Über die Verachtung des Massentourismus

Touristenbashing als Volkssport

Viele Leser werden sich vielleicht beim Lesen meiner Kritik am „Rummelplatz Nationalpark Berchtesgaden“ gedacht haben, ich sei anmaßend und überheblich. Vielleicht werden sie gedacht haben, dass ich mich in Widersprüche verstricken würde: Denn wie kann man den „Massentourismus“ und die „Touristenhorden“ kritisieren, wo man doch selbst dazugehört? Vorsicht! Denn d’Eramo behauptet, dass alle Touristen so sind wie ich:

„Touristenbashing scheint der populärste Sport auf unserem Planeten zu sein – und zwar nach Strich und Faden. […] Die Schmähung des Tourismus [ist] Teil des Tourismus selbst.“1

D’Eramo zitiert ausführlich aus dem Aufsatz The Semiotics of Tourism von Jonathan Culler:

„Die gnadenlose Kritik an den Touristen ist zum Teil ein Versuch, sich davon zu überzeugen, man selbst sei kein Tourist. Der Wunsch, zwischen Touristen und echten Reisenden zu unterscheiden, ist Teil des Tourismus – eher ein integraler Bestandteil als etwas jenseits oder außerhalb davon […] Ein Tourist zu sein heißt zum Teil, die Touristen zu verabscheuen (sowohl die anderen Touristen als auch den Umstand, dass wir selber Touristen sind). Die Touristen finden immer jemanden, der mehr Tourist ist als sie selber und den sie verabscheuen können. Der Tramper, der mit dem Rucksack für einen unbestimmt langen Aufenthalt nach Paris kommt, fühlt sich dem Landsmann, der im Jumbojet fliegt und eine Woche bleiben will, überlegen. Der Tourist, dessen Pauschalpaket nur den Flug und die Übernachtungen im Hotel umfasst, fühlt sich, während er im Café sitzt, den im Autobus an ihm vorbeifahrenden organisierten Gruppen überlegen. Die Gruppen von Amerikanern im Reisebus fühlen sich den Gruppen von Japanern überlegen, die aussehen, als trügen sie Uniformen und überdies bestimmt nichts von der Kultur verstehen, die sie in einem fort knipsen […]. Sobald man anerkennt, dass es zum Tourist-Sein dazugehört, dass man weniger Tourist sein will als die anderen, kann man auch die Oberflächlichkeit der meisten Diskussionen über den Tourismus erkennen, speziell derjenigen, die die Oberflächlichkeit der Touristen unterstreichen.“2

Immer geht es beim Tourismus um die Aufholjagd der unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen. Immer „laufen die Beherrschten den Herrschenden hinterher.“3 Immer geht es für die Touristen darum, distinguierter und weniger vulgär zu sein als die anderen Touristen. Jede Gruppe wählt andere Aufholstrategien und andere „Terrains für den sozialen Wettstreit“:

„[A]uf dem Terrain des Luxus kann der Tramper nicht mithalten, dafür kann er mit dem Pfund der Zeit wuchern, die ihm im Überfluss zur Verfügung steht, und statt mit der Sternezahl seiner Herbergen kann er sich mit der Unwegsamkeit der von ihm erreichten Reiseziele brüsten.“4

Es ist sehr wahrscheinlich, dass auch die chinesischen Touristen ihre Reise nach Berchtesgaden nutzen, um die Aufholjagd der Klassen zu gewinnen. Im 18. Jahrhundert schrieb Samuel Johnson (1709-1784), dass

„ein Mann, der nicht in Italien gewesen ist, sich stets seiner Unterlegenheit bewusst ist, da er nicht gesehen hat, was dem Vernehmen nach ein jeder einfach gesehen haben muss. Das große Ziel eines jeden Reisenden ist es, die Küsten des Mittelmeeres zu sehen.“5

Im 21. Jahrhundert muss ein Chinese offenbar Berchtesgaden gesehen haben. Das große Ziel eines jeden Chinesen ist es, die Ufer des Königssees zu sehen. Denn wenn er nicht in Bayern war, ist er sich „stets seiner Unterlegenheit bewusst“.

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  1. d’Eramo, S. 188, Hervorhebungen von F.-J. A. []
  2. Culler, zit. n. d’Eramo, S. 188, Hervorhebungen von F.-J. A. []
  3. d’Eramo, S. 245 []
  4. d’Eramo, S. 190, Hervorhebungen von F.-J. A. []
  5. zit. n. d’Eramo, S. 21, Hervorhebungen von F.-J. A. []