressen lassen. Das war nicht das Ende der Welt, und dort wächst nun von ganz alleine wieder ein neuer, junger Wald. Aus der ganzen Welt pilgern Wissenschaftler und Naturliebhaber dorthin, um ihn zu bewundern.

gez. Franz-Josef Adrian

Nach oben
Zurück zur Einleitung