Über die Verachtung des Massentourismus

150 Jahre Kritik am Massentourismus

Ich bildete mir ein, meine Kritik am Massentourismus sei Ausweis meines kritischen Bewusstseins. Ich hielt für einen kritischen Intellektuellen, der mit seiner Intelligenz hoch über den ungebildeten Massen stünde. Ich hielt meine Kritik für herausragend und originell. Dabei war sie 150 Jahre alt.

1848 schreibt das Blackwood’s Edinburgh Magazine:

„Die Vorzüge von Eisenbahn und Dampfschifffahrt sind über die Maßen gepriesen worden, und wir möchten ihren Nutzen nicht in Abrede stellen. […] Doch haben sie unsere Generation mit einer grausamen Geißel geschlagen: Sie haben Europa mit Touristen überzogen.“1

1865 straft ein Engländer die Touristen mit Verachtung; er beschimpft sie als „Herde“ oder „Schwarm“ und den Reiseleiter als „Schäferhund“:

„Die Städte Italiens sind jetzt von Herden dieser Kreaturen überflutet, denn sie trennen sich nie, und man sieht, wie sie vierzig an der Zahl mit ihrem Direktor durch eine Straße strömen – er ist mal vorne, mal hinten, und umkreist sie wie ein Schäferhund – und der Vorgang ist so, als würde er sie hüten. Ich habe bereits drei Schwärme getroffen, und etwas so Pöbelhaftes habe ich noch nie gesehen […].“2

1871 vertraut Robert Kilvert, ein englischer Geistlicher, seinem Tagebuch an:

„Wenn mir etwas ganz besonders zuwider ist, dann, wenn man gesagt bekommt, was man bewundern soll, und mit dem Zeigestock darauf gestoßen wird. So ist von allen Schädlingen der Tourist der schädlichste.3

1872 regt sich Joseph Arthur de Gobineau über die „Touristenhorden“ auf:

„An Bord des Schiffes […] befand sich auch eine Gruppe von jenen HerdenviehReisenden, die die Mode jedes Jahr aus ihren Gehegen aufscheucht, weil sie, wie sie angeben, eine Orientreise machen wollen.“4

Blankenberghe dijk
Blankenberge (Niederlande) in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts

Und 1902 erinnert sich A. I. Shand an die gute alte Zeit vor vierzig Jahren:

„Touristen waren damals vergleichsweise selten, und den reisenden Pöbel von heute gab es noch nicht. […] Die Sommerfrische Europas (die Schweiz) ist jetzt überschwemmt mit Sightseeing-Touristen; die heiligen Stätten […] sind nunmehr entweiht und vulgär geworden.“5

Ganz ähnlich schreibe ich 100 Jahre später über die Kirche St. Bartholomä: sie ist für mich durch die „Touristenhorden“ entweiht und zur „Räuberhöhle“ geworden.

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  1. zit. n. d’Eramo, S. 17, Hervorhebungen von F.-J. A. []
  2. Daniel Boorstin, The Image, New York: Atheneum, 1967, S. 85; zit. n. Jonathan Culler, The Semiotics of Tourism, Übersetzung von F.-J. A. []
  3. zit. n. d’Eramo, S. 17, Hervorhebungen von F.-J. A. []
  4. ebd. []
  5. zit. n. d’Eramo, S. 19, Hervorhebungen von F.-J. A. []