Über die Verachtung des Massentourismus

Von der Bildungsreise für Adelige zum Urlaub der Massen

Am Anfang steht ein Privileg für „Sprösslinge aus Adelshäusern“. Bei der sogenannten „Grand Tour“ unternehmen sie seit dem Ende des 16. Jahrhunderts eine „Vergnügungs- und Bildungsreise“. Die jungen Adeligen hatten oft mehrere Jahre Zeit und sehr viel Geld. In aller Ruhe und mit Muße besichtigten sie Europa:

„Für einen Adligen aus dem Piemont wie Vittorio Graf Alfieri (1749-1803) bedeutete sie den Besuch von Mailand, Florenz, Rom, außerdem Paris, London, St. Petersburg, Spanien, Portugal, Deutschland, Holland.“1

Jean Preudhomme
Jean Preudhomme (1732-1795), Porträt von Douglas, dem 8. Herzog von Hamilton, 1774 auf seiner Grand Tour mit seinem Arzt Dr. John Moore und dessen Sohn John. Im Hintergrund des Bildes ist die Stadt Genf zu sehen.

Im 19. Jahrhundert startete das aufstrebende Bürgertum seine Aufholjagd. Den Unterschied zwischen Adel und Bürgertum veranschaulicht d’Eramo an dem der „Handbücher“ für die Grand Tour der Adeligen und den „Reiseführern“ für das Bürgertum wie z. B. dem Baedeker:

„In den Handbüchern ging es darum, den Blick des Reisenden […] auf bestimmte Gegenstände und Ereignisse zu lenken, da die einzelnen Reiseziele ohnehin feststanden; man erklärte das Wie, nicht das Wohin des Reisens und Schauens; in den Reiseführern hingegen erklärte man, wohin man gehen sollte, wie man am besten hinkam und zu welchem Preis (während man sich früher niemals zu einem solch vulgären Thema herabgelassen hätte), denn wie man vermutete, waren es genau diese Angaben, die dem Reisenden fehlten. Zwischen den Handbüchern und den Reiseführern liegt derselbe Unterschied wie zwischen Aristokratie, an die sich erstere, und dem Bürgertum, an das sich letztere wandten.“ (d’Eramo, S. 23, Hervorhebungen von F.-J. A.))

Carl Spitzweg 047
Carl Spitzweg (1805-1885), Engländer in der Campagna (1835)

Mit dem bürgerlichen Aufholen beginnt die Verachtung der Touristen:

„1817 rümpft Stendhal (der nicht einmal adlig war) die Nase über die vielen Ausländer auf dem Spazierweg im Parco delle Cascine in Florenz, ‚verstopft von sechshundert Russen oder Engländern. Florenz ist ein Museum voller Ausländer, die ihre eigenen Gepflogenheiten dorthin verpflanzen.“2

Stendhal schimpft in Florenz über Russen und Engländer, über Chinesen in Berchtesgaden schimpfe ich 200 Jahre später.

Mit der Einführung des bezahlten Urlaubs im 20. Jahrhundert holt dann das Proletariat auf:

„Wenn auch die Angehörigen der Industriebetriebe, die Arbeiter, Touristen werden, dann wir der Tourismus selbst zur ‚Industrie‘ (Touristikindustrie) und fällt unter die Kategorie des ‚Massenkonsums‚, wird Bestandteil der ‚Massenkultur‚, der man folglich getrost den verächtlichen Blick der Frankfurter Schule auf den ‚entfremdeten Konsum‚ anhängen kann.“3

D’Eramo trifft den Nagel auf den Kopf: Mein verächtlicher Blick auf die Touristenmassen war tatsächlich von der Frankfurter Schule geprägt. Im Studium hatte ich die Klassiker von Adorno, Horkheimer und Marcuse alle gelesen.

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  1. d’Eramo, S. 20 []
  2. d’Eramo, S. 24, Hervorhebungen F.-J. A. []
  3. d’Eramo, S. 26, Hervorhebungen F.-J. A. []