Förstermärchen zum Waldumbau

Fehlkonstruktion des südlichen Nationalparks

Der Süden des Nationalparks besteht aus den Bereichen Dedenborn und Wahlerscheid (siehe Nationalparkplan, Bd. 1 Anlage 5, Übersichtskarte Nationalparkbereiche, S. 1). Dort wachsen beinahe ausschließlich Fichtenwälder (ebd., Anlage 6, Übersichtskarte Biotoptypen, S. 2). Der gesamte Süden mit 1.310 ha wurde zur Zone 1c erklärt (ebd., Anlage 7, Überarbeitete Nationalparkkarte, vergleiche Zone 1c: Künstlich mehr Natur schaffen).

Die Zone 1c ist an ihrer nördlichen Grenze – ungefähr auf Höhe des Dorfes Schöneseiffen –  gerade einmal 3,7 km breit. Sie wird, je weiter man nach Süden kommt, immer schmaler. An der B 258 ist sie nur noch 1 km breit. Und weiter westlich im Bereich Wahlerscheid beträgt die maximale Breite 1,4 km.

Süden des NP EifelSüden des Nationalparks Eifel, Quelle: Natura-2000-Gebiete in NRW

 

Warum ist die Breite wichtig? Nun – die Breite spielt eine große Rolle, weil der „Grenzkorridor zu fichtenreichen Nachbarbetrieben“ (Workshopbericht, S. 9) 500 m breit sein muss. Dieser 500 m breite Grenzkorridor bildet eine „Pufferzone“ (ebd.), in der der Borkenkäfer „intensiv überwacht“ und von ihm befallene Bäume „behandelt“ werden müssen. So wird gewährleistet, dass Borkenkäferplagen nicht auf benachbarte Privatwälder z. B. der Stadt Monschau übergreifen können und das Land NRW Schadensersatz leisten muss.

Sie ahnen das Problem? Wenn die Borkenkäferschutzzone 500 m, der gesamte Fichtenwald aber nur 1,4 km breit ist, bleiben nur noch 400 m übrig, auf denen man die Natur in Ruhe lassen kann. Der Bereich Wahlerscheid südwestlich der B 258 ist quasi eine einzige Schutzzone. Die „Pufferzone“ hat überhaupt nichts mehr zu puffern im Inneren: Der gesamte Wald wird zum „Grenzkorridor“. Mathematisch ausgedrückt: Umfang und Fläche der Zone 1c stehen in einem denkbar ungünstigen Verhältnis. Ich habe es einmal mit dem Programm „BaseCamp“ nachgemessen: Der Umfang der gesamten Zone 1c beträgt schätzungsweise 25 km, ihre Fläche beträgt aber nur 14,5 km2.* (Zieht man davon jetzt noch die Flächen für die Zone II ab, die innerhalb der Zone 1 c liegen, kommt man ungefähr auf die 13,1 km2, die die Zone 1c laut offiziellen Angaben hat.)

Vom Bereich Wahlerscheid westlich der B 258 bleibt nichts übrig für den Prozessschutz: Hier darf wegen des Borkenkäfers Natur nicht Natur sein (siehe die Karte im Workshopbericht, S. 9). Vom Bereich Dedenborn nordöstlich der B 258 mit einer Fläche von ungefähr 10,6 km2 bleiben nach Abzug der „Grenzkorridore“ mit ungefähr 4,7 km2 gerade einmal 5,9 km2 übrig für eine Zone ohne „Management“. Überspitzt formuliert: Von Wahlerscheid bleibt nichts übrig, von Dedenborn nur die Hälfte. Das nenne ich eine Fehlkonstruktion. Der Süden des Nationalparks wird zur Borkenkäferkampfzone. Für „Wildnis“ ist hier kein Platz. Wer anderes behauptet, betreibt Etikettenschwindel.

Immerhin: Rund 6 km2 in der Mitte von Dedenborn könnte man sich selbst überlassen, ohne die benachbarten Wirtschaftswälder durch Borkenkäferplagen zu gefährden. Doch die Eifeler Förster können Fichtenwälder nicht in Ruhe lassen. In Dedenborn und Wahlerscheid gibt es viele kleine Bäche. Sie tragen so idyllische Namen wie Fuhrtsbach, Püngelbach, Wüstebach, Schwarzbach und Viehbach. Und in all diesen Bachtäler fanden in den vergangen 10 Jahren Großkahlschläge inklusive Vollbaumernte statt, um „Bachtäler zu renaturieren“. Auf Global Forest Change zeigen rote Flächen den skandalösen Waldverlust von 2000-2012 in Dedenborn und Wahlerscheid an:

BachtaelerWaldverluste (rot) in Dedenborn und Wahlerscheid von 2000 – 2012, Quelle: Global Forest Change

 

* Militärstrategen würden sagen, der Frontverlauf sei viel zu lang, die Front überdehnt, die Flanken ungeschützt: Ein solcher Frontvorsprung ist ganz schlecht zu verteidigen. Die Front muß schleunigst zurückgenommen und die Frontlinie begradigt werden. So weit hergeholt ist der Vergleich übrigens nicht: Nationalparke führen wirklich regelrecht Krieg gegen den Borkenkäfer. Nach der Bekämpfung sehen die kahlen Flächen aus wie Schlachtfelder (siehe Großflächige Bekämpfung des Borkenkäfers am Lakaberg).

 

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