Über die Verachtung des Massentourismus

Wohlfeiler Aristokratismus

Es gibt zwei Zitate, mit denen mir d’Eramo ganz besonders auf den Schlips getreten ist. Das erste lautet:

„Die Verachtung für die Massen kleidet sich in einen wohlfeilen Aristokratismus, wie ihn Evelyn Waugh 1930 treffend formuliert: ‚Im Ausland sieht sich jeder Brite bis zum Beweis des Gegenteils gern als Reisender, nicht als Tourist.'“1

Laut Duden ist die Bedeutung von Aristokrat entweder „Adliger“ oder „Mensch von vornehmer Gesinnung und kultivierter Lebensart“. Sicherlich habe ich mich in Berchtesgaden nicht als Adliger gefühlt. Auch nicht als Mensch mit „vornehmer Gesinnung“ oder „kultivierter Lebensart“. Aber ich dachte zumindest, dass meine Gesinnung und Lebensart auf jeden Fall anders und besser seien als die der „Touristen“. Ganz sicher fühlte ich mich in Berchtesgaden nicht als „Tourist“. Ich gehörte bestimmt nicht zu diesen „Herden“, zu diesen „Massen“, zu diesen „Schwärmen“. Ich war nicht so vulgär wie diese Chinesen mit ihren Smartphones und lächerlichen Selfie-Sticks. Den Grund dafür liefert d’Eramo in folgendem Zitat:

„Diese Haltung [der Verachtung] finden wir bei unzähligen späteren Schriftstellern und Leitartiklern wieder: sich von der eigenen Herkunftsschicht freizuspielen durch eine Neubewertung des eigenen kulturellen Kapitals (welches darin bestehe, das Gesehene wirklich zu sehen und zu verstehen) und die Abwertung der anderen (bzw. ihres Unvermögens, wirklich zu sehen, was sie vor Augen haben, oder es vielleicht zu sehen, aber nicht zu begreifen).“2

Im Gegensatz zu den dummen und ungebildeten „Touristenhorden“ bildete ich mir ein, den Nationalpark wirklich zu sehen und wirklich zu verstehen und zu begreifen. Schließlich hatte ich vor dem Urlaub das Buch von Georg Meister über den Nationalpark Berchtesgaden intensiv durchgearbeitet. Die wichtigen Passagen waren fein säuberlich unterstrichen. Und vor jeder Tageswanderung las ich das entsprechende Kapitel im Buch noch einmal genau durch! So hielt ich mich geradezu für einen Experten in Sachen Fichten-Buchen-Tannen- und Zirben-Lärchen-Mischwald. Die Wanderungen zogen sich endlos in die Länge, weil ich häufig stehen blieb, um die Bäume zu fotografieren. Umständlich wurde das Stativ aufgebaut und lange nach der besten Position für die Aufnahme gesucht. Ohne es zu wissen, geriet ich zur Karikatur eines Adeligen auf Grand Tour:

„Einen Rat, den man den abreisebereiten Sprösslingen unermüdlich mit auf den Weg gab, lautete, stets einen Zeichenblock bereitzuhalten, um Landschaften oder spektakuläre Anblicke, denen sie auf der Reise begegneten, zeichnerisch (mit Tempera- oder Aquarellfarben) festhalten zu können, was den Effekt hatte, dass die Reisenden bei allem, was sie beobachteten , das ‚Malbare‚ privilegierten.“3

Ich zeichnete nicht, ich fotografierte. Ich privilegierte nicht das „Malbare“, sondern das Fotografierbare. Aber auch hier achtete ich auf die „feinen Unterschiede“4 zu den „Touristen“: Ich knipste nicht wild darauf los, sondern wählte mit Ernst und Geduld meine Motive aus. Ich machte keine banalen Schnappschüsse mit dem billigen Smartphone, sondern qualitativ hochwertige Fotos mit der teuren Digitalkamera. In gewisser Weise galt für mich das Sprichwort: Wir sind ja nicht zum Spaß hier!“ Das traf nur auf die „Massentouristen“ zu. Nein – ich sah mich wie die Briten in dem Zitat von Evelyn Waugh als „Reisender“; ich wähnte mich als auf „Bildungsreise“.

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  1. d’Eramo, S. 26, Hervorhebungen F.-J. A. []
  2. d’Eramo, S. 24, Hervorhebungen F.-J. A. []
  3. d’Eramo, S. 22, Hervorhebungen F.-J. A. []
  4. Buchtitel von Bourdieu []