Kahlschläge am Heimbach

Analyse des Kahlschlags mit Hilfe von Röhrigs „Waldbau“-Standardwerk

Die Analyse ist gegliedert in folgende Abschnitte:

  1. Einleitung
  2. Temperatur
  3. Wasser
  4. Nährstoffverluste
  5. Vegetationsentwicklung
  6. Wildverbiss

 

Einleitung

Röhrig widmet in seinem Standardwerk „Waldbau auf ökologischer Grundlage“ dem Kahlschlag nur ganze 8 von insgesamt 479 Seiten (S. 349-357). Denn: „Der Kahlschlag als gezielte Verjüngungsform hat im Waldbau Mitteleuropas … keine Bedeutung. Er wird hauptsächlich dann angewandt, wenn eine grundlegende Umformung des vorhandenen Bestandes auf andere Weise nicht oder nur unter größeren Schwierigkeiten vorgenommen werden kann.“ (S. 349, Hervorhebungen von mir) Genau damit begründet das Nationalparkforstamt seine Kahlschläge: Anders wird man die Fichte angeblich nicht los.

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Temperatur

„Auf Kahlflächen bewirkt die Einstrahlung der Sonnenenergie, besonders bei klarem Himmel, stärkere Erwärmung am Tage und die Ausstrahlung kräftige Abkühlung in der Nacht im Vergleich zu überschirmten Flächen. Das betrifft die bodennahe Luftschicht und den Oberboden einschließlich der Streuauflage. … Allgemein läßt sich sagen, dass die bodennahe Luftschicht und der oberste Teil des Bodens während des Tages wärmer und in der Nacht kälter sind.“ (S. 350, Hervorhebungen im Original)

„Die mikroklimatischen Verhältnisse auf Freiflächen vermehren die Gefahren für die Jungpflanzen durch Spätfrost und Erhöhung der Transpiration als Folge stärkerer Einstrahlung und Wind. Pionierbaumarten und Kiefer sind davon kaum betroffen und daher auf Kahlflächen begünstigt. Weißtanne und Buche … sind … unter Kahlschlagverhältnissen erheblich gefährdet.“ (S. 356, Hervorhebungen im Original)

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Wasser

„Niederschläge gelangen ohne Interzeption der Bäume unmittelbar an den Boden, die Transpiration durch den Waldbestand ist ausgeschaltet. … Im Allgemeinen tritt bei wenig bewachsenem Boden ein Wasserüberschuss ein, der zu stärkerer Versickerung in tiefer liegende Bodenschichten und an Hängen zum Abfluss aus dem Waldbestand führt. Dabei kommt es zu Abschwemmung von Humus, Bodenerosion und Nährstoffverlusten. … Bormann und Likens (1979) ermittelten für das erste Jahr nach dem Kahlschlag eine Feststoffmenge von 380 kg ha-1, gegenüber 25 kg aus unberührtem Wald.“ (S. 351, Hervorhebungen von mir)

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Nährstoffverluste

„Kahlflächen (erfahren) eine stärkere Erwärmung und Durchfeuchtung der Humusauflage und der obersten, meist humusreichen Bodenschicht. Dadurch kommt es meist zu einem verstärkten Ab- und Umbau der organischen Substanz. … Unter den Stoffen, die nach dem Kahlschlag im Abflusswasser ausgetragen werden, spielt der Stickstoff in der Menge und auch im Hinblick auf mögliche Belastungen des Quellwassers die größte Rolle.“ (S. 352 f., Hervorhebungen im Original)

Die folgende Tabelle verdeutlicht die enormen Verluste an Stickstoff in Form von Nitrat und der für das Pflanzenwachstum wesentlichen Mineralstoffe Calcium, Kalium und Magnesium:

ElementUnbehandelter Bestand (kg ha-1 J-1)Kahlschlag
Nitrat+2,3-114,1
Ca-9,0-77,7
K-1,5-30,3
Mg-2,6-15,6

Tabelle: Jährliche Netto-Verluste (-) und Gewinne (+) von gelösten Stoffen im Bachwasser: Vergleich eines unbehandelten Bestandes und eines Kahlschlags im Hubbard Brook-Projekt (nach: S. 352)

„Gegenstand vieler Untersuchungen ist der Nährstoffhaushalt von Kahlflächen nach einer Vollbaumernte. Fast alle Autoren haben gesteigerte Nährstoffverluste gegenüber der konventionellen Holzernte festgestellt … Das betrifft vor allem Stickstoff und Kalium. Aber diese Beobachtung gilt stets nur (sic!) für die ersten Jahre nach einem Kahlschlag. Danach gehen die Verluste ebenso wie bei den üblichen Kahlschlagverfahren rasch wieder zurück.“ (S. 354, Hervorhebungen von mir)

Nationalparkförster schlagen immer mit Vollbaumernte kahl. Offensichtlich beruhigt sie, dass die Nährstoffverluste „nur“ in den ersten Jahre höher sind. Auch Röhrig verharmlost „die Probleme der Erosion sowie des Wasser- und Nährstoffhaushaltes … Sie bleiben kurzfristig und geringfügig, wenn Kahlschlagflächen in geringen Größen gehalten sind und nicht dicht nebeneinander liegen.“ (S. 357, Hervorhebungen von mir) Sind 10 ha wie am Heimbach noch eine geringe Größe? Und liegen die vielen Kahlschläge im Kermeter dicht nebeneinander? Interessanterweise widmet Röhrig der Düngung mit Stickstoff, Phosphor, Kalium, Calcium und Magnesium gleich 18 Seiten – mehr als doppelt so viele wie Kahlschlägen.

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Vegetationsentwicklung

„Das Jugendwachstum, vor allem von lichtbedürftigen Baumarten wird unter den Licht- und Nährstoffbedingungen auf Kahlflächen gesteigert, … sofern nicht die Begleitvegetation sich übermäßig entwickelt. Deren zu starke Konkurrenz lässt sich auf den übersichtlichen Flächen nach Kahlschlag leichter vermindern.“ (S. 357, Hervorhebungen von mir)

Zur „Begleitvegetation“ – früher sprach man von Unkraut – zählt Röhrig auf S. 189: Adlerfarn, Wald-Reitgras, Land-Reitgras, Wolliges Reitgras, Zittergras-Segge, Rasen-Schmiele, Draht-SchmieleEinblütiges PerlgrasBlaues Pfeifengras, Wald-BingelkrautGewöhnliche GoldruteBesenheide, Himbeere und Brombeere. Alle geben sich auf den Kahlschlägen in der Eifel ein lustiges Stelldichein. Hinzu kommt der Besenginster. Farne, Gräser, Kräuter und Sträucher konkurrieren mit den jungen Bäumchen um Licht und Wasser, sie scheiden wachstumshemmnende Stoffe aus, behindern die Wurzelbildung und schaffen Biotope für Schädlinge (siehe S. 189).

„Anhaltende Konkurrenz macht sich noch jahrelang bemerkbar, dadurch entwickeln sich die Jungbestände lückig und es entstehen daraus Jungbestände minderer Qualität. Baum Laubholz sind allgemein die Nebenwirkungen (Spätfrost, Mäusefraß, Verlängerung der Gefahr durch Wildverbiss, Befall mit Mehltau u. dgl.) oft erheblich.“ (S. 190, Hervorhebungen von mir)

In Wirtschaftswäldern geht man hauptsächlich mit zwei Maßnahmen gegen die Unkräuter vor:

  1. „Das Freischneiden mit Handgeräten steht im Vordergrund, jährlich werden Tausende von Hektar, oft mehrere Jahre hintereinander, auf diese Weise behandelt.“ (S. 191, Hervorhebungen von mir)
  2. Röhrig lobt ausdrücklich selektiv wirkende Herbizide: Sie bieten „die besten Erfolge bei der Zurückdrängung übermäßig wüchsiger Begleitvegetation. Manche Arten (z. B. Calamagrostis, Pteridium und Rubus fructicosus) lassen sich auf anderem Wege kaum soweit zurückhalten, dass der Jungwuchs ohne erhebliche Schäden und Ausfälle wachsen kann.“ (S. 191) Alle drei von Röhrig genannten Arten machen sich auf den Kahlschlägen am Heimbach breit.

Beide Maßnahmen werden vom Nationalparkforstamt nicht angewandt. Denn: „Nach dem Entfernen der nicht-heimischen Fichten wird der Mensch hier nicht mehr eingreifen.“ (Was-ist-denn-hier-los?-Informationsschild)  Die Anwendung von Herbiziden wäre eine endgültige Bankrotterklärung. Außerdem fehlt dafür ebenso wie für das Freischneiden das Geld. So nimmt man „erhebliche Schäden und Ausfälle“ in Kauf. Diese aber wird man in der Zukunft „der Natur“ in die Schuhe schieben.

„Als Nachteil von Kahlschlagverjüngung wird oft die Entstehung gleichförmiger, wenig strukturierter Bestände angesehen. Das ist aber keine zwangsläufige Folge, sondern es ist in vielen Fällen möglich, durch Baumartenmischungen, z. T. auch durch Nachanbauten, zu gestuften Mischbeständen zu kommen.“ (S. 357)

Mischungsregulierung durch Läuterung, d. h. „Eingriffe in Jungbestände“ (S. 260) sind im Nationalpark aber ebenso tabu wie Nachanbauten, d. h. das nachträgliche Pflanzen ausgewählter Baumarten (S. 187).

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Wildverbiss

Röhrig wertet es als Vorteil von Kahlschlägen, dass „die Errichtung und Dichthaltung von Zäunen gegen Wildschäden vereinfacht wird.“ (S. 357, Hervorhebung im Original)  Er meint das nicht etwa ironisch. Das Nationalparkforstamt aber hat kein Geld für Wildschutzzäune: Das LIFE+-Projekt „Wald Wasser Wildnis“ hat zwar bis Ende 2012 bislang 60 ha Fichtenwälder kahlgeschlagen, aber nur 11 Initialgatter gebaut. Diese haben eine Größe von 50 x 50 m.

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