Über die Verachtung des Massentourismus

„Allgemeiner gesprochen verliert jede soziale Praxis bei ihren Nutznießern desto mehr an Wertschätzung, je weitere Verbreitung sie in der ‚Masse‘ findet.“
Marco d’Eramo

Klassenkampf und Aufholjagd

D’Eramo belässt es nicht bei dem Nachweis, dass die Kritik am Massentourismus schon 150 Jahre alt ist. Er fragt nach dem Grund für die „soziale Geringschätzung“ des Massentourismus und für die „Verachtung der Massen“. Die Antwort findet er bei dem französischen Soziologen Pierre Bourdieu und seinem Buch Die feinen Unterschiede:

„[A]lle beteiligten Gruppen [rennen] in dieselbe Richtung, den Blick auf dieselben Ziele und dieselben Eigenschaften und Merkmale gerichtet – nämlich jene, die durch die Gruppe an der Spitze vorgegeben werden, den nachfolgenden Gruppen aber per definitionem unerreichbar sind, insofern sie […] durch ihre distinktive Seltenheit ausgezeichnet […] sind und sie, einmal vermehrt, verbreitet und auch für Gruppen mit niedrigerem Rang zugänglich, nicht mehr das sind, was sie unter Voraussetzung ihrer Seltenheit sind.“1

In den Worten von d’Eramo:

„[J]ede jede soziale Praxis [verliert] bei ihren Nutznießern desto mehr an Wertschätzung, je weitere Verbreitung sie in der ‚Masse‘ findet.“2

D’Eramo gibt für diese Regel ein einfaches Beispiel, das jeder kennt und jeder beklagt:

„[Z]unächst erhielten nur die herrschenden Klassen eine Schulbildung, dann die wohlhabenden; schließlich wurde die Schule zur ‚Pflicht‘, und ihre Dauer verlängerte sich […]. So stellte früher einmal die Abiturprüfung am humanistischen Gymnasium das Eintrittszeugnis zur herrschenden Klasse dar (nur wer die Prüfung bestanden hatte, konnte in Italien beispielsweise die Laufbahn des Offiziersanwärters in der Armee einschlagen), aber mit der Massenuniversität kann nicht einmal mehr der Hochschulabschluss diesen Zugang garantieren. Die Aufholjagd löst Bourdieu zufolge die Entwertung der (inflationär ausgestellten) Bildungstitel aus.“3

Die Aufholjagd ist bei Bourdieu eine Form des Klassenkampfes. Und die Aufholjagd ist zeitlich gestaffelt: Am Anfang ist das Gymnasium das Privileg der herrschenden Klasse. Dann erkämpft sich das Bürgertum das Recht auf eine höhere Schulbildung und dann die Arbeiterklasse:

„[Ü]berall ist aus der einstigen Eliteinstitution Gymnasium eine neue Form der Volksschule geworden. Das Abitur, der vermeintliche Ausweis der Klugen, ist heute ein Abschluss der Massen.“4

Deshalb geht die Aufholjagd weiter und Bürgertum und Arbeiterklasse erstreiten sich nacheinander das Recht auf ein Hochschulstudium. Am Ende ist der Hochschulabschluss entwertet und der Hochschulabsolvent mit befristetem und schlecht bezahltem Job schimpft auf die „Massenuniversität“5

Wie hilft nun dieses Modell des Klassenkampfs und der „zeitlich gestaffelten Aufholjagd“, den Massentourismus und seine Verachtung zu erklären? Welche Praxis der herrschenden Klasse wird zum Vorbild der aufholenden Klassen?

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  1. zit. n. d’Eramo, S. 18 f., Hervorhebungen von F.-J. A. []
  2. d’Eramo, S. 18, Hervorhebungen von F.-J. A. []
  3. ebd. []
  4. Anant Agarwala, Abi für alle! ZEIT-ONLINE 30.3.2017, Hervorhebungen von F.-J. A. []
  5. Jeder Dritte hat befristete Stelle, SPIEGEL-ONLINE 24.1.2013 []