Der Nationalpark Harz als Opfer der Förster

Der Nationalpark als Erziehungsanstalt

Die Forstlobby hat es geschafft, der Öffentlichkeit weiszumachen, Fichtenforste müssten von Förstern „entwickelt“ werden.

„Waldentwicklung“ nahe Bäumlersklippe

 

Förster werden Ihnen immer erzählen, dass Fichtenforste nicht sich selbst überlassen werden dürfen. Denn dann würden Fichtenforste nur Unsinn machen. So wie Rotzbengel, die man ohne Aufsicht läßt. Unbeaufsichtigte Fichten lassen sich von Stürmen umwerfen und sind eine Brutstätte für Borkenkäfer. Der Untergang des Abendlands droht, wenn die Förster nicht rettend eingreifen: Der Wald stirbt, Touristen bleiben weg, Sägewerke machen dicht, die Möbelindustrie wandert nach China aus und in Ilsenburg tobt ein aufgebrachter Mob in den Straßen, weil es kein Brennholz mehr gibt. Auch über 20 Jahre nach seiner Gründung darf die Hälfte der Fichten im Nationalpark eines nicht: sich selbst ungestört von Förstern entwickeln.

„Durch geeignete Steuerungsmaßnahmen, die in  Managementplänen festgelegt sind, sollen die Voraussetzungen geschaffen werden, damit künftig in einem überwiegenden Flächenanteil der Gebiete den natürlichen und dynamischen Abläufen in der Natur Vorrang eingeräumt werden kann.“ (Deutsche Umwelthilfe über Entwicklungs-Nationalparks, Hervorhebungen von mir).

Warum bricht bei so einem Satz niemand in schallendes Gelächter aus? Ich vermute, ein Grund ist der, dass die Idee, die hinter den Entwicklungs-Nationalparks steckt, aus der Kindererziehung stammt. Auch dort schaffen die Eltern zuerst die Voraussetzungen dafür, damit ihre Kinder später auf eigenen Beinen stehen können. Auch Eltern „steuern“, „managen“, „fördern“ und „schützen“ ihre Kinder. Warum sollte das bei Fichtenforsten nicht möglich und sinnvoll sein? Fichten sind für Förster wie hilflose und schutzbedürftige Kinder, die man an die Hand nehmen und anleiten muss, damit sie das Richtige und das Nützliche tun. Sie haben sich gefälligst in Buchenwälder zu verwandeln. Sonst „hilft“ ihnen der Förster „sanft auf die Sprünge“ (Originalzitat von der Homepage des Nationalparks: Natur schützen: Waldentwicklung im Nationalpark Harz). Das Wort „sanft“ ist gelogen: In Wirklichkeit ist das eine Drohung: „Ich werde Dir gleich auf die Sprünge helfen!“ Fichtenforste werden „entwickelt“, wie ungezogene Gören erzogen werden. (Hinweis: Mittlerweile wurde auf der Homepage das Wort „sanft“ gestrichen.)

„Bachrenaturierung“ nahe Suental

 

Die Idee, man könne und müsse Fichtenwälder so erziehen wie Kinder, ist von hoher Überzeugungskraft. Es ist niemand da, der die Managementpläne der Förster in Frage stellt. Umweltministerien, Forstwissenschaftler, Naturschutzverbände, Anwohner: Alle glauben daran wie an die „individuelle Förderung“ in der Schule. Auch wenn die „Entwicklungshilfe“ völlig aus dem Ruder läuft und nach Kyrill Hunderte von Hektar Fichtenwälder im Nationalpark Harz kahlgeschlagen wurden, regt sich kein Protest.

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