Kahlschläge am Wüstebach

Ökologische Beurteilung der Kahlschläge

Vom 4.-5. Mai 2006 fand in Monschau eine Fachtagung zum Thema „Nationalpark Eifel: Wald in Entwicklung“ statt. Die Tagung ist mit Vorsicht und Skepsis zu bewerten: So werden „Naturschutzverbände“ zwar als Tagungsteilnehmer aufgeführt (siehe: Wald in Entwicklung, S. 1). Aber welche Verbände anwesend und wer die Delegierten waren, wird aus dem Tagungsband nicht ersichtlich. Referiert hat von ihnen niemand (ebd., S. 25). Auch der Text des Tagungsbands ist mit der nötigen kritischen Distanz zu lesen: Verfasst wurde er von Dr. Michael Röös, einem führender Vertreter des LIFE+-Projekts, und Dr. Gottfried Lennartz vom gaiac-Forschungsinstitut für Ökosystemanalyse und -bewertung. Letzteres bezieht Aufträge vom LIFE+-Projekt (siehe „Tagfaltermonitoring„).

Für die Fichtenbestände in Dedenborn gibt die Tagung nach „ausführlicher“ Diskussion folgende Empfehlung:

„Von den Teilnehmern .. wurde überwiegend die Auffassung vertreten, in einem Nationalpark auf Kahlschlag und aktive Einbringung (Unterpflanzung, Saat) nach Möglichkeit zu verzichten. Die mit dem Kahlschlag verbundene vollständige Holzentnahme wird grundsätzlich einer naturnahen Entwicklung entgegen, da hierdurch die Ausbildung strukturell vielfältiger Wälder gestört wird. Der Erhalt von Strukturen (z. B. Kronendach und Borkenrauigkeit, Höhlen, Totholz) und damit die kontinuierliche Sicherung eines vielfältigen Habitatangebots ist ein wesentliches Teilelement naturnaher Wälder. Auch vom Menschen durchgeführte Pflanzungen führen zu Strukturen, die die Natur in dieser Form nicht realisieren würde. Zudem wurde von einigen TeilnehmerInnen die Notwendigkeit einer aktiven Einbringung von Rotbuchen überhaupt und speziell die Wirksamkeit der Saat angezweifelt. Da die Rotbuche in der Eifel standortlich günstige Verhältnisse vorfindet, gingen die meisten TeilnehmerInnen der Fachtagung davon aus, dass sich die instabilen Fichtenwälder langfristig auch ohne menschliches Zutun in stabilere Wälder mit wesentlichen Rotbuchenanteilen entwickeln werden.“ (Wald in Entwicklung, S. 8 f., Hervorhebungen von mir)

Verrückterweise gilt diese Empfehlung nicht für Bachauen. Auf S. 10 des Tagungsbands wird lakonisch festgestellt: „Im Interesse der Entwicklung besonders geschützter Lebensräume soll die Fichtenentfernung in den Bachauen weitergeführt werden.“ Alle zuvor aufgeführten Argumente gegen Kahlschläge gelten plötzlich nicht mehr. Bachauen scheinen über Zauberkräfte zu verfügen: Denn dort stellt sich „sehr schnell eine naturnahe Vegetation“ ein (ebd, S. 11) ein. Nicht einmal das Wort „Kahlschlag“ taucht mehr im Text auf: Nun ist plötzlich von „Fichtenenfernungen“, „Entfichtungen“ und „Entfichtungsmaßnahmen“ die Rede, die „als wenig problematisch eingestuft“ werden.

Wie sich eine „naturnahe Vegetation“ aus Erlen und Eschen einstellen soll bei einer Rothirschdichte von 9-10 Tieren pro 100 ha bleibt das Geheimnis der Tagungsteilnehmer. Noch eine Seite vorher hat man zugegeben, dass „speziell im Teilbereich Wahlerscheid-Dedenborn die Erhaltung und Ausbreitung von Laubbäumen“ durch die „hohe Rothirschdichte behindert wird. Durch Kahlschläge werden genau die „großen Offenlandflächen“ geschaffen, die zu den „für Rothirsche optimalen Habitatstrukturen (Wald in Entwicklung, S. 10) zählen. Die Kahlschlagwirtschaft provoziert „hohe Wilddichten und damit Wildschäden(Ammer, Christian u. a: Der Wald-Wild-Konflikt, 2010, S. 57)

Einzig und allein „die Wasserwirschaft“ zeigt sich skeptisch: Zwar stimmt auch sie „grundsätzlich“ den Kahlschlägen zu, gibt aber immerhin zu bedenken, „dass sich Kahlschläge in Gewässernähe und vor allem in steilen Unterhanglagen negativ auf die Gewässergüte auswirken können. Als Folgen können erhöhte Nährstoff- und Keimeinträge in die Gewässer entstehen, insbesondere über Erosion und Sedimentation. Nach Erfahrungen aus dem Bayrischen Wald können Entfichtungen an Bachläufen kurzfristig zu erhöhten Stickstoffeinträgen führen …“ (Wald in Entwicklung, S. 11). Die Bedenken der Wasserwirtschaft werden nicht ernst genommen. Stattdessen macht man das, was man in solchen Fällen immer macht – man gründet ein „Forschungsprojekt, welches u. a. mögliche Veränderungen in der Gewässerqualität als Folge von Entfichtungsmaßnahmen erfassen soll“ (ebd.).

Ich habe mich bereits am Beispiel des LIFE-Projekts „Bachtäler im Arnsberger Wald“ ausführlich mit Kahlschlägen befasst: Vor- und Nachteile von Kahlschlägen.

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